Darum gehts
- Vom «Arena»-Moderator zum engsten Kommunikationsberater Guy Parmelins
- Elf Jahre lang begleitet Urs Wiedmer den Bundesrat durch Krisen, Reisen und zwei Präsidialjahre
- Wiedmer hilft Parmelin, in der Deutschschweiz Fuss zu fassen und sein öffentliches Profil zu prägen
Ein Bundesrat, sagt man in Bern gerne, ist nichts ohne seine Berater. Deshalb gehört zu den ersten Entscheidungen nach der Wahl auch eine, die kaum Schlagzeilen macht: Wen holt der Magistrat in seinen engsten Stab?
Besonders wichtig ist die Wahl des Kommunikationschefs. Er sitzt bei vertraulichen Gesprächen dabei, kennt brisante Geschäfte, bevor sie öffentlich werden, reist mit seinem Bundesrat durchs Land und manchmal um die Welt. Und er soll dafür sorgen, dass der Chef verstanden wird. Dafür braucht es vor allem eines: Vertrauen.
Der dienstälteste Chefsprecher
Keiner in Bern macht diesen Job schon so lange wie Urs Wiedmer (61), der Kommunikationschef des abtretenden SVP-Bundesrats Guy Parmelin (66).
Ein sicherer Posten ist das eigentlich nicht. Gerät ein Bundesrat unter Druck, steht schnell seine Kommunikation in der Kritik. Die «Kommchefs», wie sie in Bern meist genannt werden, kommen und gehen. Manche von Parmelins Bundesratskollegen haben in ihrer Amtszeit mehrere von ihnen «verschlissen».
Umso bemerkenswerter ist die ungewöhnliche Liaison, die Ende 2015 begann. Als Parmelin in den Bundesrat gewählt wurde, holte er Urs Wiedmer. Der Waadtländer setzte – ausgerechnet – auf einen Mann des Deutschschweizer Fernsehens.
Bevor Wiedmer zu Parmelins Spin Doctor wurde, war er fast zwei Jahrzehnte Journalist bei Radio und Fernsehen. Wiedmer, von Haus aus Primarlehrer, war Reporter, arbeitete als Korrespondent und wurde schliesslich Bundeshaus-Berichterstatter. Einige Jahre stand er als Moderator der «Arena» selbst im Scheinwerferlicht. Wiedmer war weder SVP-Mitglied noch ein Mann aus der PR-Branche. Dafür kannte er die Deutschschweiz – und hatte ein Gespür dafür, wie sie tickt.
Das konnte Parmelin gebrauchen. Der Winzer aus Bursins VD war damals jenseits des Röstigrabens völlig unbekannt. Deutsch sprach er nur leidlich (von seinem Englisch ganz zu schweigen), und auch bei seinen Auftritten in der grössten Landesregion gab es Luft nach oben. Parmelin selbst räumte ein: «Ich bin nicht ‹Arena›-kompatibel.»
Sie wurden unzertrennlich
Der ehemalige «Arena»-Dompteur sollte Parmelin fit für die Auftritte machen. Daraus wurde eine Berner Langzeitbeziehung. Jahre später sollten die beiden im Bundeshaus, wie die «NZZ» einmal schrieb, als «unzertrennlich» gelten.
Parmelin zog bei Rüstungsprojekten die Notbremse und geriet dafür in die Kritik; Wiedmer verteidigte seinen Chef. Parmelin kämpfte sich im Verteidigungsdepartement durch Armeereform und Kampfjet-Debatte; Wiedmer hielt ihm den Rücken frei.
Parmelin wechselte 2019 vom Verteidigungs- ins Wirtschaftsdepartement; Wiedmer wechselte mit. In der Coronakrise stand Parmelin als Wirtschaftsminister plötzlich besonders im Fokus; Wiedmer erklärte, ordnete ein, schirmte seinen Chef ab.
Parmelin verhandelte Freihandelsabkommen; Wiedmer war zur Stelle. Parmelin beriet mit den Amerikanern über einen Zolldeal; Wiedmer wich nicht von seiner Seite.
Er liess Parmelin Parmelin sein
Loyalität gehört zum Jobprofil des Kommchefs, zu viel Geltungsdrang ist da eher hinderlich. Der Bundesrat ist der Star, nicht sein Chefsprecher – diese Devise wird Wiedmer nachgesagt.
«Ein Bundesrat sieht seinen Kommchef mehr als seine Ehefrau», sagt einer, der in Bern mit vier Bundesräten und drei Kommchefs zusammengearbeitet hat. «Da kann man sich schnell auf den Wecker gehen.»
Bei Wiedmer und Parmelin schien das nie der Fall. Bald schien es, als kannte Wiedmer die Gedanken seines Chefs. Er wusste, wann er ihn bremsen oder schützen, wann er ihn einfach machen lassen musste. Parmelin vertraute ihm. Zwischen den beiden genügten wenige Worte.
Der SVP-Bundesrat verfügte über einen eingespielten Stab mit ausgesprochenen Teamplayern – das «Team Parmelin» im «Team Switzerland», wenn man so will. Es sei immer um den Erfolg fürs Ganze und nicht des Einzelnen gegangen, sagt einer, der nah dran war.
Ob Wiedmer ein ausgeklügeltes Konzept hatte, um Parmelin medial zu positionieren? Sicher ist: Er versuchte kaum, aus dem manchmal etwas trocken wirkenden Waadtländer einen geschliffenen Medienprofi zu formen. Stattdessen liess er Parmelin Parmelin sein. Bedächtig, nicht immer geschliffen, mit feinem Humor. Was anfangs wie Schwächen wirkte, wurde mit den Jahren zu einem Teil des Parmelin-Kultfaktors.
Zeit für Selbstironie
Nach elf Jahren in Parmelins Dienst endet nun eine ungewöhnliche Zusammenarbeit. Wiedmer selbst äussert sich dieser Tage nicht zu seiner Arbeit, die Aufmerksamkeit soll ganz dem abtretenden Bundespräsidenten gelten.
Wiedmer wird als Mann in Erinnerung bleiben, der Parmelins Schatten war. Gegen Ende erlaubten sich die beiden sogar mehr Selbstironie, als man sie aus dem Bundesrat gewohnt war: Parmelin sorgte mit seinem Käppi an der Fussball-WM für Lacher (andere Kommchefs reden schon bei der Jackenwahl rein) und kommentierte augenzwinkernd Schweizer Spezialitäten vor der Kamera.