Darum gehts
- Ein Plan des Bundes für leisere Reifen scheitert an mangelndem Interesse
- Branchenvertreter lehnen Selbstverpflichtung ab und sehen keinen Handlungsbedarf
- Grosse Wirkung: Leisere Reifen könnten den Strassenlärm um 2 bis 3 Dezibel senken
Er raubt den Schlaf, erhöht das Risiko für gewisse Erkrankungen und drückt die Liegenschaftspreise: Jede zehnte Person ist an ihrem Wohnort zu starkem Verkehrslärm ausgesetzt. Eine der wichtigsten, oft unterschätzten Quellen: die Autoreifen.
Das Abrollgeräusch der Pneus auf dem Asphalt, so formuliert es der Bund, «spielt eine zentrale Rolle». Diese Geräusche übertönen bereits ab Tempo 25 den Motor. Leisere Reifen können den Strassenlärm dämpfen.
Um solche Pneus zu fördern, plante man in Bern eine eigentliche Reifen-Revolution: Unternehmen sollten sich freiwillig verpflichten, geräuscharme Pneus einzusetzen. Eine Branchenvereinbarung mit grossen Flottenbetreibern erachteten die zuständigen Beamten als «vielversprechendste Variante, um die Verbreitung leiser Reifen» zu fördern. Ganz ohne Gesetzeskeule!
Doch die Sache entwickelt sich zum grossen Flop: Die Übung wird bereits nach den ersten Gesprächen abgeblasen. Das Bundesamt für Umwelt zog ein Beratungsbüro bei, das mit Flottenbetreibern, Transportfirmen und Verbänden sprach.
«Ziemliches Desaster für Bern»
Der Bericht der Berater, der Blick vorliegt, ist ernüchternd: Die Akteure der Branche haben kein Interesse an einer freiwilligen Selbstverpflichtung – sie wird regelrecht zerpflückt. Die Gespräche hätten «wenig Unterstützung für dieses Vorhaben» gezeigt.
Der Bundesrat räumte zuvor bereits in einer Vorstossantwort ein «geringes Interesse» ein. Es gebe schlicht keine Bereitschaft, eine Branchenvereinbarung zu erarbeiten – geschweige denn, sie am Ende zu unterzeichnen. «Es ist ein ziemliches Desaster für Bern», bilanziert ein Branchenvertreter hinter vorgehaltener Hand.
Der grösste Lärm eines Autos kommt nicht vom Motor, sondern von den Reifen: Ab etwa 25 km/h übertönen die Abrollgeräusche auf dem Asphalt den Motor. Für eine Studie testeten Schweizer Ingenieure 2018 geräuscharme Reifen auf den gängigsten Strassenbelägen. Das Resultat: Würden ausschliesslich leise Pneus eingesetzt, entspräche der akustische Effekt im besten Fall etwa einer Halbierung des Verkehrs.
Das Rollgeräusch eines Pneus entsteht – vereinfacht gesagt – auf zwei Wegen: Beim Fahren wird Luft aus dem Profil gedrückt, gleichzeitig versetzt der raue Strassenbelag den Pneu in Schwingung. Wie laut das wird, hängt unter anderem von Breite, Grösse und Gummimischung ab. Um das Geräusch zu mindern, können Profil und Aufbau eines Reifens optimiert werden.
Die EU-Reifenetikette, die auch in der Schweiz gilt, weist das Rollgeräusch aus. Angegeben wird es in Dezibel. Zur Einordnung gibt es drei Klassen: von A für leisere Reifen bis C für laute.
Nicht zu vernachlässigen: Es gibt immer mehr E-Autos – ihr Motor ist leiser, aber die Autos sind tendenziell schwerer und die Reifen breiter. Damit rückt das Geräusch der Pneus als Lärmquelle noch stärker in den Vordergrund.
Der grösste Lärm eines Autos kommt nicht vom Motor, sondern von den Reifen: Ab etwa 25 km/h übertönen die Abrollgeräusche auf dem Asphalt den Motor. Für eine Studie testeten Schweizer Ingenieure 2018 geräuscharme Reifen auf den gängigsten Strassenbelägen. Das Resultat: Würden ausschliesslich leise Pneus eingesetzt, entspräche der akustische Effekt im besten Fall etwa einer Halbierung des Verkehrs.
Das Rollgeräusch eines Pneus entsteht – vereinfacht gesagt – auf zwei Wegen: Beim Fahren wird Luft aus dem Profil gedrückt, gleichzeitig versetzt der raue Strassenbelag den Pneu in Schwingung. Wie laut das wird, hängt unter anderem von Breite, Grösse und Gummimischung ab. Um das Geräusch zu mindern, können Profil und Aufbau eines Reifens optimiert werden.
Die EU-Reifenetikette, die auch in der Schweiz gilt, weist das Rollgeräusch aus. Angegeben wird es in Dezibel. Zur Einordnung gibt es drei Klassen: von A für leisere Reifen bis C für laute.
Nicht zu vernachlässigen: Es gibt immer mehr E-Autos – ihr Motor ist leiser, aber die Autos sind tendenziell schwerer und die Reifen breiter. Damit rückt das Geräusch der Pneus als Lärmquelle noch stärker in den Vordergrund.
Hoffnungen setzte man einerseits in die Logistikbranche mit ihren schweren Fahrzeugen. Andererseits richtete sich der Fokus auf die PKW-Flotten von Privatwirtschaft und öffentlicher Hand – vom Firmenauto bis zum Polizeiwagen. Gut jeder dritte Wagen in der Schweiz gehört zu einer Firmenflotte.
Branchenvertreter wollten nichts wissen
Das Beratungsbüro sollte im Auftrag des Bundes versuchen, möglichst viele Akteure des Logistikmarkts und Flottenbetreiber für eine Vereinbarung zu gewinnen. Potenzielles Ziel: Mindestens 90 Prozent der eingesetzten Reifen sollten der leisesten Lärmkategorie gemäss EU-Reifenlabel entsprechen.
Aber in den Gesprächen wurde das Vorhaben verrissen: Man setze bereits heute qualitativ hochwertige Reifen ein, führten Branchenvertreter ins Feld – «meist Premiumreifen, diese befinden sich tendenziell eher in guten Lärmkategorien». Zusätzlichen Handlungsbedarf sehe man nicht.
Mehrere Akteure verwiesen auf die leistungsabhängige Schwerverkehrsabgabe: Der Strassenlärm habe damit schon ein Preisschild. Ohne finanzielle Anreize fehle ein Mehrwert. Teilweise wurde auch die Wirksamkeit infrage gestellt. Der Kreis potenzieller Teilnehmer sei zu klein, um messbare Effekte zu erzielen.
Zudem geriet das Reifenlabel an sich ins Visier, da es auf Selbstdeklarationen der Hersteller beruht. Und schliesslich schreckte der befürchtete administrative Mehraufwand ab.
SP-Nationalrätin Suter ist enttäuscht
Wie weiter? Das Beratungsbüro nennt zwar Alternativen – von Vorschriften über finanzielle Anreize bis hin zu Vereinbarungen mit Importeuren. Nachdem die freiwillige Reifen-Revolution allerdings geplatzt ist, ist beim Bund wenig Lust spürbar, am Thema dranzubleiben.
SP-Nationalrätin Gabriela Suter (53, AG) machte mit Vorstössen Druck auf den Bundesrat, sich für leisere Reifen einzusetzen. Das vorzeitige Aus der Branchenvereinbarung kritisiert sie scharf. «Es ist enttäuschend und unverständlich, dass der Bundesrat sich dieser einfachen und wirkungsvollen Massnahme verweigert: keine Branchenvereinbarung und keine Förderung leiser Reifen», sagt sie zu Blick. «Damit lässt er die Lärmbetroffenen einmal mehr im Stich.»
Denn: Suter brachte überdies ein Anreizsystem ins Spiel. Doch die Landesregierung lehnte die Idee ab. Die heutige Reifenetikette sei nur eine Selbstdeklaration der Hersteller. «Ein System finanzieller Anreize darauf aufzubauen, wäre mit grosser Unsicherheit verbunden», so der Bundesrat. Dies würde auch eine «konsequentere Überprüfung der Etikette erfordern, was sehr ressourcenintensiv wäre». Weitere Möglichkeiten zur Förderung leiserer Reifen verfolgt der Bund derzeit nicht.
Suter lässt die Argumente nicht gelten. Schliesslich komme selbst die Erhebung der Behörden zum klaren Schluss, dass leise Reifen den Strassenlärm um zwei bis drei Dezibel senken würden. Die Nationalrätin gibt zu bedenken: «Damit könnten etwa eine Million Menschen von gesundheitsschädlichem Lärm entlastet werden.»