«Das Demokratie-Defizit wird immer grösser»
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Neuer Nationalrat Bullakaj:«Das Demokratie-Defizit wird immer grösser»

Eingebürgerter Lokalpatriot
So will Bullakaj in Bern das Bürgerrecht umkrempeln

Arber Bullakaj zieht am Montag in den Nationalrat ein. Rund zwanzig Jahre nach seiner eigenen Einbürgerung will er dort für ein einfacheres Einbürgerungssystem kämpfen. In Wil ist die Freude gross – ein Stadtrundgang mit dem SP-Politiker.
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In diesem Gebäude fand einst das Einbürgerungsgespräch von Arber Bullakaj statt.
Foto: Linda Käsbohrer

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Arber Bullakaj (40) zieht am Montag in den Nationalrat ein
  • Er wird zweiter Parlamentarier mit kosovarischen Wurzeln in der Schweiz
  • 27 Prozent ohne Schweizer Pass, Einbürgerungs-Initiative für einfacheren Zugang geplant
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Der Himmel über Wil SG ist wolkenlos, Passanten tummeln sich in der schmucken Altstadt zum Einkaufen oder um eine Glace zu schlecken. Arber Bullakaj (40) spaziert im Anzug, auch an diesem warmen Nachmittag. Ein Kunde habe ihn einmal gefragt, ob er auch darin schlafe. «Ja, im Schlafanzug», sagt Bullakaj grinsend. 

«Herr Bullakaj, wir freuen uns», ruft ihm eine Frau auf dem Platz vor dem Rathaus zu. Über genau diesen Platz hastete Bullakaj vor knapp zwanzig Jahren. Er hatte sich für den Einbürgerungstermin vom Unterricht freigenommen. Bullakaj war nervös, aber ein jüngerer Freund, dessen Gespräch ebenfalls an diesem Nachmittag stattfand, war noch nervöser. «Ich sah mich in der Verantwortung, ihn zu beruhigen.»

Im Gespräch sass ihm damals die heutige Nationalrätin Barbara Gysi (61, SP) gegenüber. Sie war Teil des Einbürgerungsrates. Ab Montag werden die beiden nun in den gleichen Reihen sitzen – Bullakaj rückt für die abtretende Claudia Friedl (65) in den Nationalrat nach. Damit wird er neben Islam Alijaj (39) der zweite aus dem Kosovo stammende Parlamentarier.

Pünktlich zur eigenen Initiative

In Wil scheint die Freude gross zu sein. Ständig wird der SP-Politiker gegrüsst, ein Mann spricht ihn an, weil er aus dem gleichen Dorf im Kosovo stammt. Zweimal verpasste Bullakaj die Wahl knapp, landete jeweils auf dem ersten Ersatzplatz. Nun ist es endlich so weit – gerade rechtzeitig. Während der Sondersession berät der Nationalrat erstmals die Einbürgerungs-Initiative, die Bullakaj mit der Aktion Vierviertel eingereicht hat.

Die Initiative will Einbürgerungen erleichtern. Nach fünf Jahren rechtmässigen Aufenthalts in der Schweiz soll eine Einbürgerung möglich sein – unabhängig von der Niederlassungsbewilligung. Auch andere Hürden sollen fallen: Niemand soll mehr in einem Test Integration beweisen müssen, und der Bezug von Sozialhilfe soll kein Ablehnungsgrund sein.

«Das heutige System ist nicht demokratiefördernd», sagt Bullakaj. Die Schweiz habe ein strukturelles Demokratiedefizit. «27 Prozent der Bevölkerung haben keinen Schweizer Pass. Sie leisten aber über 35 Prozent der Arbeitsstunden und tragen massgeblich zur Finanzierung unserer Sozialwerke bei. Trotzdem dürfen sie nicht mitbestimmen. Das ist ein Widerspruch, den wir auflösen müssen.»

Auf Bullakajs Eltern wurde einst eingeredet, sich nicht einbürgern zu lassen. «Das brauchen sie doch gar nicht, hat man ihnen beim Amt gesagt.» Heute ermutigt Bullakaj abgelehnte Antragsteller, Rekurs einzulegen. In einer St. Galler Gemeinde unterstützte er über ein Dutzend Rekurse – alle waren erfolgreich. «In den Gemeinden herrscht Willkür. Manche Fragen dienen nur dazu, die Leute zu schikanieren.»

«Ich bin Lokalpatriot»

Eine Stadttour durch Wil erzählt auch die Familiengeschichte der Bullakajs. Das Bürogebäude neben dem Bahnhof hat sein Onkel als Saisonnier mit aufgebaut. Sein Vater arbeitete auf verschiedenen Baustellen und wechselte schliesslich in eine Fabrik. 14 Jahre vergingen, bis er seine Familie nachziehen konnte – Bullakaj war damals acht Jahre alt. «Erst jetzt als Vater verstehe ich, wie schwierig das gewesen sein muss. Ich halte schon zwei Wochen weg von meinen Kindern kaum aus.»

Gegenüber dem Schulhaus und dem Stadtparlament, wo Bullakaj später politisierte, wuchs er auf. Die Wohnung lag über einem Coiffeursalon. Die Bilder im Schaufenster sind noch immer die gleichen wie damals.

Mit seinen Geschwistern verbrachte er viel Zeit am Wiler Weier. Heute kommt er mit seiner Familie hierher. An diesem Donnerstagnachmittag spazieren Familien am Ufer entlang, Kinder üben Velofahren. Bullakaj kennt zu fast jedem Gebäude eine Geschichte. «In Wil fühle ich mich zu Hause», sagt er. Jedes Mal, wenn er weg ist, freut er sich auf die Rückkehr. «Ich bin Lokalpatriot.»

Bullakaj wurde zum Musterschüler. Im Kosovo war er es gewohnt, gut in der Schule zu sein. In der Schweiz musste er wieder bei null starten – und er strengte sich an. Weil er am ersten Tag die Hausaufgaben falsch verstand, löste er fast das ganze Mathematikbuch bis spät in die Nacht. Bullakaj schaffte es von der Real- über die Sekundar- bis in die Wirtschaftsmittelschule. Heute arbeitet er als IT-Unternehmer.

Die Schäfchen-Plakate, mit denen die SVP für die Ausschaffungs-Initiative warb, rüttelten ihn auf. «Was heisst das für mich?», habe er sich gefragt. Er begann, sich politisch zu engagieren. Heute kämpft er für mehr Diversität in der Politik und eine Reform des Einbürgerungssystems.

Bullakaj ist kein Perfektionist mehr

Bei Arber Bullakaj sitzt alles. «Ich bin wohl ungewöhnlich eitel für einen Linken», witzelt er. Im Geschäft sei ihm immer gelungen, was er sich vorgenommen habe, in der Politik gebe er vollen Einsatz. Ob er ein Perfektionist ist? Bullakaj überlegt. «Ich war es einmal.» Das musste er ablegen. Sonst werde man in der Politik unzufrieden. «Politik ist langsam, und man bekommt nicht immer alles, was man will.» 

Das hat er selbst erfahren. Als er 2015 das erste Mal für den Nationalrat kandidierte und die Wahl verpasste, sass die Enttäuschung tief. Seine Lektion habe er gelernt, Niederlagen gehörten dazu. 

Es dürfte auch nicht das letzte Mal bleiben, dass Bullakaj eine Niederlage einstecken muss. Zumindest im Parlament stehen die Chancen für seine Einbürgerungs-Initiative schlecht. Bullakaj hofft dennoch, einige Bürgerliche zu überzeugen. Aber er mache das schliesslich aus Idealismus und sei kein Opportunist. «Man gewinnt keinen Blumenstrauss, wenn man sich für Leute einsetzt, die nicht wählen können», sagt Bullakaj. Tun sollte man es trotzdem, findet er.

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