Darum gehts
- Mattea Meyer kehrt nach fünf Monaten Auszeit ins Bundeshaus zurück
- Sie litt an Erschöpfung und erhielt grosse Unterstützung über Parteigrenzen hinweg
- Psychotherapie-Kritik: Betroffene warten in der Schweiz oft bis zu einem Jahr
Mattea Meyer (38) ist wieder da! Nach fünf Monaten Auszeit kehrt die SP-Co-Präsidentin und Nationalrätin ins Bundeshaus zurück.
Ende November 2025 hatte Meyer öffentlich gemacht, dass sie an «grosser Erschöpfung» leide und «die Notbremse ziehen» müsse. Sie zog sich aus der Öffentlichkeit zurück und legte ihr Amt als Co-Präsidentin der SP Schweiz vorübergehend nieder. Jetzt geht es ihr besser: «Ich bin voller Energie und Freude für mein politisches Engagement. Das ist ein unglaublich schönes Gefühl», sagt sie im Gespräch mit dem «Tages-Anzeiger».
Grosse Anteilnahme über die Parteigrenzen
Die Rückkehr war dabei alles andere als selbstverständlich. «Alltägliche Dinge wie E-Mails beantworten, einer Debatte zu folgen oder meine Kinder morgens fertigzumachen, haben mich unglaublich viel Energie gekostet», erzählt die Politikerin. Schlafprobleme und Übelkeit plagten Meyer.
Doch sie machte weiter – bis es nicht mehr ging. In einer durchwachten Nacht hielt sie innerlich eine Art Selbstgespräch: «Einer Freundin in meinem Zustand würde ich auch raten: Hey, jetzt ist fertig. Jetzt musst du zu dir schauen.»
Der Schritt in die Öffentlichkeit fiel ihr schwer, doch die Reaktionen seien überwältigend positiv gewesen. «Die Anteilnahme und das Verständnis waren riesig, über alle Parteigrenzen hinweg», so Meyer. Die Unterstützung von ihrer Partei und ihrem privaten Umfeld habe ihr geholfen, sich die notwendige Zeit für die Erholung zu nehmen.
Weiter nah an der Grenze
Professionelle Hilfe sei ebenfalls ein wichtiger Teil ihres Weges gewesen. «Man kommt viel besser aus einer solchen Situation, wenn jemand diese Phase und das eigene Verhalten professionell einordnen kann», sagt Meyer. Doch sie kritisiert die unzureichende psychotherapeutische Versorgung in der Schweiz scharf: «Viele Betroffene warten Monate oder bis zu einem Jahr, bis sie eine Fachperson haben. Das verschlimmert alles und erhöht die Kosten, weil sich der Gesundheitszustand verschlechtert.»
Nun habe die SP-Nationalrätin aber erneut bewusst Ja zu ihrer politischen Arbeit gesagt – diesmal jedoch mit einem Fokus auf ihre eigenen Grenzen. «Ich werde sicher immer wieder in die Nähe der Grenze kommen. Aber ich glaube, jetzt bringe ich ein ganz anderes Bewusstsein mit», sagt Meyer.
Doppelspitze als Vorteil
Ein grosser Vorteil: Die Doppelspitze mit SP-Kollege Cédric Wermuth (40). Das Co-Präsidium habe es ihr ermöglicht, loszulassen «und nicht das Gefühl zu haben, ich müsste bis zum Umfallen weiterrennen».
Mit Blick auf die nationale Wahl 2027 kündigt Meyer an, zwar weiterhin Vollgas zu geben – «aber anders als vorher». Gleichzeitig betont sie gegenüber dem «Tages-Anzeiger» auch die Verantwortung der Gesellschaft, mehr Raum für Schwäche und Verletzlichkeit zu schaffen. «Unsere Leistungsgesellschaft kann gnadenlos sein. Ein bisschen mehr Ehrlichkeit oder gegenseitige Fürsorge schaden nicht», sagt die SP-Frau. Sie sei keine Superheldin – sondern eine Politikerin, die auch menschlich bleiben darf.