Darum gehts
- Beitragslücken sind weit verbreitet, der Nationalrat will dagegen vorgehen
- Eine digitale Plattform soll Versicherten jederzeit Einblick in ihren AHV-Auszug ermöglichen
- Pro fehlendem Beitragsjahr sinkt die Rente um 2,3 Prozent
Bei Rentner Roland Reinle (66) klafft eine AHV-Lücke. Nur gerade 690 Franken AHV erhält der in Spanien lebende Pensionär. Mit ein Grund sind fehlende Beiträge aus den 1980er-Jahren, obwohl er damals arbeitete. Wo der Fehler liegt, lässt sich nicht mehr klären. Die finanziellen Folgen aber sind schmerzhaft: Für jedes fehlende Beitragsjahr wird die Rente um 2,3 Prozent gekürzt. Allein die aufgetauchte Beitragslücke für die umstrittenen Jahre kostet Reinle monatlich über 200 Franken.
Womöglich hätte er die Lücke vermeiden können, hätte er regelmässig seinen AHV-Kontoauszug bei der Ausgleichskasse bestellt. Damit, dass er sich nicht aktiv selbst darum gekümmert hat, steht er nicht allein da. Viele Versicherte vertrauen darauf, dass mit den Arbeitgebern alles klappt – und erleben dann erst bei der Pensionierung ihr blaues Wunder!
Digitale Plattform soll helfen
Die Problematik hat auch die Politik erkannt. SP-Sozialministerin Elisabeth Baume-Schneider (62) will deshalb den Zugang zum persönlichen AHV-Kontoauszug über eine digitale Plattform für die erste Säule erleichtern. Ab 2028 sollen Versicherte jederzeit Einsicht nehmen können, ob ihre AHV-Beiträge bezahlt worden sind. Ebenso provisorisch berechnen lassen, wie hoch die zukünftige Rente ausfallen dürfte. Das soll den Versicherten eine bessere Kontrolle ermöglichen.
Der Nationalrat geht nun sogar einen Schritt weiter, um Beitragslücken zu verhindern. Wer sich auf der zentralen Plattform registriert, soll «automatisch jährlich einen einfach verständlichen Auszug aus dem individuellen Konto» erhalten. Ein Paradigmenwechsel vom Hol- zum Bringprinzip!
Beitragslücken frühzeitig erkennen
«Künftig können die Versicherten Beitragslücken einfach erkennen», sagte Mitte-Nationalrat Thomas Rechsteiner (54, AI) als Kommissionssprecher. «Fast jeder fünft Neurentner hat Lücken in der AHV, diese Lücken sind ein Problem», unterstrich auch SP-Co-Fraktionschefin Samira Marti (32, BL). Über die E-Plattform können Rentenauszüge öfters und kostengünstiger zur Verfügung gestellt werden.
Wer heute einen AHV-Kontoauszug bestellt, warte bis zu drei Wochen darauf, monierte GLP-Nationalrat Patrick Hässig (47, ZH). Für eine Rentenvorausberechnung dauere es noch länger. «Das Gesetz ist längst überfällig», urteilte er. «Die Versicherten profitieren direkt. Sie sehen ihre Beitragskonten auf einen Blick. Sie erkennen frühzeitig, wenn eine Beitragslücke droht.»
Mit 131 zu 62 Stimmen hiess der Nationalrat das neue Bundesgesetz über Informationssysteme in den Sozialversicherungen (Biss) gut. Damit wird die Digitalisierung der ersten Säule vorangetrieben. Nicht nur bei der AHV, sondern auch bei der IV, den Ergänzungsleistungen und den Familienzulagen. Für Versicherte bleibt die Nutzung der E-Plattform aber freiwillig.
Viele Betroffene
Fälle wie jener von Rentner Reinle könnten damit weniger werden. Er ist nämlich kein Einzelfall. Rund ein Viertel aller Neurentner in der Schweiz hat weniger als 44 AHV-Beitragsjahre, welche es für eine volle AHV-Rente braucht, wie Zahlen des Bundesamts für Sozialversicherungen zeigen. Oft handelt es sich dabei um Versicherungslücken bei Ausländern, die später zugewandert sind.
Von Beitragslücken spricht der Bund hingegen bei Personen, die ihre Beitragspflicht nicht erfüllt haben. Das passiert aus unterschiedlichsten Gründen. Beispielsweise, weil man die Zahlungen vergessen oder die Arbeitgeber diese nicht ausgeführt hat.
Das kann im Pensionsalter zu Problemen führen – sprich: weniger Rente. Die Kürzung um 2,3 Prozent pro verpasstem Beitragsjahr macht bei einer Altersrente von maximal 2520 Franken monatlich jeweils rund 60 Franken aus. Schon drei, vier fehlende Jahre machen also gut 200 Franken weniger Rente aus. Das Geschäft geht nun an den Ständerat.