Dichtestress auf dem Land?
Hier sagen 90 Prozent Ja zur 10-Millionen-Initiative

Die Gemeinde Unteriberg setzte am Sonntag ein deutliches Zeichen für die 10-Millionen-Initiative. Nirgends in der Schweiz war die Zustimmung so hoch wie im Schwyzer Dorf. Was prägt die Stimmung im Dorf? Blick hat nachgefragt.
Kommentieren
1/10
In der Gemeinde Unteriberg SZ wurde sie etwa mit 90 Prozent angenommen.
Foto: Chris.urs-o

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Die 10-Millionen-Initiative scheiterte am 14. Juni deutlich
  • Unteriberg SZ stimmte mit über 90 Prozent Ja bei 78 Prozent Beteiligung
  • In Unteriberg nur 53 Einwohner/km², Ausländeranteil bei 11 Prozent
Riccarda_Campell_Praktikantin Wirtschaft_Blick_2-Bearbeitet.jpg
Riccarda CampellRedaktorin Politik

Die 10-Millionen-Initiative ist am Abstimmungssonntag deutlich gescheitert. «Ohne die linken Städte wäre das nie passiert», sagte SVP-Parteipräsident Marcel Dettling (45). Auf dem Land hätte die Initiative laut ihm eine grosse Mehrheit gefunden. Einmal mehr zeigt sich damit der tiefe Graben zwischen Stadt und Land.

Die höchste Zustimmung schweizweit war in Dettlings Heimatregion. In Unteriberg SZ stimmten 90,54 Prozent für die Initiative. Und das bei einer Stimmbeteiligung von rund 78 Prozent. Was treibt die Leute an? 

«Für uns war und ist klar: So kann es nicht weitergehen», sagt Gemeindepräsident Ruedi Keller (38) zu den deutlichen Abstimmungsresultaten in Unteriberg. «Wir wollen nicht, dass unsere Bevölkerung unkontrolliert weiter wächst. Das führt ins Chaos.» Wenn ein Bauer eine Kuh zu viel habe, stehe schliesslich auch sofort das Landwirtschaftsamt auf der Matte.

Unteriberg gilt als die konservativste Gemeinde der Schweiz. Während der Corona-Pandemie war der Ort eine Hochburg der Impfgegner. Sogar die deutsche «Tagesschau» berichtete damals von dort. 2021 sagte die Gemeinde zudem mit 70 Prozent Nein zur «Ehe für alle».

Die politische Dominanz der SVP ist gross. Mit einem Wähleranteil von 74 Prozent ist sie mit Abstand die stärkste Partei. Die SP kommt gerade einmal auf sieben Prozent. Im Gemeinderat sitzen ausschliesslich SVP-Politiker oder Parteilose.

Erhöhte Zuwanderung wegen günstigen Mieten

Die Folgen der Zuwanderung seien in der Gemeinde spürbar, sagt Keller: «Unteriberg bietet im Vergleich zu vielen anderen Orten nämlich noch bezahlbaren Wohnraum.» Ein Beispiel: Eine 4,5-Zimmer-Wohnung im Dorfzentrum wird derzeit für 1950 Franken pro Monat angeboten. Diese günstigen Mieten locken immer mehr Menschen an. «Wenn sich eine Familie in Wädenswil die Miete nicht mehr leisten kann, fährt sie halt eine halbe Stunde weiter und zieht zu uns», sagt der SVP-Politiker.

Diese Entwicklung gefalle der Gemeinde nicht. Viele der Zugezogenen hätten keinen Bezug zur Natur und zu den Lebensgewohnheiten des Dorfes. «Eltern und ihre Kinder bringen ganze Schulklassen inklusive Lehrpersonen an ihre Grenzen», sagt Keller. Das führe zu Spannungen. «Und die will kein Gemeindepräsident in seiner Gemeinde.»

«Wir sind vom Dichtestress weit weniger betroffen»

Auch der Verkehr bereitet Keller Sorgen. Vor allem an Wochenenden stossen die Strassen an ihre Grenzen. «Viele Städter kommen wegen des Sihlsees oder des Skigebiets Hoch-Ybrig zu uns. Dann stehen die Autos überall», sagt er. Grundsätzlich habe er nichts gegen die Besucher. «Ich verstehe, dass die Leute gerne hierherkommen. Aber es sind inzwischen einfach zu viele. Die Zahl der Besucher ist gestiegen, die Strassen sind aber dieselben geblieben.»

Dennoch räumt Keller ein: «Wir sind vom Dichtestress weit weniger betroffen als andere Orte.»

Externe Inhalte
Möchtest du diesen und weitere externe Beiträge (z.B. Instagram, X und anderen Plattformen) sehen? Wenn du zustimmst, können Cookies gesetzt und Daten an externe Anbieter übermittelt werden. Dies ermöglicht die Anzeige externer Inhalte sowie von personalisierter Werbung. Deine Entscheidung gilt für die gesamte App und ist jederzeit in den Einstellungen widerrufbar.

Bern: Das andere Extrem

Tatsächlich leben in Unteriberg nur 53 Einwohner pro Quadratkilometer. Der Ausländeranteil liegt bei gerade einmal 11 Prozent. Zum Vergleich: In der Stadt Bern leben auf derselben Fläche 2673 Menschen. Knapp 26 Prozent der Bevölkerung haben dort keinen Schweizer Pass. Das sind mehr als doppelt so viele wie in Unteriberg. Trotzdem fand die 10-Millionen-Initiative in Bern kaum Zustimmung. Der Ja-Anteil lag bei rund 16 Prozent. Keine andere Gemeinde in der Schweiz lehnte die Initiative so haushoch ab. 

Schweizweit zeigt sich ein ähnliches Bild: Zu den Gemeinden mit den höchsten Nein-Anteilen zählen neben der Stadt Bern die grossen Städte Zürich, Freiburg, Lausanne und Basel. Am anderen Ende der Rangliste stehen zahlreiche kleine Gemeinden aus der Innerschweiz. Neben Unteriberg gehören dazu etwa Alpthal SZ, Spiringen UR, Unterschächen UR und Vorderthal SZ. 

Eine Auswertung der Politologin Rahel Freiburghaus verdeutlicht dieses Muster: Je höher der Ausländeranteil einer Gemeinde, desto tiefer die Zustimmung zur 10-Millionen-Initiative. Zwischen den grossen Städten und den kleinen Dörfern liegen eben nicht nur Kilometer, sondern auch politische Welten.

Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen