Darum gehts
Vergiss die anmutige Helvetia, die stolz unsere Münzen ziert. Bittet man die Dame auf die Couch, zeigt sich nämlich ein anderes Bild. «Frau Schweiz» ist widersprüchlich: chronisch besorgt, sozial isoliert und zugleich erfolgreich und selbstsicher.
Das Meinungsforschungsinstitut GFS Bern hat ihre Psyche für das Jahr 2036 vermessen. Die Fragestellung lautete: «Stellen Sie sich vor, die Schweiz wäre ein Mensch. Wie würde diese Person in zehn Jahren aussehen? Beschreiben Sie sie mit wenigen Stichworten.»
Das Befundblatt muss jeden Diagnostiker in den Wahnsinn treiben – müsste man glauben. Ganz oben prangt die «Alterung», dicht gefolgt von zwei Extremen, die sich die Waage halten: die Hoffnung auf «Erfolg» und gleichzeitig die Angst vor «Stillstand».
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
Wer nun eine multiple Persönlichkeitsspaltung befürchtet, verkennt die befreiende Wirkung des gepflegten helvetischen Mittelmasses, sagt der Zürcher Psychoanalytiker Peter Schneider. Für ihn beweisen die vermeintlich widersprüchlichen Umfrageergebnisse «absolute psychische Gesundheit». Schneider war jahrzehntelang Autor der satirischen «Anderen Presseschau» auf Schweizer Radio SRF.
Der seelische Mischmasch der Schweiz
«Es wäre doch seltsam, wenn ein Mensch eine einzige, konsistente Auffassung von sich und der Welt hätte», so der 68-Jährige. Schon Sigmund Freud habe gesagt, ein «normaler» Mensch sei nur eine halbwegs ausgeglichene Mischung aller psychischen Auffälligkeiten – von Phobikern bis zu Zwangsneurotikern. «Frau Schweiz ist kerngesund, ihre Seele bildet schlicht das reale Leben ab», sagt Schneider.
Was macht die Schweiz und ihre Bevölkerung aus? Dieser Frage ging der Beobachter in einer Umfrage mit dem Institut GFS Bern nach. Die Resultate dieser Umfrage siehst du hier:
- Umfrage & Einordnung: So tickt die Schweiz
- Stärken & Schwächen: Interview mit dem Politologen Markus Freitag
- Selbstbild & Aussichten: Diagnose von Psychoanalytiker Peter Schneider
- Ranglisten: Die Schweiz im internationalen Vergleich
- Selbsttest: Wie schweizerisch sind Sie? Finden Sie es heraus
- Quiz: Schätzen Sie die Schweiz ein!
Zur Umfrage: Im Auftrag des Beobachters befragte das Meinungsforschungsinstitut GFS Bern rund 1000 Personen ab 16 Jahren zum Schweizer Selbstbild. Die wichtigsten Erkenntnisse der repräsentativen Studie findest du hier.
Was macht die Schweiz und ihre Bevölkerung aus? Dieser Frage ging der Beobachter in einer Umfrage mit dem Institut GFS Bern nach. Die Resultate dieser Umfrage siehst du hier:
- Umfrage & Einordnung: So tickt die Schweiz
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Zur Umfrage: Im Auftrag des Beobachters befragte das Meinungsforschungsinstitut GFS Bern rund 1000 Personen ab 16 Jahren zum Schweizer Selbstbild. Die wichtigsten Erkenntnisse der repräsentativen Studie findest du hier.
An Debatten wie kürzlich über die 10-Millionen-Initiative zeige sich dieser seelische Mischmasch perfekt. Plötzlich sassen Ökos, rechte Sozialdemokraten und klassische Expats im selben Boot, während Wirtschaftsverbände das Steuer herumrissen. Das emotionale Hin und Her kennt Schneider aus seiner Praxis: Da politisiert ein Patient im Alltag stramm links, schimpft aber in der Therapie furios auf Expats, die ihm die Wohnung wegschnappen – um sich im nächsten Moment zutiefst zu schämen. «In der Psychoanalyse kann man das wunderbar erzählen, ohne dass etwas Schlimmes passiert.»
Vielleicht entspringt das helvetische Expat-Trauma aber auch einem ganz privaten Komplex. Schneider witzelt: «Vielleicht hiess der Ex-Mann von Frau Schweiz Patrick. Und darum muss sie bei Expat immer an ihren Ex denken: Die regen mich so auf wegen meinem Patrick!»
Widersprüche sind kein Krankheitsbild
Ähnlich unaufgeregt sieht er das Verhältnis zum Geld. Während die pessimistische Zukunftsvorstellung «Reichtum ohne Solidarität» in unserer Umfrage mit neun Prozent vorlegt, hinkt die optimistische Variante «solidarisch» mit drei Prozent weit hinterher.
Für Schneider kein Grund zur moralischen Panik: «Was ist so schlimm am Reichtum? Ich finde es cool, wenn man reich ist.» Er sei soeben aus Berlin zurückgekehrt: In Zürich sei so viel Geld da, dass die Strassen nach der Street Parade um zehn Uhr morgens schon wieder sauber seien. In Berlin stolpere man im Mai noch über Silvesterböller. Diese akribische Sauberkeit sei kein Putzzwang, sondern schlicht toll.
Sollte «Frau Schweiz» in zehn Jahren seine Praxis aufsuchen, wäre Schneiders Devise: sie ungeniert drauflosreden lassen. Schnelle Verhaltenstipps gibt es bei ihm nicht: «Ehrlich gesagt, geht man kaum zum Therapeuten, wenn man Ratschläge braucht. Ich bin da recht liberal geworden. Man kommt zur Psychoanalyse, weil man sonst kaum so drauflosreden kann.»
Der wahre therapeutische Wert liege darin, zu erkennen, dass innere Widersprüche kein Krankheitsbild sind. Dass in der Brust der Frau Schweiz so viele Haltungen gleichzeitig Platz haben, macht Schneider Hoffnung: «Es zeigt, dass sie viele Positionen in ihrer Seele hat. Sie ist ideologisch nicht verbogen.» Auf ihren Schultern sitzen nicht bloss Engelchen und Teufelchen, sondern ein ganzes Parlament an inneren Stimmen.
Die Schweiz der Zukunft ist für Schneider keine psychotische Messerstecherin, sondern eine in sich ruhende, angenehm pragmatische Neurotikerin. Völlig normal.
- GFS-Umfrage: So tickt die Schweiz
- Gespräch mit Psychoanalytiker Peter Schneider
- GFS-Umfrage: So tickt die Schweiz
- Gespräch mit Psychoanalytiker Peter Schneider