Darum gehts
- Einige Kantone warten seit Jahrzehnten auf einen Bundesratssitz, vier waren noch nie vertreten
- Genf und Aargau haben im Rennen um die Nachfolge von Guy Parmelin gute Karten
- Für Kandidaten aus Kantonen, die bereits im Bundesrat vertreten sind, wird es unter Umständen schwieriger
Eine Frau, sieben Männer, sieben Kantone und ein freier Sitz. Das Rennen um die Nachfolge von SVP-Bundesrat Guy Parmelin (66) ist eröffnet. Dabei geht es auch um regionale Ansprüche: Während einige Kantone seit 1848 auf ihren ersten Bundesrat warten, waren andere über Jahrzehnte in der Landesregierung vertreten. Wer hat die besten Karten?
Einen festen Anspruch hat keine Region. Bis 1999 galt die sogenannte Kantonsklausel: Sie verbot, dass mehr als ein Bundesratsmitglied aus demselben Kanton stammte. Heute hält die Verfassung nur noch fest, dass bei der Wahl auf «eine angemessene Vertretung der Landesgegenden und Sprachregionen» Rücksicht zu nehmen ist.
Genf und Aargau stehen in der Poleposition
Gemessen daran hat die Genfer Kandidatin Céline Amaudruz (47) gute Chancen. Mit rund 520'000 Einwohnern ist Genf der sechstgrösste Kanton. In der Landesregierung ist er jedoch seit 2011 nicht mehr vertreten. Damals trat Micheline Calmy-Rey zurück. Als Vertreterin der Romandie würde Amaudruz zudem den Sprachproporz wahren und auf den Waadtländer Parmelin folgen.
Doch nicht nur die Romandie kann auf den freien Sitz hoffen. Auch Jean-Pierre Gallati (60) hat mit dem Aargau gute Argumente: Mit über 720'000 Einwohnern ist er der viertgrösste Kanton der Schweiz. Im Bundesrat vertreten war er zuletzt von 2006 bis Ende 2018. Gemessen an der Bevölkerungszahl liesse sich ein Aargauer Sitz also durchaus begründen. Allerdings würde er zulasten der Romandie gehen und das sprachregionale Gleichgewicht verschieben.
Auch Solothurn wartet seit Jahrzehnten auf einen Platz in der Landesregierung. Der letzte Solothurner Bundesrat trat 1995 zurück; seither sind 31 Jahre vergangen. SVP-Kandidat Remy Wyssmann (59) könnte deshalb ebenfalls mit der langen Abwesenheit seines Kantons argumentieren.
Tessin, Bern und Zug müssen sich hinten anstellen
Schwieriger ist die Ausgangslage für den Tessiner Marco Chiesa (52). Mit Ignazio Cassis (65, FDP) ist sein Kanton bereits im Bundesrat vertreten. Ein zweiter Tessiner würde das Gewicht der italienischsprachigen Schweiz im siebenköpfigen Gremium deutlich erhöhen. Ihr Bevölkerungsanteil beträgt gerade einmal knapp vier Prozent.
Für Pierre Alain Schnegg (63, Bern) und Thomas Aeschi (47, Zug) ist die Ausgangslage ebenfalls anspruchsvoll. Beide Kantone stellen bereits ein Mitglied der Landesregierung: Zug mit Mitte-Mann Martin Pfister (63), Bern mit SVP-Vertreter Albert Rösti (59). Schnegg kann zwar den Sprachproporz ins Feld führen, da er aus dem französischsprachigen Berner Jura stammt. Doch zwei Bundesräte aus demselben Kanton und erst noch derselben Partei wären politisch wohl nicht ganz unumstritten. Ein zweiter Sitz für Zug dürfte ebenfalls Fragen aufwerfen: Der Kanton zählt gerade einmal rund 132'000 Einwohner.
Für die beiden Walliser Kandidaten Michael Graber (45) und Franz Ruppen (55) könnte vor allem der Zeitpunkt zum Problem werden. Zwar nimmt das Wallis als zweisprachiger Kanton eine besondere Stellung zwischen Deutsch- und Westschweiz ein. Doch mit Viola Amherd (64, Mitte) stellte es bis zu deren Rücktritt Anfang 2025 bereits eine Bundesrätin. Seither sind erst gut anderthalb Jahre vergangen. Andere Kantone warten seit Jahrzehnten auf einen Sitz. Das Wallis muss sich deshalb wohl noch gedulden.
Vier Kantone waren noch nie im Bundesrat
Aus föderalistischer Sicht wären vier Kantone längst an der Reihe: Uri, Nidwalden, Schaffhausen und Schwyz. Keiner von ihnen stellte seit der Gründung des Bundesstaates 1848 je einen Bundesrat. Schwyz wollte das dieses Jahr ändern. Die kantonale SVP schlug André Rüegsegger (50) der Findungskommission vor – er verzichtete schliesslich auf eine Kandidatur.
Auch der Thurgau hätte gute Argumente: Seit mehr als 90 Jahren ist er nicht mehr im Bundesrat vertreten. Nationalrat Pascal Schmid (50) hätte diese Lücke schliessen können. Er verzichtete jedoch auf eine Kandidatur, um sich auf sein Amt im Nationalrat zu konzentrieren.
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Und dann ist da noch Zürich, der bevölkerungsreichste Kanton der Schweiz. Seit dem Rücktritt von Ueli Maurer (75) 2022 fehlt er in der Landesregierung. Dabei stellte Zürich seit 1848 über weite Strecken einen Bundesrat. Nun hätte der Kanton die Chance auf ein Comeback gehabt. Doch sowohl Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli (49) als auch Nationalrat Thomas Matter (60) verzichteten. Auf Zürich scheint ein Bundesratsfluch zu lasten.
Nach den regionalen Ansprüchen haben einige die besseren Karten als andere. Doch welcher Kanton am Ende tatsächlich einen Sitz im Bundesrat erhält, entscheidet sich erst bei der Wahl im Dezember.