Die Schweiz diskutiert darüber, wie viele Ausländer ins Land kommen sollen. In drei Wochen stimmen wir darüber ab. Währenddessen wächst eine heimische Gruppe fast unbemerkt noch schneller: die Bürokraten.
Zwischen 2011 und 2022 wuchs der öffentliche Sektor um 19,3 Prozent. Die Privatwirtschaft wuchs um 14 Prozent, die Bevölkerung um 10,8 Prozent. Heisst: Der Staat expandiert fast doppelt so schnell wie die Gesellschaft, die ihn bezahlt.
Der moderne Schweizer produziert nicht mehr nur Güter und Dienstleistungen, sondern immer mehr Nachweise, dass er korrekt gearbeitet hat.
Beim Bund gibt es zunehmend Stellen, die andere koordinieren, interdepartementale Prozesse abstimmen, Souschefs, Nebenchefs, Heerscharen von Kommunikationsexperten.
Wer ein Formular ausfüllt, hat gearbeitet
Der britische Anthropologe David Graeber prägte dafür den Begriff der «Bullshit-Jobs». Ausgerechnet ein linker Anarchist warnte davor, dass moderne Gesellschaften immer mehr Menschen mit administrativer Selbstbeschäftigung versorgen. Heute verteidigen Linke diese Apparate reflexartig.
Bürokratie wächst manchmal aus Angst – jede Vorschrift soll den nächsten Skandal verhindern. Öfter aber aus dem Grund, den der Ökonom Mathias Binswanger beschreibt: «Diese sinnlosen Berufe garantieren Vollbeschäftigung.» Und wo Leistung schwer messbar ist, ersetzt man sie durch Prozesse. Nicht Ergebnisse zählen, sondern Aktivität. Wer das Formular ausgefüllt hat, hat gearbeitet.
Der Staat kontrolliert. Unternehmen bauen Compliance-Abteilungen auf. Die Verwaltung kontrolliert die Unternehmen. Die Unternehmen kontrollieren ihre Mitarbeitenden. Dann kontrollieren plötzlich Menschen andere Menschen, die wiederum kontrollieren, ob genug kontrolliert wurde. So entsteht eine Maschine, die sich selbst am Laufen hält – auf Kosten aller anderen.
Das Muster zeigt sich auch in Institutionen wie der SRG. Beim Sparen stehen stets Sendungen im Visier. Dabei sitzt ein erheblicher Teil der über 5700 Vollzeitstellen nicht in der Redaktion, die recherchiert, Interviews führt oder filmt. Sondern in der Verwaltung der Radio- und Fernsehgesellschaft. Man spart beim Inhalt. Die Kosten steigen trotzdem.
Im Gesundheitswesen macht sich das Bullshit-Monster besonders breit. Am Universitätsspital Zürich verbrachten Ärzte rund 40 Prozent ihrer Arbeitszeit mit Administration – und auf zwei Pflegende kam bereits eine Verwaltungsstelle.
Die vermeidbaren Bürokratiekosten der Schweiz werden auf rund 30 Milliarden Franken pro Jahr geschätzt. Dahinter stecken rund 55’900 Vollzeitstellen. Arbeitskräfte, die in produktiven Jobs fehlen – in Schulen, Werkstätten, Spitälern, Ingenieurbüros.
Der Staat wird sich länger gegen KI wehren
Der Mensch schafft sich selten selbst ab. Kein Politiker streicht ohne Not Stellen, die Wähler besetzen. Kein Apparat baut sich aus eigenem Antrieb zurück.
Also muss es eine andere Kraft richten: die künstliche Intelligenz.
Zuerst wird KI die Privatwirtschaft umpflügen. Goldman Sachs schätzt, dass 46 Prozent aller Bürotätigkeiten automatisierbar sind. KI bedroht nicht primär Handwerkerinnen oder Pfleger, sondern jene, die Powerpoints, Protokolle und Projektsitzungen verwalten.
Der Staat wird sich länger wehren. Behörden müssen keine Konkurrenz und keinen Konkurs fürchten. Doch auch dort wird KI früher oder später Tausende von administrativen Tätigkeiten überflüssig machen.
Was der Mensch nicht freiwillig tut, erledigt die Maschine.