Darum gehts
«Jetzt muss ich nur das richtige Ei wählen», sagt Martin Pfister (62) und entscheidet sich für das orange. «Oh, das ist ja schon eingetütscht.» Der achtjährige Enea und seine siebenjährige Schwester Elin kichern, der fünfjährige Yaron steckt sich eine Erdbeere in den Mund und schneidet Grimassen. Pfister zwinkert seinen Enkelkindern zu und nimmt einen Schluck Kaffee aus der schwarzen Tasse mit dem Aufdruck «Schweizer Armee».
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.
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Gabriela Giacometti (33) greift nach einem Gipfeli und sagt mit einem Blick auf den mit Aufschnitt, Lachs, Käse, Beeren und drei Brotsorten gedeckten Tisch schmunzelnd zu Cacilda Giacometti Pfister (60): «Mama, du hast es wieder sehr gut mit uns gemeint.» – «Ich will, dass alle genug haben!», erwidert die gebürtige Brasilianerin.
«Für viele hier bin ich noch immer der Martin»
Weil sich der Bundesrat und seine Frau über Ostern ein paar Ferientage gönnen, wird der Familienbrunch zu Hause in Allenwinden ZG dieses Jahr vorgezogen. Am Vormittag fährt Pfister in die Bäckerei – ohne Bodyguard. Bereits vor dem Eingang gibts den ersten Händedruck von einem Bekannten aus Zug. «Ich bin stolz, wie du das machst.» Pfister bedankt sich. «Für viele hier bin ich immer noch der Martin. Das soll auch so bleiben.»
Bei einem Familienessen in Allenwinden fällte der Mitte-Politiker und ehemalige Zuger Regierungsrat vor rund einem Jahr auch den Entscheid, für die Nachfolge von Viola Amherd im Bundesrat zu kandidieren. Am 1. April trat er sein Amt als Verteidigungsminister an – 50 Tage später präsentierte er bereits seine Schwerpunkte statt nach den üblichen 100 Tagen. Kein Wunder, rüttelten der Ruag-Skandal mit illegalen Panzerdeals und die Kündigungen von Armeechef Thomas Süssli und Nachrichtendienst-Chef Christian Dussey Anfang Jahr stark am Vertrauen der Bevölkerung in die Armee.
Pfister, der in den Medien nie ein schlechtes Wort über seine Vorgängerin verliert, ändert die Taktik. Er startet eine Transparenz-Initiative und kommuniziert jedes Problem offen: Der F-35-Kampfjet wird teurer, die israelische Drohne leistet weniger als versprochen. Und Washington vertröstet Bern bei der Lieferung des Luftabwehrsystems Patriot um Jahre. «Wenn wir Fehler und Probleme offen ansprechen, können wir das Vertrauen zurückgewinnen. Und Vertrauen ist die Grundlage für gute Politik», sagt Pfister dazu.
«Koche für Martin gern etwas zum Znacht»
Im Alltag sei die grösste Umstellung das völlig neue Umfeld in Bern gewesen. Schon als Gesundheitsvorsteher in Zug seien seine Tage durchgetaktet gewesen – in Bundesbern kämen natürlich noch die Sessionen mit dem Parlament dazu. Dafür habe er nun ein grosses Team, das ihn unterstütze. «Ohne würde es nicht funktionieren.»
Hinzu komme die mediale Arbeit, die deutlich zugenommen habe. «Ich bin noch nie so viel vor Kameras gestanden», sagt er und lacht. Aber das gehöre dazu. Ihm sei wichtig, sich dem Amt des Bundesrats voll hinzugeben. «Statt einem Buch von T. C. Boyle lese ich nun Berichte aus dem VBS», so der Historiker und Germanist, der früher als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Bundesratsexperte Urs Altermatt arbeitete, augenzwinkernd.
Seine Frau hört aufmerksam zu. «Es hat sich einiges verändert, wir sehen uns natürlich nicht mehr so oft», sagt sie. Die beiden lernten sich vor 28 Jahren an der Baarer Fasnacht kennen. Sie brachte zwei Töchter in die Ehe, gemeinsam haben sie zwei weitere Kinder.
Seit Pfisters Wahl fährt die Leiterin einer medizinischen Massagepraxis zweimal pro Woche von Baar nach Bern, wo der Bundesrat eine Wohnung hat. «Dann koche ich für Martin gern etwas zum Znacht», sagt sie. Über politische Geschäfte würden sie selten sprechen, dafür schweife der Blick häufig über den Tellerrand hinaus. «Cacilda sieht die Welt anders. Das ist erfrischend», sagt Pfister. Oft zu Besuch ist die jüngste Tochter Isabel (22), die an der Uni Bern Jura studiert. «Ich geniesse es natürlich, dass ich Mama und Papa wieder in der Nähe habe.»
Sohn Samuel, der in Luzern Wirtschaftsingenieurwesen studiert, telefoniert dafür öfter mit seinem Papa. «Ich weiss inzwischen genau, um welche Zeit es abends passt.» Sie unterhalten sich über die Fussballmatches des 24-Jährigen in der Regionalliga – das Militär hingegen sei nicht mehr so oft Thema wie noch vor einem Jahr, als Samuel gerade seinen ersten WK als Offizier abschloss.
Wenn möglich, versucht der Bundesrat, seine Liebsten an Anlässe mitzunehmen. «Ich finde es schön, wenn sie mitbekommen, wie mein Alltag aussieht», sagt Pfister. Mit Tochter Isabel feuerte er letzten Sommer die Frauen-Fussball-Nati an der EM an, seine Frau begleitete ihn an die Olympischen Winterspiele nach Bormio, und Fabiola Weibel-Giacometti (36) gedachte mit ihm in Crans-Montana den Brandopfern. «Es war eindrücklich zu sehen, wie präsent Martin ist. Und ich bewundere, wie er immer allen auf Augenhöhe begegnet», sagt sie.
«Es ist ja keine schlechte Eigenschaft»
«Er ist ein wahnsinnig netter Mensch, und genau das ist sein Problem», schreibt der «Tages-Anzeiger» in seiner Einjahresbilanz über Pfister als Bundesrat. Der «Blick» zitiert derweil Sicherheitspolitiker aller Couleur, die loben, er habe sich schnell eingearbeitet, aber auch anmerken, er sei zu «harmoniebedürftig». Natürlich lese er Zeitungen, sagt Pfister.
Die Etikette «nett» störe ihn grundsätzlich nicht. «Es ist ja keine schlechte Eigenschaft.» Politisch sei für ihn das Wichtigste, seine Ziele zu erreichen. Konkret heisst das: der Armee mehr Geld zu beschaffen. «Das kann man auch anständig tun.» Indem man das Kollegialitätsprinzip hochhalte und die Demokratie ernst nehme.
«Ich bin vielleicht nett, aber nicht harmlos», sagt Pfister. Das dürfe man nicht verwechseln. «Ich weiss, wie die Mechanismen in Bundesbern funktionieren.» Mit Kritik könne er gut umgehen, «ich überlege mir natürlich jeweils, welche Motive dahinterstecken, wenn etwa die Linke den Typenentscheid bei den Kampfjets hinterfragt».
Obwohl Pfister bei der Bevölkerung von allen Bundesräten die höchsten Noten erhält – sein Vorschlag, die Aufrüstung der Armee mit einer Erhöhung der Mehrwertsteuer zu finanzieren, fällt bisher durch. Daran ändert offenbar auch der Krieg im Iran nichts: In der jüngsten Umfrage von Anfang März lehnten 68 Prozent die zusätzliche Steuerbelastung ab.
Für den Bundesrat ist dennoch klar: «Eine Mehreinnahme ist alternativlos.» Er sei zuversichtlich, dass die Bevölkerung den Handlungsbedarf erkenne. «Die Kriege rücken näher, so ist für viele Menschen die Bedrohung sehr sichtbar geworden.» Das könne ein Umdenken auslösen.
Elin kuschelt sich an ihren «Vovô» – auf Portugiesisch heisst das Grossvater. «Wenn meine Kinder und die Enkel zu Besuch sind, bin ich ganz bei ihnen», sagt Pfister. Natürlich mache er sich Gedanken, in welcher Welt sie gross werden. «Aber sie geben mir auch viel Hoffnung.» Deutlich mehr Sorgen mache er sich, dass die wohlstandsverwöhnte Schweiz nicht in der Lage sei, wichtige Lösungen zur Sicherheit des Landes zu finden.
Der Berg mit Pfisters Arbeitsakten liegt für später auf dem Möbel im Flur – neben den Ostertüten mit Schoggihasen für die Enkel.