Darum gehts
- Bauer Schertenleib verlor 2021 über 300 Rinder durch mysteriöse Krankheiten
- Verdacht auf Streustrom durch Solaranlage, Schäden schwer messbar und sanierbar
- SVP fordert Moratorium für Solarpanels auf Ställen
Marc Schertenleib wollte Gutes tun: 2021 baute er für seine Kühe einen neuen Stall. Auf dem Dach installierte er eine Solaranlage. «Man muss ja etwas fürs Klima tun», sagt er zu Blick.
Doch ein halbes Jahr später leiden Schertenleibs Tiere. Während der Kalbzeit wurden die Kühe krank: Atemnot, das Blut übersäuert, das Immunsystem ganz schwach. Schertenleib reagiert sofort, holt den Tierarzt. Dieser setzt Infusionen, die Kühe werden Tag und Nacht gepflegt. «Meine Tierarztkosten waren viermal so hoch wie üblich.» Aber es wird kaum besser, die Organe gehen kaputt. «Ich habe alles gemacht, was ich konnte.» Schertenleib bringt die Tiere in eine Berner Klinik, lässt Futter und Blut untersuchen. «Im Futter waren genügend Spurenelemente, doch im Blut kamen sie nicht an.» Eine Suche nach den Ursachen beginnt – mühsam und langwierig. Sie endet im Bundeshaus.
«Das Problem ist sehr heimtückisch»
Schertenleib – ein preisgekrönter Züchter aus der Westschweiz – ist verzweifelt. «Das Veterinäramt wusste, dass ich kein schlechter Züchter bin.» Die Zeit drängt jedoch: Über 300 Rinder sterben, Schertenleib verliert mehr als drei Millionen Franken. «Das Problem ist sehr heimtückisch. Man sieht von aussen nicht, welche Kuh plötzlich krank wird.»
Er sucht nach dem Grund und bekommt eine Vermutung: Streustrom.
Nutzt der Bauer eine Solaranlage oder andere elektrische Geräte wie die Melkmaschine, ist es möglich, dass Teile des Stroms unbeabsichtigt nicht durch das Kabel, sondern beispielsweise über die Gebäudehülle in den Stall fliessen. Das kann Streuspannungen erzeugen. In den Ställen, wo Tiere auf nassen, leitfähigen Böden stehen und gleichzeitig mit metallischen Bauteilen in Kontakt treten, können gesundheitliche Probleme für die Tiere auftreten.
Für Menschen sind Streuströme in der Regel nicht spürbar – für Kühe aber schon, sagt Markus Rombach von Agridea, der Schweizer Wissensdrehscheibe für die Landwirtschaft. Der Grund: «Eine Milchkuh wiegt 700 Kilo und steht auf vier Beinen, ihr Widerstand ist dadurch kleiner als die eines 70-Kilo-Menschen in Gummistiefeln.» Doch Streustrom im Stall zu erkennen, sei nicht so einfach. «Die Symptome, die die Tiere haben können, ähneln bekannten Krankheiten. Streustrom kann man auch nicht sehen. Nur aufwendige Messungen bringen Klarheit.»
Besonders wenn elektrische Anlagen wie beispielsweise Solaranlagen komplex sind, gerade erst umgebaut oder neu installiert wurden, kann das Risiko für Streuströme steigen. Rombach hat mit seinem Team nun eine Plattform aufgebaut, die den Landwirten helfen soll. «Bereits mit guter Planung und allfälliger Kontrolle der Pläne kann man das Risiko senken.»
Doch eine Garantie gibt es nicht. Ist Streustrom einmal vorhanden, wird die Sanierung oft komplex, da sich die Ursache nicht immer eindeutig herausfinden lässt. Und auch wenn sie festgestellt wird, ist eine Sanierung nicht immer möglich. «Gerade bei Photovoltaikanlagen arbeiten oft mehrere Betriebe zusammen – ein einzelner Fehler kann nur schwer gefunden werden», sagt Rombach. «Ist die Solaranlage jedoch richtig und mit einer korrekten Erdung installiert, stellt sie in der Regel kein Problem dar.»
Vorstoss im Bundeshaus eingereicht
Bauer Schertenleib hat jetzt reagiert: Er nutzt wieder seinen alten Stall. Rund 90 Kühe leben heute da, dazu kommen weitere Tiere in fremden Betrieben. Ohne Beschwerden. Schertenleib vermutet die Solaranlage als Übeltäter für den Streustrom und hat die Stiftung Henny gegründet, um anderen Betroffenen zu helfen.
SVP-Nationalrat Jacques Nicolet (60) hat nun aufgrund des Falls einen Vorstoss eingereicht und bringt ein befristetes Moratorium für Solarpanels auf Ställen ins Spiel, bis die Ursachen geklärt sind.
GLP-Präsident Jürg Grossen (56) hält das für übertrieben. «Streuströme haben nichts mit Solarpanels zu tun. Sie können überall entstehen, wo elektrische Geräte, wie zum Beispiel Melkmaschinen, installiert sind.»
Wichtig sei die richtige Installation, sagt Grossen, der auch Präsident des Branchenverbands der Solarindustrie ist. «Wir schulen unsere Installateure explizit auf das Problem. Die Massnahmen sind allgemein bekannt. Der Bundesrat hatte bereits 2023 zwei entsprechende Interpellationen beantwortet und auf die Verantwortung der Eigentümer hingewiesen, die die Installationen nach den Regeln der Technik machen lassen müssen.»
Die Landesregierung schrieb tatsächlich zu einem ähnlichen Vorstoss vor drei Jahren, dass die Beeinträchtigungen des Tierwohls auch mit anderen Ursachen einhergehen könnten. «Dem Bundesrat sind in der Schweiz keine Fälle von gesundheitlichen Beeinträchtigungen von Nutztieren explizit durch Photovoltaikanlagen bekannt.» Darum hätte sich bislang die Frage nach besonderen Regeln nicht gestellt.