Darum gehts
- Pierre Monnard, 50, erfolgreicher Schweizer Regisseur, lebt seit 20 Jahren in Zürich
- Über 330'000 Eintritte für seinen Film «Platzspitzbaby» im Jahr 2020
- Neue Serie «The Death of Sherlock Holmes» wird ab April 2026 gedreht
Die Fünfzimmerwohnung in der ehemaligen Seidenspinnerei ist ein wenig wie die Familie selbst: charmant, kreativ, lebendig und mit ganz viel Cachet. Seit neun Jahren wohnen die Romands im zürcherischen Thalwil, seit 20 Jahren in der Deutschschweiz. Die Hauptdarsteller heissen Pierre Monnard (50), Florence Amiguet (48), Jules (11) und Loulou (7). Dass vier eigenwillige Charaktere auch Action bedeuten, zeigt sich beispielsweise beim Kochen. Pierre macht sich einen Salat, Jules möchte Nudeln mit Hühnchen und die Jüngste, Loulou, brät sich ihr Lieblingsessen gleich selbst – nämlich viele, viele Würstchen. Florence behält die Szenerie im Auge, führt Regie und isst dann bei irgendwem mit.
Seit 29 Jahren sind der Regisseur und die ehemalige Modemanagerin ein Paar – aufgewachsen nur einen Katzensprung voneinander entfernt: Pierre Monnard im freiburgischen Dörfchen Châtel-Saint-Denis, Florence Amiguet in Blonay VD. Sie sind Teenager, als sie sich am Montreux Jazz Festival kennenlernen und verlieben. Seitdem sind die beiden unzertrennlich. «Wir waren Jugendliche mit Träumen. Florences Leidenschaft war die Mode, ich wollte Filme machen. Wir hatten keine Ahnung, ob wir das schaffen werden oder nicht. Aber wir waren immer für den anderen da», so Monnard.
Geprägt von den Coen-Brüdern
Vielleicht ist es Schicksal, dass Pierre Monnard in Châtel-Saint-Denis gleich neben dem Dorfkino Sirius aufwächst. Er ist vier, als er dort seinen ersten Film sieht – die Walt-Disney-Komödie «Alles für die Katz» mit einer siamesischen Samtpfote in der Hauptrolle. «Es war ein sehr lustiger Film. Ich kann mich noch gut erinnern und fand ihn genial», erzählt Monnard. Das Sirius wird sein zweites Zuhause. «Als Kind habe ich alles geschaut, Hollywood-Filme, französische Werke. Ich war ins Kino verliebt.» Mit zehn beginnt er, dieses Genre wirklich ernst zu nehmen. Der junge Pierre sieht nicht nur Filme, sondern liest auch viel darüber. Als «Top Gun» mit Tom Cruise 1986 in die Kinos kommt, ist er enttäuscht und findet den Kassenschlager schrecklich. Ihn fasziniert in diesem Jahr ein ganz anderer Film: «Mission» mit Robert De Niro und Jeremy Irons. «Dieses Drama hat mich damals total geflasht. Vor allem die Musik von Ennio Morricone. Ich glaube, ich war mit zehn ein bisschen snobistisch, was Filme betraf», sagts und lacht.
Mit 14 wünscht er sich kein Töffli, sondern eine Videokamera. Da der Teenager auch ein begnadeter Snowboarder ist, fragt er kess beim Westschweizer Snowboardlabel Wild Duck an, ob er für sie Clips drehen dürfe. Er darf. «Die Filmchen habe ich am Wochenende zusammen mit Freunden in den Bergen gedreht. Natürlich noch sehr amateurhaft, doch es hat Spass gemacht», erinnert sich Monnard. Als er kurz darauf den Film «Barton Fink» von den Coen-Brüdern sieht, der ihn bis heute prägt, weiss der junge Mann, dass er Regisseur werden will.
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.
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Studium in England
Es soll allerdings noch eine Idee dauern, bis Pierre Monnard einer der erfolgreichsten Regisseure der Schweiz wird. Nach der Uni in Lausanne (er studiert Englisch, Ethnologie und Filmgeschichte) bewirbt er sich an verschiedenen Filmschulen in der Schweiz, Belgien und Frankreich. Doch er besteht die Aufnahmeprüfungen nicht. Als Florence in London Mode studiert, will er im südenglischen Bournemouth das Sprachdiplom machen, um später als Englischlehrer arbeiten zu können. Mehr oder weniger zufällig stolpert er über die dortige Filmschule, wird aufgenommen und schliesst das Studium nach drei Jahren ab. Das Paar bleibt noch zwei weitere Jahre in Grossbritannien, zieht dann zurück in die Schweiz. «Ein Grund, weshalb ich heute sehr schweizerische Filme mache, hat damit zu tun, dass ich fünf Jahre im Ausland gelebt habe. In dieser Zeit habe ich gelernt, mein Land zu lieben und zu schätzen», weiss Monnard.
Was er anfasst, wird zu Gold
Sein erster Spielfilm, die Liebeskomödie «Recycling Lily», kommt 2013 in die Kinos. Vorher dreht er Kurzfilme, Musikvideos und Werbespots. Danach geht es Schlag auf Schlag: Er führt Regie bei den ersten zwei Staffeln von «Wilder» fürs Schweizer Fernsehen. 2020 kommt «Platzspitzbaby» in die Kinos – mit über 330'000 Eintritten einer der erfolgreichsten Schweizer Filme überhaupt. Es folgen die TV-Serien «Neumatt» und «Winter Palace», 2024 das Drama «Bisons», 2025 «Hallo Betty» und aktuell im Kino die romantische Komödie des gleichnamigen Musicals «Ewigi Liebi». In anderen Worten: Was immer Pierre Monnard anfasst, wird ein Erfolg.
«Ja, Regisseur ist mein Traumberuf», schwärmt Monnard. «Trotzdem: Ohne Florence könnte ich diesen Job nicht machen. Sie hält mir den Rücken frei, entlastet mich in jeder Beziehung.» – «Wir kennen uns schon so lange, sind gemeinsam gewachsen und haben immer sehr viel gearbeitet», erzählt Florence Amiguet. «Als dann die Kinder gekommen sind, habe ich irgendwann entschieden, 100 Prozent Mami zu sein und Pierre zu unterstützen. Ich würde nie zu ihm sagen, er soll eine Regiearbeit nicht machen, weil er dann weniger zu Hause ist. Dieser Job ist seine Leidenschaft. Das finde ich super.»
Wann immer möglich, besucht Florence mit den Kindern Pierre bei den Dreharbeiten. «Mir ist es wichtig, dass sie wissen, wo Papi ist und mit wem er dreht. Zudem haben sie jedes Mal ihren Spass», sagt sie. Bei der historischen Serie «Winter Palace» durften Loulou und Jules sogar in einer Szene mitspielen, bei einer Schneeballschlacht.
Jetzt kommt Sherlock
Die nächsten intensiven Dreharbeiten stehen vor der Tür. Pierre Monnard ist Lead-Regisseur der Krimiserie «The Death of Sherlock Holmes», die von SRF, Sky und ARD gemeinsam produziert wird. Gedreht wird von Ende April bis Mitte Juli in der Schweiz, in Bayern und in Südtirol. Sie handelt von den drei Jahren zwischen dem Tod des Meisterdetektivs und seiner Rückkehr. «Ich kenne einige Regisseure, die mögen Dreharbeiten nicht. Weil das Träumen dann vorbei ist und die Realität beginnt. Zu diesen gehöre ich nicht. Ich liebe das Drehen, das Arbeiten mit den Schauspielenden und das tägliche Improvisieren. Diese Erlebnisse sind das Schönste an meinem Beruf.»