Ueli Steiger und Thomas Nellen
Schweizer Filmpaar verabschiedet sich von Hollywood

Vom Kabelträger zum Kamerachef, vom Kellner zum Maskenprofi: Nach mehr als 30 Jahren in der Traumfabrik schlagen Ueli Steiger und Thomas Nellen in ihrer kinoreifen Lebensgeschichte ein neues Kapitel auf – zu Hause in der Schweiz.
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Erinnerungsstücke: Kameramann Ueli Steiger (l.) und Maskenbildner Thomas Nellen mit den Filmklappen von «Frau Ella» und «Alles ist Liebe» vor ihrem Bündner Holzhaus.
Foto: Fabienne Bühler

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Ueli Steiger und Thomas Nellen kehren nach über 30 Jahren aus Hollywood zurück
  • Emotionale Entscheidung: Persönliche Beziehungen statt Karriere, Fokus auf Schweiz
  • Thomas Nellen feierte kürzlich 65. Geburtstag, Ueli Steiger ist 71 Jahre alt
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Sylvie Kempa
Schweizer Illustrierte

Vom Kabelträger zum Kamerachef, vom Kellner zum Maskenprofi: Nach mehr als 30 Jahren in der Traumfabrik schlagen Ueli Steiger und Thomas Nellen in ihrer kinoreifen Lebensgeschichte ein neues Kapitel auf – zu Hause in der Schweiz.

Kürzlich klingelte bei Thomas Nellen das Telefon. Eine Produktionsfirma fragte an, ob er in einer neuen Serie das Make-up von Michelle Pfeiffer übernehmen wolle. «Eine grossartige Schauspielerin und ein verlockendes Angebot», findet der Maskenbildner. Doch als er den Drehort hörte, lehnte er ab. «Montana! Da friert man sich im Winter in den Trailern den Hintern ab.» Früher hätte er trotzdem zugesagt.

«Heute verbringe ich meine Zeit lieber mit Ueli.» Vor wenigen Wochen feierte Nellen seinen 65. Geburtstag. Er ist offiziell im Rentenalter und arbeitet nur noch, wenn er Lust darauf hat. Sein Mann, Ueli Steiger, 71, hat diesen Zustand bereits vor ein paar Jahren erreicht und findet ihn grossartig: «Auf Englisch sagt man to retire, wenn jemand pensioniert wird. Wortwörtlich bedeutet das: sich frisch bereifen», erklärt der Kameramann schelmisch. «Man macht sich also parat für einen Neustart!»

Die beiden sitzen auf der Bank vor ihrem Chalet oberhalb von Disentis GR. Sie sind gerade angekommen, haben den Terrassentisch gekärchert und die Schweizer Flagge gehisst. «So wissen die Nachbarn, dass wir da sind.» Künftig wird die Flagge öfter in der frischen Bergluft flattern. Nach mehr als drei Jahrzehnten in Hollywood sind Ueli Steiger und Thomas Nellen dabei, ihren Lebensmittelpunkt zurück in die Schweiz zu verlagern.

Viel erlebt, viel verpasst

Weder das politische Klima noch die bevorstehenden Umwälzungen durch künstliche Intelligenz hätten den Ausschlag gegeben, der Traumfabrik den Rücken zu kehren. Der Entscheid sei ein emotionaler, sagt Steiger. Wer in Hollywood bestehen wolle, müsse der Karriere Priorität einräumen. Familie und Freunde hätten oft hinten anstehen müssen, während er als führender Kameramann Blockbuster wie «Godzilla», «The Day After Tomorrow» und «10 000 BC» prägte und Nellen die Maske für Filme wie «Independence Day: Wiederkehr» und «Killers of the Flower Moon» plante oder als persönlicher Maskenbildner von Jeff Bridges eingespannt war. Zwar hielten beide über die Jahre engen Kontakt in die Schweiz, aber viele wichtige Momente erlebten sie aus der Ferne. «Jetzt kommen persönliche Beziehungen zuerst.»

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!

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Ueli Steiger wuchs in einer Zürcher Pfarrersfamilie auf. Das intellektuelle Elternhaus weckte früh seine Begeisterung für Kunst und Kultur. Während des Studiums jobbte er als Kabelträger beim Fernsehen, unter anderem für die legendäre Sendung «Teleboy». Als er beschloss, an einer Filmschule in London neu anzufangen, ahnte er noch nicht, dass er eines Tages zu den gefragtesten Kameramännern Hollywoods gehören würde.

Bei Thomas Nellen deutete noch weniger auf eine Filmkarriere hin. Als junger Rebell verliess er nach der Kellnerlehre das Elternhaus in Albisrieden ZH und schlug sich zwei Jahre lang in London und Australien durch. Zurück in der Schweiz lehnte ihn die Kunstschule ab. «Mein Stil war ihnen zu eigen.» Erst als er am Filmset einer Kollegin kurzfristig für einen Maskenbildner einsprang, fand er seine Bestimmung – als Autodidakt. «Eine klassische Ausbildung habe ich nie gemacht. Wenn mich etwas interessiert, bin ich gut darin, es mir selbst beizubringen.»

Davon zeugt auch ihr Haus in Disentis: Auf dem Tisch steht eine alte Nähmaschine, auf der Thomas Nellen Sitzkissen oder auch mal Kleidungsstücke fertigt. Das Sofa hat er selbst bezogen, die Böden erneuert. Und in der Küche, in der sich Hobbykoch Ueli austobt, übernahm er das Renovieren der Schränke.

Parallelen und Zufälle

Die Surselva ist für beide ein besonderer Ort. Bereits als Kinder haben sie hier ihre Ferien verbracht und beim selben Bäcker ihr Brot gekauft – ohne voneinander zu wissen. «Auch in London waren wir per Zufall gleichzeitig, begegneten uns aber nie», sagt Thomas. Erst 1981 kreuzten sich ihre Wege in einer Zürcher Bar. «Mir fielen sofort Uelis Haare auf. Sie standen ihm wild vom Kopf. Er sah aus wie Frank Zappa!» Steiger lacht und fährt sich mit der Hand über den Kopf. Die weissen Locken trägt er heute kurz. Erst an diesem Morgen hat ihm sein Partner im Badezimmer die Haare geschnitten. «Seit wir uns kennen, musste ich nie mehr zum Coiffeur.»

Die grosse Liebe fühlte sich für die beiden an wie das Natürlichste der Welt. Sie gingen einfach am ersten Abend zusammen nach Hause. «Dann wurde aus einer Nacht eine Woche, aus einer Woche ein Monat und daraus ein ganzer Sommer», sagt Steiger. Irgendwann war beiden klar, dass sie zusammenbleiben würden. «Und zwar exklusiv.» Das war damals, als sich Aids auf der ganzen Welt ausbreitete, wichtig. «Es hat uns vielleicht sogar das Leben gerettet.»

Ebenso wenig wie ihre Liebe planten die beiden ihre Karrieren. «Der Erfolg ist uns einfach passiert», sagt Steiger. «Michael Hoffmann, ein ehemaliger Filmschulkollege, brauchte noch einen Kameramann für seinen Film ‹Promised Land›, also holte er mich in die USA.» Weil auch ein Maskenbildner fehlte, reiste Nellen mit. Im Gepäck eine ordentliche Portion Ideenreichtum: So bleichte er etwa Hauptdarstellerin Meg Ryan die Haare mit Ajax. «Das wäre heute undenkbar.»

1992 gewann Thomas Nellen die Green-Card-Lotterie – und damit eine permanente Arbeitsbewilligung. Das Paar liess sich in Los Angeles nieder und kaufte ein Haus in Silver Lake, einem Stadtteil in der Nähe von Hollywood. Es wurde ein Zuhause, in dem sie sich arbeitsbedingt nie lange gleichzeitig aufhielten. «Auch die Beziehung musste hinter der Karriere anstehen, aber das war für uns beide in Ordnung», sagt Steiger. Die Distanz habe ihnen sogar gutgetan. «Wir durften uns immer wieder neu kennenlernen und waren füreinander nie selbstverständlich.» Kaum war die gleichgeschlechtliche Ehe in Kalifornien legal, gaben sich die beiden 2008 das Jawort. «Und heute würden wir es wieder tun», sagt Nellen.

Wie aussergewöhnlich ihre Karrieren verliefen, war ihnen lange nicht bewusst. Erst an einem ganz normalen Tag, als sie in Los Angeles ins Kino gingen, wurde es ihnen klar. «Vor dem Eingang hingen die Plakate von ‹Seabiscuit› mit Jeff Bridges und ‹Godzilla› von Roland Emmerich», sagt Nellen. An beiden Filmen, die damals zu den grössten und teuersten Produktionen Hollywoods gehörten, hatten sie mitgewirkt. «Da staunten wir selbst, dass zwei Würstchen aus der Schweiz es so weit bringen können!», erinnert sich Steiger. Ihr Zuhause in Los Angeles werden die beiden vorerst behalten. Nur schon, weil sie mittlerweile Doppelbürger sind. «Wir lebten lange in den USA und kamen in die Schweiz zu Besuch», sagt Steiger. «Ab jetzt machen wir es umgekehrt.»

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