Darum gehts
- Nathalie Wappler gibt nach sieben Jahren ihr Amt als SRF-Direktorin ab
- Sie hinterlässt gemäss Kritikern nur wenig kreative Innovationen
- Roger Elsener kommt aus der Privatwirtschaft und war zuletzt Chef bei Zattoo
Nächste Woche übernimmt Roger Elsener (47) die SRF-Direktion von Nathalie Wappler (58). Er wird sich nicht über fehlende Arbeit beklagen können. Dazu gehört auch die Aufarbeitung der Causa «Patrick Fischer», bei der auch das SRF nicht die beste Figur abgab. Zu seinen Plänen will sich der Zuger nach Anfrage von Blick erst «zu gegebener Zeit» äussern.
Die SRF-Medienstelle verweist auf die «strategischen Stossrichtungen», die er bei seiner Präsentation am 11. März formulierte.
Zu den Inhalten sagte er damals: «Wir werden das Programm stärken, indem wir es qualitativ weiterentwickeln und das SRF als Plattform für fundierte Information positionieren.» So weit, so vage.
«Keine einzige kreative Innovation»
Um zeigen zu können, wo Elsener konkret angreifen muss, ist eine kurze Rückschau auf Wapplers Hinterlassenschaft hilfreich. Diesbezüglich zeichnet Medienpionier Roger Schawinski (80) ein deutliches Bild: «Mir kommt keine einzige kreative Innovation in den Sinn, die sie verantwortet hat», sagt er gegenüber Blick. Auch neue Moderationspersönlichkeiten habe sie keine entdeckt.
Diesen Eindruck teilt zwar auch Mark Balsiger (59), Geschäftsführer der Allianz Pro Medienvielfalt, die sich seit 2022 gegen die Halbierungsinitiative engagierte. Beim Programm sei aus Budgetgründen tatsächlich ein Abbau im Gang.
«Wappler blieb gar nichts anderes übrig, als das vom damaligen SRG-Chef Gilles Marchand verordnete Sparpaket von über 100 Millionen umzusetzen. Aber sie hat zum Glück frühzeitig erkannt, dass das SRF komplett digital werden muss. Das klingt lapidar, doch nur jene Medienhäuser, die auch digital ein überzeugendes Angebot liefern, werden überleben.»
Schawinski wurde selber Opfer von Wapplers Einsparungen. Seine gleichnamige Talkshow lief im März 2020 aus. Aus Balsigers Sicht ein Fehler: «‹Schawinski› war ein angriffiges Format, das seine Fans hatte und wenig kostete. Mir gefiel es.»
Der heutige Radio-1-Chef gehört zu den profundesten Medienkennern. Auf die Frage, wo Elsener beim Programm zuerst ansetzen müsse, sagt er: «Vor allem in der Information braucht es neue Elemente. Seit Jahren ist dort alles blockiert, vieles hat sich überholt. Ich denke vor allem an Strukturformate wie die ‹Arena›, die aus den frühen 1990er-Jahren stammt.» Handlungsbedarf sieht er auch beim «Club», der noch älter ist. «Auch hier fehlt die Dynamik.»
«Der Vorabend ist ein Trauerspiel»
Das Vorabendprogramm bezeichnet Schawinski gar als «Trauerspiel». «Der Verlust von G&G ist nach wie vor fatal. Vor allem, wenn man sieht, wie wenig damit eingespart wurde.»
Die Streichung mehrerer Radio- und TV-Formate brachte vor einem Jahr breite Teile des Publikums gegen das SRF auf. Solche Vorfälle dürften sich häufen. «Die vom Bundesrat verordnete Reduktion der Gebühren bedeutet, dass das Budget um 17 Prozent reduziert werden muss – das ist sehr schmerzhaft», sagt Balsiger. Aber nicht die SRG sei schuld daran, sondern die Politik wolle das so.
«Die beiden grössten Kostenblöcke sind Personal und Infrastruktur, also beispielsweise die Regionalstudios. Diese zu schliessen, würde massive Kritik auslösen und entspräche nicht mehr dem festgeschriebenen Auftrag.»
Mehr live – auch im Kleinen
Blick hat mit weiteren Fachleuten gesprochen. Innovationsbedarf im Programmbereich sehen sie nebst den in die Jahre gekommenen Strukturformaten auch im Bereich Tiere, Gastronomie und Lifestyle.
Und das SRF müsse vor allem auf seine Möglichkeiten im Live-Bereich setzen, auch im Kleinen. So wie vergangene Woche bei der Böögg-Verbrennung in Zürich. Um bei solchen Erlebnissen dabei zu sein, müssen die Leute zwingend zu einer fixen Zeit den Sender einschalten, egal von welchen Geräten aus.
Ein gutes Zeugnis bekommt Wappler bei der Förderung des fiktionalen Bereiches. Die 2020 eingeführte SRG-Streaming-Plattform «Play Suisse» soll unter dem neuen Namen «Play+» bald auf ein neues Level kommen.
Die SRG-Medienstelle schreibt auf Anfrage von Blick: «Das Publikum wird in die finale Entwicklungsphase einbezogen. Ab Herbst 2026 wird ‹Play+› für die Öffentlichkeit zugänglich sein, damit das Publikum die Plattform testen und Feedback geben kann.» Der offizielle Launch ist für Januar 2027 geplant.
Zuständig für «Play+» ist allerdings nicht Elsener, sondern der ebenfalls neugewählte SRG-Angebotschef Nicolas Pernet (46).
Bringt «Outsider» Elsener frischen Wind?
Noch ist es schwer, negative Stimmen zu Roger Elsener zu finden. «Ich traue ihm als bisherigem Outsider und Kenner der privaten Medien zu, frischen Wind reinzubringen und die verkrusteten Strukturen aufzubrechen», sagt Roger Schawinski. «Ich wünsche ihm dabei viel Glück und Durchhaltevermögen.»
Doch mit Verwalten allein ist es nicht getan. «Als SRF-Chef ist Elsener für das ganze Programm verantwortlich, nicht nur für das Budget. So habe ich es immer selbst erlebt, auch bei Sat. 1 in Berlin», sagt Schawinski.
Dass Elsener mit wenig Geld und Experimentierfreudigkeit ein ansprechendes Programm hinkriegt, hat er bei 3+ gezeigt. Solchen Esprit hätte das SRF-Programm dringend nötig. Doch schon bald wird ihn die Realität einholen, wenn die Debatte um die neue SRG-Konzession beginnt.
SVP-Medienminister Albert Rösti (58) fordert einen stärkeren Fokus auf Information und möchte bei Sport und Unterhaltung kürzen. Dazu sagte Elsener am 11. März immerhin schon mal so viel: «Für das SRF ist es wesentlich, dass wir über alle Genres aktiv bleiben können.»