Eiskunstlauf-Königin Denise Biellmann über den Tod ihrer Mutter
«Ihr letztes Wort war Denisli»

Der grösste Verlust ihres Lebens – und der Mensch, der sie jetzt hält: Eiskunstlauf-Königin Denise Biellmann spricht über den Tod ihrer Mutter und die Kraft der Liebe, die sie durch diese dunkle Zeit trägt.
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Zeugen einer Weltkarriere: Mami Heidi sammelte jede Medaille und jede Trophäe ihrer Tochter. Nun verwaltet Denise diesen Nachlass.
Foto: Fabienne Bühler

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Eiskunstlauf-Ikone Denise Biellmann trauert um ihre verstorbene Mutter Heidi
  • Heidi Biellmanns Tod führte bei Denise zu Blutarmut durch extreme Erschöpfung
  • Denises Partner Colin Dawson unterstützt sie seit über 40 Jahren liebevoll
Text Patricia BroderFotos Fabienne Bühler
Schweizer Illustrierte

Ein grauer Frühlingsmorgen in Volketswil ZH. Als Denise Biellmann (63) die Tür zu ihrer Wohnung öffnet, wirkt die Eiskunstlauf-Königin zunächst ganz so, wie man sie seit Jahrzehnten kennt: strahlend und mit jener jugendlichen Aura, die sie zur Ikone machte. «Kaffee oder Tee?», fragt sie und lächelt. Doch in ihren Augen liegt eine tiefe Trauer. Die Weltmeisterin von 1981 macht aktuell ihre schwerste Zeit durch.

Vor vier Monaten ist Heidi Biellmann, Denises Mutter, im Alter von 94 Jahren gestorben. «Vor diesem Moment habe ich mich ein Leben lang gefürchtet», sagt Biellmann und senkt den Blick. Schon 2015 erlebte sie mit dem Krebstod ihrer Schwester einen schweren Schicksalsschlag. Jetzt verlor sie auch ihr geliebtes Mami. Ein grosses Bild neben dem Cheminée im Wohnzimmer zeigt die damals junge Eiskunstläuferin an der Seite ihrer Mutter – bis vor Kurzem stand es noch in Heidis Wohnung.

«Mami war mein Anker. Sie gab mir Energie», sagt Biellmann. «Jetzt muss ich schauen, dass ich wieder an einen guten Punkt in meinem Leben komme.» Sie nickt, als würde sie sich das Gesagte selbst versichern. Dann sucht sie den Blick ihres Partners Colin Dawson (64). Er schaut sie liebevoll an und schenkt ihr ein Lächeln, das sagt: Ich halte dich.

Pflege bis zur Erschöpfung

Der Verlust ihrer Mutter entzog der Eiskunstlauf-Legende das Fundament. «Ich habe erst danach gemerkt, wie erschöpft ich eigentlich bin», gesteht sie. Die Ärzte diagnostizierten bei der 63-Jährigen eine akute Blutarmut. «Ich wusste gar nicht, dass Stress so etwas auslösen kann.» Solange die Mutter lebte, verbrachte Biellmann jeden Morgen mit ihr. Aus der Tochter wurde die Umsorgende. «Wir haben gemeinsam gefrühstückt, ich ging einkaufen, koordinierte die Spitex, führte Arztgespräche.»

Heidi Biellmann litt an einer schweren Herzinsuffizienz, überlebte die Diagnose aber um Jahre. In den letzten zwei Wochen im Januar, als die Kräfte langsam schwanden, zog ihre Tochter ganz zu ihr. «Ich merkte, dass ich jede Sekunde da sein muss. Ich sagte alles ab.» Bis zum Schluss wollte Biellmann die Starke sein. «Ich habe nicht an ihrem Bett geweint. Ich wusste: Wenn ich schwach bin, würde ihr das wehtun.» Sie blieb bis zum letzten Atemzug. «Ihr letztes Wort war Denisli», sagt sie leise, ihre Stimme wird brüchig. «So hat sie mich schon als Kind genannt.» Nach Mamas Tod kam der Zusammenbruch. «Ich fühlte nur noch eine grosse Leere.»

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!

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Enges Band seit der Kindheit

Der Schmerz ist so tief, weil die Verbindung aussergewöhnlich war. «Wir haben 63 Jahre täglich miteinander verbracht.» Schon als Kind litt die kleine Denise, wenn die Mutter das Haus verliess: «Ich habe meine Nase an die Scheibe gedrückt, bis sie wiederkam.»

Mama Heidi war die erste Trainerin des Ausnahmetalents, später die lebenslange Begleiterin. Sie stand in ihrem markanten rosa Mantel an der Bande, reiste von Las Vegas bis Japan mit. Selbst als Denise ein Weltstar wurde und ihr Name durch die Biellmann-Pirouette in die Sportgeschichte einging, blieb die Mutter ihr innerer Halt. «Wenn sie dabei war, fühlte ich mich sicher.»

Von aussen könnte man eine ehrgeizige Mutter, eine klassische «Tiger Mum» vermuten. Unvergessen bleibt ein gemeinsamer Auftritt in einer TV-Kochsendung, bei dem die Mutter ihre Tochter lautstark korrigierte und massregelte. Doch Biellmann schüttelt lachend den Kopf. «Druck machte sie mir nie, im Gegenteil. Ich wollte als Kind immer noch mehr trainieren. Sie war es, die sagte: So, komm, Denisli, jetzt mach mal eine Pause, setz dich an die frische Luft.»

Natürlich gab es auch Reibung. Biellmann erinnert sich an Abende, an denen sie als Teenager zu spät aus der Disco kam und die Mutter bereits suchend durch das Quartier fuhr. «Das Gute beim Mami war: Wenn sie hässig war, war sie es nur kurz. Sie war nie nachtragend.»

Zeugin eines Ausnahmetalents

Heidi Biellmann war auch die Chronistin des aussergewöhnlichen Lebens ihrer Tochter. Über Jahrzehnte sammelte sie alles, was über Denise erschien: Artikel, Fotos, kleine Schnipsel der Erinnerung – sorgfältig eingeklebt in über 50 Alben. Denise und Colin verwalten jetzt dieses Archiv genauso wie die unzähligen Medaillen und Pokale.

Beim gemeinsamen Blättern durch die Alben bleibt das Paar an einem alten Cover der Schweizer Illustrierten aus den 1990ern hängen. «Oh Gott», sagt Denise und lacht auf. «Da hattest du ja noch alle Haare, und dein Gesicht war auch viel breiter.» Colin lacht mit: «Ja, und du hattest deine Broccoli-Frisur!»

Lebenswichtige Liebe

Seit über 40 Jahren ist der britische Eiskunstläufer Colin an Denise Biellmanns Seite. Von 1984 bis 1991 waren die beiden verheiratet, nach der Scheidung fanden sie wieder zusammen. Nun trägt er sie durch die dunkelsten Wochen ihres Lebens. «Er ist essenziell für mich», sagt Biellmann. Als die Mutter starb, nahm er sofort eine Woche frei. «Ich wollte nicht, dass Denise alleine ist», sagt er. Schon zuvor half er, kochte und organisierte. «Colin und ich verstehen uns blind und können sehr gut miteinander reden – über alles.»

Auch zu ihrer Mutter lässt sie das Gespräch nicht abbrechen. Einmal pro Woche geht sie zum Grab auf dem Friedhof in Zürich-Witikon, bringt frische Blumen, setzt sich hin und spricht mit ihr. Sie filtert die Nachrichten: Biellmann erzählt ihrem Mami nur die schönen Dinge. «Mir ist es wichtig, dass es ihr gut geht», sagt sie und richtet sorgfältig die Vase mit dem mitgebrachten Strauss. «Meine Mutter hat Blumen geliebt. In jedem Zimmer hatte sie welche.»

Eine zweite Hochzeit

Bald fährt das Paar für einige Tage ins Tessin. «Darauf freue ich mich sehr. Einfach mal raus, durchatmen und unsere Batterien wieder aufladen.» Und dann, vielleicht nächstes Jahr, wollen sie noch einmal vor den Traualtar treten. «Damit schliesst sich der Kreis. Und Mami würde sich auch freuen», sagt Denise Biellmann und lächelt. «Bei allem, was jetzt noch kommt, ist sie sowieso immer dabei.»

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