Darum gehts
- Erika Stucky spricht im Interview über ihre Kunst, Kindheit und Selbstermächtigung
- Ihre Werke zeigen kulturelle Gegensätze zwischen Kalifornien und dem Oberwallis
- Über 40'000 Fotos und Videos sind in der Ausstellung in Vevey VD zu sehen
SonntagsBlick: Frau Stucky, Sie nennen sich «Queen of F*cking Everything» – die «Königin von absolut allem, verdammt nochmal». Was wollen Sie uns damit sagen?
Erika Stucky: Das ist der Spruch auf meinem Lieblingsschlüsselanhänger, den mir meine britischen Musiker aus London mitgebracht haben. Ich trage den seitdem immer bei mir. Es geht mir da eher um radikale Selbstermächtigung, die hoffentlich ansteckt. Ich sehe es an meiner Tochter und ihrer Generation: Die lassen sich nicht mehr so unterkriegen, die sind viel selbstbestimmter. Es tut einfach gut, sich selber die Erlaubnis zu geben und zu sagen: «Ich bin meine eigene Chefin! Ich bin die Regisseurin von meinem Leben.»
Hatten Sie diese Überzeugung schon immer in dieser Form?
Ja. Das wurde mir als Kind der Flower-Power-Zeit in Kalifornien eingetrichtert: «Du kannst alles sein, was du willst» – und jetzt, mit über 60, wird man noch sicherer in seiner Haut und achtet noch ein bisschen weniger darauf, was die anderen meinen, was ich sein und tun sollte. Das gilt übrigens für alle Menschen, für Frau oder Mann.
Die über 40'000 Fotos und Videos, die man von Ihnen in Vevey VD sehen kann, sind ein wilder Ritt durch Ihr Leben, das in San Francisco begann und Sie zu Ihren familiären Wurzeln ins Oberwallis brachte. Ein Kulturschock?
Ich war neun Jahre alt und habe dazumal natürlich die Schweiz aus der Sicht des Kindes beobachtet. Ich fand, dass Schweizer Wasser bitter schmeckt – ich habe Henniez-Sprudelwasser als salzig empfunden, weil ich Sprite gewohnt war und Coca-Cola im Kinderschoppen bekommen habe. Toni-Naturjoghurt brauchte drei Löffel Zucker. Und die Autos! Gopf, waren die klein! Da passte oft keine ganze Familie rein.
Die schweizerisch-amerikanische Musikerin, Sängerin, Performerin und Akkordeonistin Erika Stucky (*1962 in San Francisco) prägt die Szene seit Jahrzehnten mit ihrer einzigartigen Mischung aus Jazz, Blues und alpinem Jodel. Für ihre verdienstvolle Arbeit wird sie mit dem mit 50'000 Franken dotierten Kunstpreis 2026 der Stadt Zürich ausgezeichnet. Zum Auftakt ihrer Jubiläumstournee würdigt die Biennale Images Vevey nun auch Stuckys Werk als Fotografin: Unter dem Titel «Queen Of F*cking Everything» werden über 40'000 Fotografien und Filme aus 44 Jahren zu einem performativen Familienalbum verdichtet, das sie vor Ort während einer Residency mit musikalischen Überraschungsauftritten begleitet.
Die schweizerisch-amerikanische Musikerin, Sängerin, Performerin und Akkordeonistin Erika Stucky (*1962 in San Francisco) prägt die Szene seit Jahrzehnten mit ihrer einzigartigen Mischung aus Jazz, Blues und alpinem Jodel. Für ihre verdienstvolle Arbeit wird sie mit dem mit 50'000 Franken dotierten Kunstpreis 2026 der Stadt Zürich ausgezeichnet. Zum Auftakt ihrer Jubiläumstournee würdigt die Biennale Images Vevey nun auch Stuckys Werk als Fotografin: Unter dem Titel «Queen Of F*cking Everything» werden über 40'000 Fotografien und Filme aus 44 Jahren zu einem performativen Familienalbum verdichtet, das sie vor Ort während einer Residency mit musikalischen Überraschungsauftritten begleitet.
Auch landschaftlich siehts an der US-Westküste anders aus als im Wallis.
Wir sind im Wallis in ein schummriges Tal gekommen, das in der tiefsten Sohle liegt. Ich habe die Weite gesucht – bis ich das erste Mal mit der Luftseilbahn auf der Riederalp war und gemerkt habe: Ah, hier oben haben wir die grosse Weite! Und dennoch muss ich sagen: Ich liebe diese Beengtheit. Ich habe es gerne eng und gemütlich.
Spiegelt sich dieser Culture Clash auch in Ihrer Musik wider?
Wenn Sie in einer Grossstadt wie San Francisco aufwachsen, sehen Sie Afrikaner, Mexikaner, Indigene auftreten und denken: Wow, sind die laut! Alles fremd und beeindruckend für ein Kind. Als ich in die Schweiz gekommen bin, hat es im Trachtenverein geheissen: Hey, nicht so deftig, keine grossen Grimassen! Die Buben sollten die Hände in die Hosentaschen stecken, die Mädchen unter die Schürze – «schön grad dastehen!»
Wie sind Sie damit umgegangen?
Ich habe lernen müssen, ein bisschen zurückzudrehen, was mir sehr gutgetan hat. So musste ich alle Emotionen in die Stimme legen. Wenn du nicht so wild herumfuchtelst, hast du viel mehr Kraft in der Stimme. Da bin ich den Schweizer Jodlern sehr dankbar. Das hat mir eine Kraft gezeigt, die ohne Kitsch und Drumherum auskommt.
Neben der Musik ist die Kamera Ihr zweites Medium. Wo sehen Sie die grössten Unterschiede zu Ihrer Musik?
Ich bin so gerne Fotografin, weil ich endlich ungeschminkt, mit Doppelkinn und ohne den Bauch einzuziehen, arbeiten kann! Ich kann im Dunkeln hocken und mal die anderen beobachten. Sonst stehe immer ich auf der Bühne und werde studiert.
Ihre intimen Fotos und Videos beschreiben Sie als «performatives Familienalbum». Ist das nicht zu privat?
Ich glaube, als Musikerin bin ich dann am stärksten, wenn ich nach dem Motto handle: «Erzähle deine ganz eigene Geschichte.» So banal das klingt – es ist meine Wahrheit. Für mich ist das nichts Neues, mein Herz vor dem Publikum zu sezieren. Und trotzdem schütze ich mich als Mensch. Es ist ein feiner Grat: Wo verschenke ich mich, wo halte ich mich zurück?
Wenn Sie der neunjährigen Erika, frisch aus den USA im Oberwallis angekommen, ein einziges Bild aus der Sammlung zeigen könnten – welches wäre es?
Es wäre keines von meinen eigenen Bildern. Es wäre das Familienfoto vom Photo Polenghi aus Brig von etwa 1950. Meine Cousinen aus San Francisco sagen immer: «Die sehen aus wie die Addams Family.» Sie stehen alle so ernsthaft da.
Und was würden Sie ihr sagen?
Vermutlich: «Lueg! Hier ist die Kamera, hier drückt man auf den Knopf und jetzt: Bewegt euch! Move! Das war unser Stichwort. Wir haben immer getanzt oder geschaukelt in Papas Filmen. «It’s Movie, move!» Nicht eingefroren wie die Addams Family beim Polenghi in Brig.
Erika Stuckys Werk ist anlässlich von Images Vevey noch bis zum 27. September beim Hôtel des Trois Couronnes in Vevey VD zu sehen. Am Donnerstag, Freitag und Samstag gibt sie um 13.13 Uhr, 15.15 Uhr und 17.17 Uhr sogenannte «Mini-Yodels» zum Besten.