Darum gehts
Zürich, Café Europa. An der Lagerstrasse ist an diesem Nachmittag viel Betrieb. Gäste unterhalten sich, Kellner eilen zwischen den Tischen hin und her. Die Tür geht auf, Sebastian Konrad tritt herein.
Er trägt eine Lederjacke, viel Schmuck, ein weisses Tanktop unter der offenen schwarzen Jacke, dazu Jeans und schwarze Stiefel. Am Handgelenk glitzert eine Uhr. In der einen Hand hält er eine schwarze Tasche, in der anderen zieht er einen Rollkoffer hinter sich her. Vor gut einer Stunde kam er mit dem Flugzeug aus London an. Viel Zeit zum Luftholen bleibt ihm nicht.
Er setzt sich, lehnt sich einen Augenblick zurück, bestellt ein Schoggiweggli und einen Kaffee. «Cafés sind mein natürlicher Lebensraum», sagt er schmunzelnd. «Hier finde ich Ruhe, kann abschalten, Gedanken ordnen.»
Vom Studium zur Musikkarriere
«Schön, dass ich hier sein darf», sagt Sebastian Konrad. Der 26-jährige Basler lebt seit fast vier Jahren in London. Schon immer habe er davon geträumt, in einer Metropole zu wohnen und sich etwas Eigenes aufzubauen. Doch London war für ihn keine Karriereentscheidung, sondern eine Studienwahl. An der University of the Arts London studierte er Art Direction und schloss seinen Bachelor ab. Elektronische Musik war währenddessen ein täglicher Begleiter. Der perfekte Übergang, wie er heute sagt: Denn die Musik wurde internationaler, die Aufträge mehr und London sein neues Zuhause.
In England selbst ist er aber nur sehr selten. In den letzten vier Wochen, erzählt er, sei er gerade einmal fünf Tage in London gewesen. Die restliche Zeit war er unterwegs, auf Reisen, bei Auftritten, an Meetings mit Modemarken oder an Events. Konrad holt sein Handy hervor und zeigt seine To-do-Liste. Seine Aufträge hat er fein säuberlich in «Musik», «General/Leben», «Management» und «Content» unterteilt. Sein Alltag ist eng getaktet.
«Als Kind war es schon sehr surreal»
Er hat früh gelernt, mit verschiedenen Welten umzugehen. Konrad ist zwei Jahre alt, als sich seine Eltern trennen. Von da an lebt er in zwei Haushalten. Mit seiner Mutter führt er in Therwil BL ein normales Alltagsleben. Sein Vater hingegen zeigt ihm eine ganz andere Welt. Eine Welt, die von Reisen und grossen Bühnen geprägt ist.
In Therwil BL besucht Sebastian die Primarschule. Eine besondere Zeit, erinnert er sich. «Nach dem Unterricht gingen die Schüler nicht nach Hause und warteten, bis mein Vater mich abholte.» Irgendwann durfte sich sein Vater, Antoine Konrad (51), nicht mehr auf dem Schulgelände blicken lassen, weil sonst zu viele Kinder dortgeblieben wären. «Als Kind war es schon sehr surreal, man hinterfragt das ja gar nicht.»
Für einen Moment schaut er aus dem Fenster, beobachtet den Verkehr, der durch die Zürcher Innenstadt zieht. Es wirkt, als würde er gedanklich kurz abschweifen. Dann lächelt er plötzlich. «Ich liebe Autos», sagt er und springt fast gleichzeitig zum nächsten Thema über. «Mein Lieblingsauto ist der Ford Mustang Eleanor.» Er zeigt ein Bild auf seinem Handy. «Kostet eine Million Franken oder so. Mein Traumauto.» Konrad steht auf. Bestellt ein Glas Hahnenwasser an der Bar, bevor er sich wieder an den Tisch setzt.
Sieben Länder in einer Woche
Während der Sommerferien ging er als Teenager regelmässig mit seinem Vater auf Tournee. Während Gleichaltrige ihre Ferien zu Hause verbrachten, war Konrad hinter den Kulissen internationaler Konzerte unterwegs. «Damals war ich innerhalb einer Woche in sieben verschiedenen Ländern.»
Besonders während der erfolgreichsten Jahre von DJ Antoine bekam er einen Einblick in eine Welt, die den meisten Jugendlichen verschlossen bleibt. Die Reisen, die Begegnungen mit anderen Promis und die Arbeit hinter den Kulissen hätten ihn geprägt und ihm gezeigt, wie viel Disziplin hinter einer internationalen Karriere steckt.
«Schwierig war es, herauszufinden, wer wirklich ein Kollege ist und wer nur wegen meines Vaters Kontakt zu mir sucht», sagt er. Diese Unterscheidung habe er erst lernen müssen. «Das war nicht einfach. In jungen Jahren kann man das kaum richtig einschätzen. Auch im Liebesleben nicht.»
Er wurde belächelt wegen seines Vaters
Konrad gesteht, dass er eigentlich nie DJ werden wollte. «Das DJ-Sein war in meinem Kopf eine weit entfernte Welt, die für mich immer zu meinem Vater gehörte.» Doch an einem Abend waren fünf Kollegen bei ihm zu Besuch. Ein Freund, der bereits Musik produzierte, zeigte alle Knöpfe und Funktionen in einem Musikprogramm. «Daraufhin hat er mir das Programm illegal heruntergeladen.» Schnell habe er gemerkt, dass man kein Weltstar sein müsse, um aufzulegen.
Bei einer selbst organisierten Party mit rund 300 Gästen trat er erstmals auf und wurde mit Komplimenten überhäuft. Über Kontakte fand er dann den Weg in die Schweizer Clubszene. Seither spielt er Techno und Deep House und geht damit musikalisch einen anderen Weg als sein Vater.
Einfach war der Einstieg jedoch nicht: Oft wurde er wegen seines Vaters gar nicht ernst genommen, sogar belächelt. «Viele dachten, ich mache dieselbe Musik wie mein Papa. Ich habe aber meine eigene Identität und meinen eigenen Sound.» Gerade deshalb möchte Konrad an diesem Nachmittag nicht allzu viel über seinen Vater sprechen. Im Mittelpunkt soll seine eigene Geschichte stehen.
Plötzlich auf Erfolgskurs
Heute ist seine Musik auch ausserhalb von Europa bekannt. Vor rund zwei Jahren legte der DJ das erste Mal auf internationalen Tourneen auf. Besonders stark vertreten sind seine Fans in der Schweiz, England, Deutschland, den USA und Mexiko. In Mexiko war der 26-Jährige gar der Hauptact, das Konzert restlos ausverkauft. «Inzwischen reisen Menschen aus der ganzen Welt an, um meine Shows zu sehen. Das ist crazy. Es macht mich unglaublich stolz.»
«Dachte, der Erfolg komme nie mehr zurück»
Auf die Frage, was ihn derzeit am meisten beschäftigt, wird Konrad nachdenklich. «Die Ungewissheit, was morgen kommt», antwortet er nach einer kurzen Pause. «Ich frage mich ständig, ob ich genug mache, ob ich alles richtig mache.» Ein Tiefpunkt in seiner Karriere war für ihn der Corona-Lockdown. «Da habe ich kaum Musik gemacht und dachte, der Erfolg komme nie mehr zurück.» Heute bereue er diese Entscheidung. «Ich hätte Musik und Social Media machen sollen.» Nun sei ihm bewusst, dass die Menschen eine Menge Zeit gehabt hätten, um Musik zu hören. «Vielerlei Künstlerinnen und Künstler sind während Corona ganz gross rausgekommen.»
Druck, gleich bekannt wie sein Vater zu werden, verspürt Konrad heute nicht. «Vielleicht war da im Unterbewusstsein schon der Gedanke, irgendwann ähnlich erfolgreich zu werden wie mein Vater.» Belastend habe er das jedoch nicht erlebt. «Ich sehe das eher als Motivation.»
Für Konrad ist Musik etwas, was ihn antreibt, motiviert und in schlechten Momenten stärkt. «Letztendlich ist Musik mein Leben, also kann ich mir ein Leben ohne Musik gar nicht vorstellen.» Auch in Zukunft möchte er musikalisch weiterhin Menschen begeistern. «Wenn das klappt, kann ich das machen, was ich liebe. Und das ist Musik.»