Darum gehts
- Walter Lietha, 75, Bündner Liedermacher, prägt seit 1970er-Jahren die Musikszene.
- 2025 erhielt er den Bündner Kulturpreis für politische und poetische Werke
- Stefan Haupts Doku über Lietha startet im April in Deutschschweizer Kinos
«Wenn eina wien i sina Gsang / us sinem Härz tüf ussa singt / denn bruchts döt unna ä Für / wo endlos witerbrennt / Und wenn’s guat brennt / denn kann är d’ Wärmi zu da Menscha träga»
Walter Lietha sitzt in seiner Stube in Trin GR, die Finger gleiten über die Gitarrensaiten. Das Lied, das der 75-jährige Liedermacher in seiner Churer Mundart singt, heisst «Dia Freia», entstanden ist es 1974. «Ich bin froh, nichts über Musik zu wissen, kenne keine Noten. Ich spiele einfach mit Freude, die Melodien und Texte fliessen aus mir heraus. Wahrscheinlich hat es sie schon gegeben», sagt Lietha. «Die Lieder machen mich, nicht ich sie.» Bedächtig streicht er sein schlohweisses Haar hinter die Ohren. «Das Feuer brennt noch gut.»
Mit seinen vielen poetischen und mitunter kritischen Mundartliedern wie «I bin a Vogel» und «Liebi Schwizer, guat Nacht» war Walter Lietha in den 1970er-Jahren die musikalische Stimme der Schweizer Jugend. Seine Lieder widerspiegelten den damaligen Zeitgeist, seine Schallplatten fehlten in keiner Wohngemeinschaft. Mit seiner unverwechselbaren, reinen und warmen Tenorstimme sang Lietha als erster Liedermacher in Churer Mundart. Seine Texte handeln von Leben und Tod, der Natur, sozialen Problemen, Mitverantwortung.
Lietha gehörte zu den Grossen der landesweiten Musikszene. Sie strahlen Liebe aus, sagte er einmal. Oft spielte er solo, liess Flamenco, Musik der Fahrenden und jiddische Klänge einfliessen. Mit der Bode Band, zu der Walter Lässer und Andreas Vollenweider und andere gehörten, trat er am Folkfestival auf Schloss Lenzburg im Kanton Aargau auf, am Openair St. Gallen und an vielen weiteren Konzerten. Anfang der 80er-Jahre nahm der Barde mit dem wallenden Haar auch politisch Stellung, er solidarisierte sich mit dem Anarchisten Marco Camenisch. Bei einem Livekonzert im Schweizer Fernsehen 1980 wollte er Lieder zum Thema der damaligen Jugendunruhen singen. Doch der Auftritt wurde in letzter Minute von oben herab verhindert. Auf Radio DRS waren Liethas Lieder plötzlich nicht mehr zu hören – es wurde still um den Bündner. Martin Schäfer, früherer DRS-3-Musikredaktor: «Walter Lietha blieb politisch unbeirrt. Darum ist er nicht der Polo Hofer geworden, der nirgends aneckt.»
«Ich brauche keinen Erfolg»
Seither tritt Lietha nur noch sporadisch auf. «Nur wenn man mich ruft», sagt er an seinem Stubentisch. Neben ihm stehen sein halbes Dutzend akustische Gitarren, die älteste ist 170 Jahre alt, ein Erbstück von seinem Ururgrossvater, jede hat ihren eigenen Ton. «Sie sind meine Freundinnen. Jeden Morgen nach dem Aufstehen nehme ich eine in die Hände, dann singen sie mit mir. Sie sind die Verlängerung meiner Hände.» Erfolg brauche er nicht, sagt Lietha. «Mir ist wohler ohne. Ich war nie Teil der Unterhaltungsindustrie, Ambitionen sind mir schon immer fremd gewesen. Einer Ideologie bin ich nie angehangen, das interessiert mich nicht. Ich bin ein Freigeist.»
An seinem ersten Tag im Kindergarten hiess es: Zeichnet eine Sonne mit Landschaft. Walter malte eine Sonne, Menschen, Blumen – und zog zu jedem Wesen einen Sonnenstrahl. Die Kindergärtnerin schüttelte verständnislos den Kopf – Walter war erschüttert, die Eltern nahmen ihn aus dem Kindergarten. Mit 13 Jahren trampte er per Autostopp nach Marseille, Schlafsack und Gitarre im Gepäck. Nach der Buchhändlerlehre lebte er ein paar Jahre in Amsterdam, spielte in Folkklubs. «Ich war schon immer ungebunden, suchte das Abenteuer.» Lietha kommt aus dem Etruskischen, heisst frei sein. Sein Leben folge keinem Plan, sagt Lietha. «Wenn man verplant ist, verpasst man alles. Ich will nichts. Wollen bringt Leid.»
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.
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Vergangenes Jahr ist der Mundartpionier wieder in der breiten Öffentlichkeit in Erscheinung getreten. Zu seinem 75. Geburtstag wurde ihm der Bündner Kulturpreis 2025 verliehen. «Mit deinen politisch prägnanten Liedern und deiner virtuosen Musik bereicherst du das Lebensgefühl von drei Generationen», sagte der einheimische Regierungsrat Jon Domenic Parolini bei der Feier. «Und als Verleger und leidenschaftlicher Büchersammler trägst du massgeblich zur Bewahrung der bündnerischen Kultur- und Kunstgeschichte bei.» In ihrer Laudatio bezeichnete Corin Curschellas (69), Bündner Sängerin und musikalische Weggefährtin, Lietha als begnadeten Verdichter und Beobachter.
Zeitlose Liedtexte
Zu Ehren ist der Volkssänger auch in den Wochen danach gekommen. Bei vier von Corin Curschellas initiierten Hommage-Konzerten unter dem Titel «Zyt isch do» in Chur, Bern und in Altdorf interpretierte die Narrenschiff-Band mit Lietha dessen Lieder in neuem Gewand. Als Gastmusiker wirkten Stephan Eicher (65), Michael von der Heide (54) und Sophie Hunger (43) mit. Sie zollen Lietha Bewunderung, sind von ihm inspiriert. Stephan Eicher: «Ich versuche, die Leute so zu berühren, wie Walter Lietha mich berührt hat, als ich ein 16-jähriger verlorener Jugendlicher war.» Curschellas: «Waltis Lieder haben auch heute noch viel zu sagen.» Es ist geplant, dass Lietha im Herbst wieder Konzerte gibt.
Walter Lietha setzt sich auf sein Sofa. Er lebt allein hier, auf den obersten drei Stockwerken der Casa Cultura Ringel. Seine leiblichen Kinder Laurindo (34), Leandro (33) und Maira (31) leben in der Deutschschweiz, sie haben noch drei Halbgeschwister. In jedem der zwölf Zimmer von Liethas Zuhause stehen Bücher, abertausende, darunter viele geschichtsträchtige, wertvolle Unikate. «Mich dürstet es nach einem Überblick über die Kulturgeschichte, nach anderen Denkmustern, anderen Religionen, anderen Philosophien.» Jahrzehntelang leitete er in Churs Altstadt ein Antiquariat und eine Buchhandlung, das Narrenschiff, publizierte Bücher. 2019 ist er mit seinem Bücherschatz nach Trin gezogen. «Ich bin ein lebender Chronist, suche nach der Geschichte hinter der Geschichte.»
Ist er nicht am Gitarrespielen, tigert er federnden Schrittes durch seine Zimmer, ordnet neu erworbene Bücher ein, liest – stundenlang, auch nachts. «Ich versinke gern in andere Welten, will Zusammenhänge kennenlernen. Mich interessiert das Ganze.» Er ist zufrieden mit seinem Leben, Angst vor dem Tod hat er nicht. «Vielleicht leben wir erst dann richtig. Das ist mein Lebenstraum.»
Stefan Haupts Dokumentarfilm «Walter Lietha – Drum sing i grad drum» läuft ab Mitte April in Deutschschweizer Kinos.