Andrea Fischer Schulthess moderiert «Fun Fatale»
«Frauenthemen sind Menschenthemen»

Sie moderiert die erste rein weibliche Comedysendung auf SRF: Die Lorbeeren der Pionierin setzt sich Andrea Fischer Schulthess aber nicht auch noch auf. Sie trägt schon diverse andere Hüte. Und Blumen im Haar.
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Kitsch trifft Kunst: Der Familienwohnung im Zürcher Niederdorf hat Paradiesvogel Andrea Fischer Schulthess ihren Stempel aufgedrückt.
Foto: Fabienne Bühler

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • SRF-Comedy «Fun Fatale» mit Andrea Fischer Schulthess seit 3. Mai präsent.
  • Erste SRF-Sendung ausschliesslich von Frauen gestaltet, ein Meilenstein für Gleichstellung.
  • 12 Frauen als Gäste, inspiriert vom Festival «Female Trouble» im Millers.
Sylvie Kempa
Schweizer Illustrierte

«Alle Kameramänner sind Frauen.» Noch während Adrian Schulthess (50) den Satz ausspricht, grinst er. Ein Versprecher wie eine satirische Pointe. Auch Andrea Fischer Schulthess (56) muss lachen. Die Sprache kommt der Gewohnheit nicht ganz hinterher, wenn SRF plötzlich Sendungen produziert, an denen ausschliesslich Frauen mitwirken. Seit dem 3. Mai präsentiert Andrea Fischer Schulthess das Comedyformat «Fun Fatale». Ein Meilenstein der Gleichstellung. Oder ein Tropfen auf den heissen Stein?

Die Branche ist seit Jahrzehnten männlich dominiert. Das zeigte sich zuletzt vor drei Jahren deutlich, als SRF für die Nachfolge der Late-Night-Show «Deville» vor allem Männer ins Rennen schickte und Stefan Büsser sowie Gabriel Vetter den Zuschlag erhielten. «Die Vorstellung, Frauenthemen gingen nur die Hälfte der Bevölkerung etwas an, wurde öfter an mich herangetragen», sagt die Gastgeberin der Sendung. «Da halte ich dagegen. Jeder Mann kam durch eine Mutter zur Welt. Frauenthemen sind Menschenthemen.»

Ihre Familie will für die Gesellschaft wirksam sein

Dass Frauen in der Comedy nach wie vor untervertreten sind, habe auch mit alten Rollenbildern zu tun, glaubt sie. «Historisch sind sich Männer eher gewohnt zu senden, Frauen aufzunehmen.» Ihr Mann nickt zustimmend. Beim Ehepaar läuft das etwas anders. Hier senden beide abwechslungsweise. Und beide hören zu. Das funktioniert seit 37 Jahren.

Ihre erste Unterhaltung führten Andrea und Adrian, als sie 20 war und er 13. Der kleine Bruder einer Freundin. «Wir fantasierten einen Abend lang über die Gedankenwelt von Wellensittichen», weiss er noch. Sieben Jahre später treffen sie sich wieder, verlieben sich, heiraten und gründen eine Familie. Die erwachsenen Kinder haben beide noch ein Zimmer in der Familienwohnung im Zürcher Niederdorf. Daheim sind sie jedoch selten. Lena (24) arbeitet in der Rechtsberatung für Asylsuchende, Serafin (23) ist derzeit im Militär. «Das tönt nicht kompatibel», räumt Andrea Fischer Schulthess ein. «Aber wenn man sich die Beweggründe anschaut, steckt dahinter ein gemeinsamer Wert unserer Familie: das Bedürfnis, für die Gesellschaft wirksam zu sein.»

Diesen Wunsch teilen die Eltern. Nachdem Andrea Fischer Schulthess 2019 als Co-Leiterin das Zürcher Theater Millers übernommen hatte, formte sie es nach und nach zu einem kleinen Universum, aus dem sich niemand ausgeschlossen fühlen soll. Adrian Schulthess ist als Barchef und Büroangestellter stets an ihrer Seite. Fast. «Bei der Aufzeichnung von ‹Fun Fatale› in unserem Theatersaal nicht», betont er.

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!

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Brocki, Kitsch und Kunst

Im Millers gibts neu auch Vorstellungen für Familien, in denen Kinder laut sein dürfen. Massnahmen, die Menschen aus dem Autismusspektrum entgegenkommen. Oder auch Veranstaltungen, die Frauen ins Rampenlicht stellen. Wie etwa das Festival Female Trouble, das als Inspirationsquelle für «Fun Fatale» diente.

Die Wohnung des Ehepaars ist ebenso eine Ode an die Vielfalt. Die Einrichtung setzt sich aus Brocki-Trouvaillen, Kitsch und Werken von Meret Oppenheim, Adrians Grosstante, zusammen. Fast jede Wand trägt eine eigene Farbe. Und alle hängen voller Kunst – selbst gemacht, gekauft oder gefunden. Zwischen echten Pflanzen blühen Kunstblumen. Vor sich auf dem Tisch hat Adrian einen 21-Gramm-Espresso aus der Kolbenmaschine stehen, während Andrea Instantkaffee mit Milch schlürft.

Berufliche Laufbahn so bunt wie ihr Daheim

Auch beruflich haben es die beiden bislang bunt getrieben: Er ist Tänzer, Velomechaniker und Absolvent der Theaterschule Dimitri. Die Journalistin, Autorin, Moderatorin und Biologin. Das Studium prägt ihre Weltsicht bis heute. «In der Biologie gibt es keine moralische Wertung», sagt sie. «Wenn ein Fuchs ein Huhn reisst, kann man dieselbe Geschichte aus beiden Perspektiven erzählen.» Das habe sie gelehrt, unterschiedliche Sichtweisen einzunehmen und menschliches Handeln besser zu verstehen.

Die Abgründe, die sie in solchen Gedankengängen erforscht, verarbeitet sie in düsteren Romanen. Im ersten bringt eine Mutter ihre Tochter um. «Als ich das Manuskript las, bin ich schon erschrocken und habe mich gefragt, neben wem ich eigentlich jeden Abend einschlafe», sagt ihr Mann. «Noch lebst du ja», schmunzelt sie und lässt die langen Kunstwimpern klimpern. Wobei in manchen Fantasien auch Wirklichkeit steckt. Ihr neuster Roman, «Noch fünf Tage», ist ein Psychothriller, der von Depression und Suizid handelt. Beide Themen seien in ihrer Familie seit der Kindheit präsent gewesen.

Sie selbst wirkt alles andere als düster. Mit farbenfroher Garderobe und Blumen in der weissblonden Frisur wirkt sie wie eine Figur aus dem Minitheater Hannibal, welches das Ehepaar gemeinsam betreibt. «Wir erzählen alte Geschichten neu. Feministisch, selbstbestimmt», so die Theaterfrau. In ihrer Version von «Rumpelstilzchen» endet die Prinzessin nicht in der Ehe mit dem König, der sie zuvor schlecht behandelt hat, sondern verlässt ihn und sucht ihr eigenes Happy End.

Wäre Andrea Fischer Schulthess eine ihrer Märchenfiguren, dann eine Frau Holle, meint ihr Mann. «Empathie und die Fähigkeit, Menschen in ihren Stärken zu fördern, zeichnen sie aus. Wie es Frau Holle bei Goldmarie tut.» Stimmt. Setzt man ihr als «feministische Pionierin» die Lorbeeren auf, gibt sie diese postwendend weiter. «Die gebühren Patti Basler. Es war ihre Idee.» Die Politsatirikerin ist denn auch die erste von zwölf Frauen, die in der Sendung auftreten. «Fun Fatale», sagt Fischer Schulthess, sei der Gegenbeweis zu einer These, der sie seit Jahren begegne: Es gebe gar keine Diskriminierung, sondern schlicht zu wenig Frauen in der Schweizer Comedyszene. «Das stimmt einfach nicht. Man muss ihnen nur eine Bühne geben!»

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