Darum gehts
- Barbara Schmutz erforscht in ihrem Buch die vielfältigen Formen der Liebe
- Besonders fasziniert ist sie von KI-Beziehungen und polyamoren Gemeinschaften
- Ein Ehepaar teilt sein Erfolgsrezept nach 67 Jahren Ehe: gegenseitige Anteilnahme
Die Liebe lässt (fast) keinen kalt. Fällt der Begriff, denken die allermeisten an Schmetterlinge im Bauch, an Lust, Begehren – und ganz grosse Gefühle. «Dabei umfasst Liebe viel mehr als nur romantische Beziehungen», sagt Barbara Schmutz (63). Die Journalistin und Buchautorin beleuchtet im Buch «Alles Liebe. 18 Gespräche über ein grosses Gefühl» verschiedene Facetten der Liebe. Ihr Fazit: «Wir lieben unseren Partner oder unsere Partnerin, man kann seine Arbeit gernhaben, empfindet Gefühle für Freunde; es gibt Menschen, die sich Bäumen verbunden fühlen, Personen, die sich in Objekte verlieben – und es gibt die Liebe zu Tieren.»
Um die ganze Bandbreite der Liebe, ihrer Formen und Arten aufzuzeigen, interviewt Schmutz eine Philosophin und einen Psychoanalytiker, spricht mit einer Pfarrerin und einem Abt, informiert sich bei einem Herzspezialisten und einer Schönheitschirurgin, befragt eine Ethikerin und zwei Ehepaare, hört vier Jugendlichen und einem Rockmusiker zu, hakt bei einer Künstlerin und einem Zoodirektor nach, teilt die Gedanken einer Schriftstellerin und lässt eine Bogenschützin, Pilotin, Kranführerin und Kitesurferin zu Wort kommen.
KI und Polyamorie
Persönlich am meisten beschäftigten Schmutz bei ihren Recherchen zwei Aspekte der Liebe: Zum einen geht es um die Beziehung zwischen Mensch und Maschine in Zeiten künstlicher Intelligenz und Robotisierung und der damit verbundenen Frage, ob es moralisch verwerflich ist, sich als Mensch in eine Maschine zu verlieben. Zum anderen gibt sie Menschen eine Stimme, die in einer polyamoren Beziehung leben, aber keine Möglichkeit haben, diese zu legalisieren und ihre Partnerinnen oder Partner abzusichern wie etwa in einer Ehe. «Viele denken dabei an offene Beziehungen mit viel Sex», benennt Schmutz eines der Klischees zur Polyamorie. So habe sie beispielsweise erfahren, dass nicht alle, die in einem sogenannten Polykül leben – einem Liebesbeziehungsnetzwerk –, mit jeder oder jedem eine romantische Beziehung haben; einige sind auch einfach nur miteinander befreundet. Alle aber würden von einer Sorgegemeinschaft sprechen, also einer Gemeinschaft, in der man sich umeinander kümmert.
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.
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Tief beeindruckt zeigte sich die Autorin vom Gespräch mit der deutschen Schriftstellerin Gabriele von Arnim (79) die ihren Mann nach zwei Schlaganfällen zehn Jahre lang pflegte. Nach seinem Tod habe sie anfangs das Haus nicht verlassen können aus Angst, ihr Zuhause zu verlieren, da niemand mehr darin auf sie wartete. Wochenlang sei sie nur rausgegangen, um sich etwas zu essen zu holen oder mit der Freundin radeln zu gehen. «Das hat mich sehr berührt.»
Was es braucht für die viel besungene «Ewigi Liebi», hat Schmutz ebenfalls erfahren. Verraten hat es ihr ein Ehepaar, das seit 67 Jahren verheiratet ist. «Auf meine Frage, wie sie es geschafft haben, ihre Liebe so lange lebendig zu halten, sagten sie: Wir nehmen Anteil am Leben des anderen.»