Literatur
Licht- und Schattenseiten von Max Frischs Matura-Aufsatz

1954 ist der Matura-Aufsatz von Max Frisch aus dem Gymnasium Rämibühl verschwunden; vor zwei Jahren ist er wieder aufgetaucht und jetzt wird er erstmals publiziert. Nicht im Feuilleton, sondern in der Jubiläumsschrift zum 175. Geburtstag des Lehrmittelverlags Zürich.
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Max Frisch kurz vor seinem 75. Geburtstag: hoch geehrt und international bekannt. Literarische Ambitionen hatte er schon als Schüler. Das zeigt sich nicht zuletzt in seinem Matura-Aufsatz, der jetzt erstmals publiziert wird. (Archivbild)
Foto: ANONYMOUS
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Keystone-SDADie Schweizer Nachrichtenagentur

Seines Wissens wurde dieser Aufsatz bisher weder vermisst noch gesucht, verrät der Präsident der Max Frisch-Stiftung, Thomas Strässle im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. «Die Zeugnisse sind archiviert, aber diesen Aufsatz hatte niemand auf dem Radar.»

Es ist davon auszugehen, dass dieser heute verloren wäre, hätte ihn 1954 nicht ein Schüler namens Hans Eggenberger gestohlen. Zumindest sind im Kanton Zürich keine anderen Matura-Aufsätze aus dem Jahr 1930 archiviert. Für Strässle ist das Auftauchen des Matura-Aufsatzes von Max Frisch (1911-1991) eine «kleine literaturgeschichtliche Sensation: Es handelt sich bei dem Aufsatz vom September 1930, geschrieben im Alter von 19 Jahren, vermutlich um das älteste erhaltene Manuskript von Max Frisch».

1954 hatte Hans Eggenberger diesen Aufsatz aus dem Rämibühl mitgehen lassen und ihn dann 2024 an die Max Frisch-Stiftung übergeben. Im Buch des Lehrmittel Verlag Zürich (LMVZ) zum Jubiläum erinnert sich Eggenberger unter dem Titel «Wie ich zum Dieb und Bewahrer eines Manuskripts von Max Frisch wurde». Kurz: Dank eines «Ämtli» hatte der damalige Gymnasialschüler einen Schlüssel zu dem Raum, wo unter anderem die Matura-Aufsätze aufbewahrt wurden und wo sich auch seine Vorgänger schon bedient hatten. Diese interessierten sich vor allem für die Aufsätze ihrer Väter und Lehrer, spekuliert Eggenberger.

Als 1954 «Stiller» veröffentlicht wird, las der damalige Musiklehrer begeistert daraus vor. Der Deutschlehrer wollte den Roman aber nicht mit der Klasse lesen. Eggenberger war neugierig: «Max Frisch war einmal Schüler am Realgymnasium an der Rämistrasse 59 gewesen. Ich durchsuchte die dünn gewordenen Beigen der Matura-Aufsätze in Deutsch und fand Frischs Aufsatz aus dem Jahr 1930: 'Licht- und Schattenseiten der modernen Technik'. Offensichtlich hatte Max Frisch bis 1954 für meine Vorgänger bei der Büchervermittlungsstelle noch nicht zu den bekannten Zürchern gehört», so Eggenberger im zweiten Vorwort zum Aufsatz.

In diesen Jahren gelang Frisch der Durchbruch: Die Premiere von «Graf Öderland» (1951) am Schauspielhaus Zürich scheiterte zwar noch bei Publikum und Kritik, dann folgte die Komödie «Don Juan oder Die Liebe zur Geometrie» (1953) und schliesslich der Roman «Stiller».

Literarische Ambitionen hatte er aber bereits als Gymnasialschüler. Strässle verweist auf ein Theaterstück mit dem Titel «Stahl», welches der 16-jährige Frisch ans Deutsche Theater Berlin geschickt hatte und daraufhin ermutigt wurde, spätere Arbeiten einzusenden. Drei Jahre später leitete er seinen Matura-Aufsatz mit folgendem Satz ein: «Wäre ich eine Autorität, hätte mein Name schon den Klang, der die Leute aufhorchen lässt, hätten meine Worte die suggestive Kraft einer ernstgenommenen Persönlichkeit, wollte ich mir erlauben die Menschheitsgeschichte in eine Handvoll Sätze zusammenzuballen, in grotesker Kürze Geburt und Säuglingsalter und Diktatur der Technik einzubetten.»

Die Arroganz und vermeintliche Allwissenheit, die hier suggeriert wird, ist wahrscheinlich bis heute ein Merkmal von Matura-Aufsätzen. Der 19-jährige Max Frisch tut dann genau das, was er ankündigt, indem er seinen Zeitgenossen einen techniklosen Urmenschen gegenüberstellt, der keine Zeit zum Nachdenken habe und deshalb glücklich sei. An dieser These hängt sich seine ganze Argumentation gegen die Technik auf.

Vier Maturanden des heutigen Rämibühl bemängeln in der Jubiläumsausgabe des LMVZ zu Recht, dass Frisch keinen Beleg anbringt oder anbringen kann, wonach die Höhlenmenschen tatsächlich glücklich gewesen seien. Ausserdem sei der Aufsatz subjektiv und nur auf die Nachteile fokussiert. Vielleicht erkläre sich daraus die Note 4-5, denn markiert seien bloss ein paar Kommakorrekturen. Ohne sicher zu wissen, von wem der Aufsatz stammt, sind sich die vier einig, dass in diesem Text die Grundzüge einer Person spürbar sind, «die weiss, was sie denkt, die gut schreiben kann und das auch gerne tut».

Über die damalige Gegenwart liest man bei Frisch 1930: «Wir haben Erziehungsprobleme, volkswirtschaftliche Probleme, Eheprobleme, wissenschaftliche Probleme, Sexualprobleme.» Was den Literaturwissenschaftler Strässle an dem Aufsatz vor allem überrascht, ist das Thema: «Die Frage nach dem Nutzen und Nachteil der Technik ist im zeitgeschichtlichen Kontext originell, da die grossen technikkritischen Debatten eigentlich erst später aufkamen, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.» Ob die Fragestellung vom Maturanden Frisch, oder wahrscheinlicher, von dessen Deutschlehrer kam, liesse sich heute nicht mehr rekonstruieren.

Thomas Strässle wollte diesen Aufsatz des 19-jährigen Max Frisch «nicht auf dem Titel des Feuilletons» platzieren, betont er im Gespräch. Nach der Übergabe an die Stiftung folgten erst noch «recht komplizierten Abklärungen, wer welche Ansprüche auf dieses Dokument haben könnte». Die Max Frisch Stiftung entschied in Absprache mit allen Beteiligten, den Text in die Jubiläumspublikation des LMVZ zu geben. «Damit kehrt der Aufsatz an den Ort zurück, wo er hingehört. Der Lehrmittelverlag gehört zum Kanton Zürich und ist der richtige Ort für diesen Text, der damit längerfristig greifbar bleibt und in die Bibliotheken geht.»*

*Dieser Text von Philine Erni, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.

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