Darum gehts
- Tom Kummer veröffentlicht seinen neuen Roman «Freiwürfe mit einem Diktator»
- Darin geht es um die Berner Jahre des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un
- Das Buch dreht sich um Kim Jong Uns fiktiven Basketball-Coach Frank Bichsel
Tom Kummers (65) neuer Roman ist da: «Freiwürfe mit einem Diktator». Gemeint ist Kim Jong Un (42), oberster Führer Nordkoreas und Basketball-Narr, der in den 1990er-Jahren während mindestens vier Jahren – andere Quellen sprechen von über zehn – unter falschem Namen in Bern lebte und die Schule Liebefeld-Steinhölzli sowie die International School in Gümligen BE besuchte.
Blick besucht Kummer in dessen Wohnung im Osten Berns mit Sicht auf die Autobahn und die Alpen. Seit zehn Jahren ist der Autor zurück aus Los Angeles (USA), wo er 24 Jahre lebte – sinnigerweise in Koreatown – und in den 2000er-Jahren mit fiktiven Star-Interviews grosse Aufregung auslöste.
Damals entlockte Kummer den Stars in Hollywood Geheimnisse wie kein anderer. Kein Wunder: Die Gespräche waren oft erfunden oder stammten teilweise aus bereits vorhandenen Interviews. Alle wollten seine Texte, in denen beispielsweise Box-Berserker Mike Tyson (59) Friedrich Nietzsche (1844–1900) zitierte. Als der Schwindel aufflog, wurde Kummer quasi über Nacht zur persona non grata, die die Medien in eine veritable Krise stürzte.
«Das personifizierte Böse»
Mittlerweile ist Kummer als Romancier etabliert. Zuletzt bekam er zwischen 2017 und 2022 mit der Trilogie «Nina & Tom», «Von schlechten Eltern» und «Unter Strom» Kritikerlob in namhaften deutschen Medien. Im Gegensatz zu diesen Werken ist «Freiwürfe mit einem Diktator» nicht autofiktional. «Mich faszinierte, dass da jemand mehrere Jahre unerkannt in Bern lebte, der heute als das personifizierte Böse gilt.»
Bei seinen Recherchen stiess Kummer im Liebefeld auf eine Frau, die ihm erzählte, sie habe in den 1990er-Jahren regelmässig einen Teenager gesehen, der dort unter Anleitung eines Trainers Basketball spielte.
Daraus ergab sich die Figur des Sportlehrers Frank Bichsel, der den jungen Nordkoreaner coachte. «Es war nie mein Anspruch, neue Dinge über Kims Zeit in Bern herauszufinden. Ich fand vielmehr diese Grauzone spannend, weil man sie in der Literatur bespielen und beim Publikum viele Bilder freisetzen kann. Ich wollte einen zeitgenössischen Roman mit einer Coach-Figur schreiben, die mit ihrer Sicht die komplizierte Gegenwart reflektiert. Was ich nicht wollte, war ein Klamaukbuch über Kim. Es ist sehr einfach, sich über ihn lustig zu machen. Deshalb interessierte mich das nicht.»
Bichsel steht kurz vor der Pensionierung im fiktiven Nobel-Internat am Distelberg und besucht in einem Pflegeheim täglich seine todkranke Mutter Lilly, die er mit erfundenen Geschichten am Leben hält. «Im Film und der Literatur gibt es diesen beliebten Zusatz ‹basierend auf wahren Geschichten›. Doch was uns wirklich reizt, ist, was darüber hinausgeht und unsere Fantasie anregt. Ich fand es geradezu rührend, zu schildern, wie Bichsel mit diesen Geschichten eine neue Nähe zur Mutter findet. Sie war politisch sehr engagiert und fand früher, er interessiere sich nur für Sport und habe keine Haltung.»
Ein ominöser Brief aus Pjöngjang
Bald erhält Bichsel Post von der nordkoreanischen Botschaft. Eine schriftliche Einladung nach Pjöngjang, um seinen früheren Zögling wiederzusehen. Und in der Mutter keimt Hoffnung auf, dass ihr Sohn vielleicht jetzt mit einer mutigen Aktion sein früheres Versäumnis gutmachen und den Diktator zur Vernunft bringen könnte.
«Die Einladung ist natürlich ein literarischer Trick. Bichsel bekommt eine Chance, in die eigene Vergangenheit zu reisen und eventuell etwas gutmachen zu können. Er fühlt sich schuldig, weil er einen zukünftigen Diktator betreut hat. Schuld ist ein prägendes Gefühl, das uns antreibt, sie entweder zu verdrängen oder gutzumachen. Bichsel steht auch symbolisch für die Schweiz. Nobel-Internate pflegen seit über hundert Jahren ein lukratives Geschäftsmodell, indem sie unter dem Versprechen von Sicherheit und Diskretion Menschen hierherlocken, die in ihren Ländern später wichtige Rollen innehaben. Die Internate machen etwas Ähnliches wie die Banken, einfach mit menschlichem Kapital.»
Kummer wollte auch dem nordkoreanischen Botschafter ein Buch vorbeibringen und mit ihm sprechen. Dabei wurde er von einem 3sat-Kamerateam für eine Reportage begleitet.
«Als ich klingelte, liess man mich zuerst fünf Minuten warten. Wahrscheinlich wurde ich über die Kamera kontrolliert. Dann fuhr plötzlich eine Limousine vor, worin tatsächlich der Botschafter sass. Er wollte das Buch aber partout nicht entgegennehmen und befahl mir, es in den Milchkasten zu legen. Und vor allem dürften wir hier nicht drehen. Das war eine sehr seltsame, beinahe gespenstische Begegnung, die mir noch lange im Kopf herumging.»
«Freiwürfe mit einem Diktator», 224 Seiten, ist am 14. März bei Klett-Cotta erschienen.