Darum gehts
- Martin McDonaghs «Wild Horse Nine» begeistert bei Venedig-Weltpremiere mit 13 Minuten Applaus
- John Malkovich (72) als krebskranker CIA-Agent beeindruckt durch düstere Dialoge
- Kinostart in der Deutschschweiz: Ab 12. November 2026
Martin McDonaghs Filme haben einen sagenhaften Vorteil: Man kann ihre Handlung so gut wie gar nicht spoilern. Als mich kürzlich jemand fragte, wie ich denn «Wild Horse Nine» fände und worum es darin geht, bin ich ins Stocken geraten. Was ich aber sagen konnte: John Malkovich spielt mit.
Die Tatsache, dass ein Charakterkopf wie der US-Amerikaner den Inhalt des Films derart überlagert, hat bei McDonagh System: Anstatt Figuren mühsam über lange Erklärungen einzuführen, setzt er auf die Wirkung seiner Darsteller. Er nutzt das Wissen, das das Publikum bereits über seine Schauspieler mitbringt, quasi als Abkürzung: Sobald bekannte Gesichter wie John Malkovich (72), Sam Rockwell (57) oder Steve Buscemi (68) auf der Leinwand auftauchen, weiss der Zuschauer, auf welche Art von verrückten, düsteren oder schrägen Charakteren man sich einstellen kann. Die Besetzung verrät das Genre und die Stimmung des Films schneller als jede Handlungserklärung.
Dass diese Formel nach wie vor aufgeht, zeigt sich am Donnerstag bei den Filmfestspielen in Venedig: Bei der Weltpremiere feierte das Publikum «Wild Horse Nine» mit 13-minütigen Standing Ovations – und Malkovich steht bei den Buchmachern plötzlich ganz oben auf der Liste, wenn es nächstes Jahr um den Oscar als bester Hauptdarsteller geht.
«Wenn er es sagt, glaube ich es ihm!»
Der Plot – zwei CIA-Agenten, die 1973 kurz vor dem Pinochet-Putsch in Chile auf den abgelegenen Osterinseln verfrachtet werden – klingt auf dem Papier wie ein schräger Historien-Thriller. Malkovich glänzt als zynischer, krebskranker CIA-Veteran Chris, Rockwell gibt gewohnt den unberechenbaren Handlanger Lee, und Steve Buscemi mimt als MJ ihren schmierigen Chef. Dazu gesellen sich Indie-Ikonen wie Parker Posey und – natürlich – Kult-Musiker Tom Waits. So viel sei gesagt: Die eigentliche Mission der beiden Agenten – nämlich die chilenische Allende-Regierung zu untergraben – dient lediglich der geschichtlichen Orientierung.
Besonders Malkovich und Rockwell arbeiten sich über fast zwei Stunden an herrlich abstrusen, teils trotteligen Gesprächen ab. «Bist du je paranoid, dass du nicht paranoid genug bist?», entfährt es dem todkranken Chris einmal. Um wenig später zu konstatieren: «Das Leben ist traurig. Alles ist traurig.» Die Dialoge kommen oft unvermittelt, vielleicht sogar zusammenhangslos und vor allem voller Weltschmerz daher – genau darin liegt aber ihr Reiz: «John Malkovich kann einfach alles glaubwürdig klingen lassen! Wenn er es sagt, glaube ich es ihm», erklärt Hollywoodstar Steve Buscemi gegenüber SonntagsBlick.
Trotz dieser düsteren Grundstimmung kippt der Film nicht in reinen Nihilismus ab. McDonagh nutzt diese Melancholie stattdessen, um die verletzliche Seite seiner Figuren schonungslos freizulegen. Das zeigt sich auch bei Steve Buscemi: Obwohl er einen zwielichtigen CIA-Schergen spielt, will er vom Klischee des typischen Bösewichts nichts wissen: «Über solche Begriffe denke ich gar nicht nach. Ich suche einfach nach dem Menschlichen darin und schaue, wo ich persönlich einen Anknüpfungspunkt finde.» Das Herzstück des Films sei die Beziehung der Figuren untereinander, geprägt von Existenzangst und gegenseitiger Abhängigkeit.
Den Agenten bleibt nur noch der Galgenhumor
Genau diese Beziehungsdynamik führt zu einem der zentralen Themen, das sich durch McDonaghs Schaffen zieht: die Isolation. Bereits in seinem Meisterwerk «The Banshees of Inisherin», das mit neun Oscarnominierungen belohnt wurde, lässt er zwei sture, alte Freunde auf einer abgelegenen irischen Insel stranden, zeitgleich tobt auf dem Festland der Krieg. In «Wild Horse Nine» setzt der Regisseur erneut auf dieses Motiv: Während die CIA in Santiago de Chile bereits die Champagnergläser ob des bevorstehenden gewaltsamen politischen Umsturzes klirren lässt, wird die karge Einsamkeit der Osterinsel zum eigentlichen Schauplatz des Dramas. Abgeschnitten von der Aussenwelt bleibt den Agenten nur noch der Galgenhumor. So wird «Wild Horse Nine» schnell zum XXL-Kammerspiel unter freiem Himmel. Es ist McDonaghs bisher stärkstes Stück.
Indie-Königin Parker Posey (57, «The Sweetest Thing»), die im Film als Marge nur über Telefon mit ihrem entfremdeten Ehemann Lee verbunden ist, war von McDonaghs Herangehensweise mehr als angetan: «Wenn man etwas liest, das so gut geschrieben ist, wirkt es wie eine Komposition», schwärmt sie im Gespräch. «Wild Horse Nine» sei als Projekt zugleich ein Plädoyer gegen die oft hektische Fliessbandarbeit des modernen Hollywoods. «Oft ist in unserer Branche alles nicht ausgereift und wird einfach überspielt», bringt es Posey auf den Punkt. «Manche verstehen eben nicht, dass ein guter Prozess Zeit, Gedanken und starke Charaktere braucht.»
Buscemi nickt zustimmend und ergänzt aus eigener Erfahrung: «Die Hauptfrage ist immer: Kann die Regie den Film so umsetzen, wie sie es beabsichtigt? Oder wird das Projekt unterwegs durch Kompromisse verwässert?» Ganz im Gegenteil! Davor verneigt sich in diesem Jahr auch das Zurich Film Festival, das den irischen Filmemacher mit dem renommierten A Tribute To ... Award für sein bisheriges Schaffen ehrt.
«Wild Horse Nine» läuft ab 12. November regulär in den Deutschschweizer Kinos.