Darum gehts
- Sasha Filipenko, belarussischer Autor, fand 2020 in Basel Zuflucht vor Verfolgung
- Belarus verurteilte ihn wegen «extremistischer Werke» zu 12 Jahren Haft
- Sein Sohn, jetzt Klassenbester, spricht vier Sprachen und fühlt sich heimisch
Der Volksfeind sitzt entspannt auf einem Sofa im Literaturhaus Basel und trinkt seinen Milchkaffee. Sasha Filipenko (41) redet leise, wirkt zurückhaltend, aber offen. Zwischendurch blitzt ein gewisser Schalk auf. Dabei sind weder sein Leben noch seine Bücher lustig. Aber er schreibt in heiterem Ton – und erzählt mit viel Sarkasmus, wie Repression funktioniert. Filipenko schildert die Gräuel der Stalin-Ära («Rote Kreuze») oder was passiert, wenn man die Augen vor dem Offensichtlichen verschliesst .
In seinem neusten Werk «Die Elefanten» okkupieren die Grauen Riesen eines Morgens eine Stadt, stehen in jeder Wohnung, jedem Geschäft, auf allen Plätzen. Und alle tun so, als sei alles in bester Ordnung. Parallelen zu Putin, Trump oder Populisten in Europa sind nicht zufällig. Belarus verurteilte Filipenko wegen seiner «extremistischen Werke» zu total zwölf Jahren Gefängnis.
Schweizer Illustrierte: Sasha Filipenko, kann sich ein Einzelner überhaupt gegen ein repressives Regime zur Wehr setzen?
Sasha Filipenko: Wenn man sich das fragt, hat man schon damit angefangen. Das ist schon ein riesiger Gewinn. Fragen sind wichtiger als Antworten. Alles ist besser als nur reden. Helfen Sie einem Flüchtling, wehren Sie sich, wenn Sie können. Ich protestierte gegen Diktator Alexander Lukaschenko, verlangte Fundamentales wie Demokratie und freie Wahlen. Das ist, was ich tun kann – und ich tue es, weil ich es kann. Jemand anderer kann es nicht, das ist okay. Auch kleine Aktionen helfen. Sie sind Glassteinchen in einem grossen, wunderschönen Kirchenfenster. Jeder von uns trägt ein Stückchen zum Gesamtwerk bei.
Sie wurden 2004 zum ersten Mal verhaftet: Als Protest gegen die Schliessung Ihrer Universität setzten Sie sich auf einen Platz in Minsk und lasen Bücher.
Die Polizei war zunächst etwas ratlos. Dann nahmen sie unser Grüppchen mit. Ich wurde unzählige Male verhaftet, war im Gefängnis. Aber immer nur ein paar Tage. Zwei Mal wurde ich verurteilt. Das zweite Mal absurderweise, weil ich in einem Interview aus meinem eigenen Buch zitierte. Unter uns Exilanten erlauben wir uns den Spass, uns zu übertrumpfen: «Nur zwei Jahre hast du bekommen? Du bist kein richtiger Extremist. Ich bekam 12 Jahre!» Die Situation ist so surreal, da bleiben nur Spott und schwarzer Humor. Worte und Humor sind enorm starke Waffen. Die Basler lieben übrigens schwarzen Humor. Das gefällt mir hier.
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!
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Sie leben seit vier Jahren in der Schweiz, warum ausgerechnet hier?
2020 erklärte mich Russland, wo ich zuletzt wohnte, zur Persona non grata, zur unerwünschten Person. Der Haftbefehl aus Belarus wäre umgehend vollstreckt worden. Mit meiner Frau und unserem kleinen Sohn landeten wir in London, Stuttgart, Amsterdam – es war eine Odyssee. Unglücklicherweise musste ich alle drei Monate aus Visums- und Sicherheitsgründen den Ort wechseln. Zur Schweiz habe ich eine lange Beziehung durch meinen Verlag Diogenes. Wir wollten nur drei, vier Wochen hier bleiben, es kam anders. Ich fühle mich hier sicher. Die Schweiz erinnert mich daran, wie Belarus sein könnte. Die Art zu leben ist ähnlich. Man mag das «Normale», das Unaufgeregte, Pünktlichkeit, achtet die kleinen Dinge. Ich schätze es wirklich ausserordentlich, dass ich mit meiner Familie hier leben darf.
Fühlen Sie sich heimisch?
Ich fühle mich wie ein Fisch in einem schönen Brunnen mit frischem, sauberem Wasser. Aber ich bin schlammiges Wasser in einem dunklen Fluss gewohnt. Ich lebe quasi nicht artgerecht. Wenn ich von langen Lesetouren in Polen oder Deutschland nach Basel zurückkomme, fühlt es sich inzwischen wie Nachhausekommen an.
Hat sich Ihre Familie auch eingewöhnt?
Die ersten zwei Jahre behauptete mein Sohn, die Schweiz sei das schlimmste Land der Welt. Der Arme hatte Mühe, es war wirklich hart für ihn: neue Kultur, neue Sprache, neue Schule, wo er zu Beginn kein Wort verstand. Heute spricht er Russisch, Deutsch, Englisch und lernt in der Schule Französisch. Er ist jetzt in der Oberstufe und bekam dieses Jahr eine Auszeichnung als Klassenbester. Ich bin sehr stolz auf ihn. Er ist ruhig, smart und engagiert. Wir diskutieren viel miteinander. Er ist mein persönlicher Held.
Sie sind ein Flüchtling, mit denen tut sich die Schweiz mitunter schwer.
Ich bin ein politischer Flüchtling, habe aber keinen Flüchtlingsstatus. Das will ich nicht. Lukaschenko soll nicht die Genugtuung haben, dass er mich herumschubsen und von einem Ort zum anderen jagen kann. Ich arbeite als selbstständiger Autor mit Aufenthaltsgenehmigung und bin einfach ein normaler Mann, der seiner Arbeit nachgeht und seinen Lebensunterhalt verdient.
Wie verdienen Sie den?
Mit Schreiben, mit Stipendien und zum Glück gibt es für Autoren Unterstützung, zum Beispiel von Pro Helvetia. Das ermöglicht mir, tage-, wochenlang in staubigen Archiven zu recherchieren und unzählige Interviews zu führen. Wir leben jetzt sehr bescheiden. Ich verdiente früher sehr gut als Journalist und Comedian, war ein prominenter Moderator. Auf den Bussen warb mein Gesicht riesengross für meine bekannte TV-Sendung. Wir haben alles verloren, unsere Wohnungen, erst in Belarus, dann in Russland, Autos, das Restaurant meiner Frau. Aber es war unsere Wahl, in Basel zu leben, und ich bin glücklich.
Das ist ... Sasha Filipenko
Der 41-Jährige wuchs in Belarus auf. Er studierte in Russland und arbeitete als Journalist, Comedian, Theater- Autor und Moderator einer TV-Show. Nach den Massenprotesten in Belarus wegen Wahlfälschung bei der Präsidentschaftswahl 2020 musste Sasha Filipenko ins Exil. Nach einer Odyssee durch Europa lebt er seit vier Jahren mit Frau und seinem Teenager-Sohn in Basel.
Das ist ... Sasha Filipenko
Der 41-Jährige wuchs in Belarus auf. Er studierte in Russland und arbeitete als Journalist, Comedian, Theater- Autor und Moderator einer TV-Show. Nach den Massenprotesten in Belarus wegen Wahlfälschung bei der Präsidentschaftswahl 2020 musste Sasha Filipenko ins Exil. Nach einer Odyssee durch Europa lebt er seit vier Jahren mit Frau und seinem Teenager-Sohn in Basel.
Verfolgt Sie das Regime von Diktator Lukaschenko bis in die Schweiz?
Die Drohungen kommen in Wellen. Zeitweise schicken sie mir täglich ihre Nachrichten, via E-Mail, aufs Handy oder per Whatsapp.
Was steht drin?
Nichts, das man abdrucken könnte. Es ist nichts sehr Höfliches (lacht auf).
Wie stecken Sie das weg?
Das kann man nicht einfach. Mir hilft Sport, Boxen, Velofahren, Rudern. Wenn ich mich darauf konzentriere, geht es. Meine Eltern leben noch in Belarus, unglücklicherweise. Sie werden unter Druck gesetzt. Aber der Geheimdienst hat viel zu tun. Nicht nur mit mir. Sie müssen Tausende und Abertausende Menschen einschüchtern.
Wissen das die Leute und schauen weg?
Im Zentrum von Minsk hat es elegante Restaurants, grossartige Theater, Leute lachen und amüsieren sich – Wand an Wand mit einem bekannten Gefängnis, in dem schreckliche Sachen passieren. Nur schon, wer einen meiner Insta-Posts likte, riskierte 14 Tage Gefängnis. Inzwischen ist der Account in Belarus gesperrt.
Wie geht es Ihrer Familie in Belarus?
Bei meinen Eltern gibt es regelmässig Hausdurchsuchungen. Das letzte Mal am Telefon sagte meine Mutter: «Oh, dieses Mal ging alles wunderbar. Sie waren sehr schnell und höflich.» Als gehörten Razzien zum normalen Leben.
Können Sie Ihre Eltern besuchen?
Exilanten werden abgehört und verhaftet, wenn sie versuchen einzureisen. An der Grenze – oder auf dem Friedhof. Es ist ein neuer Wirtschaftszweig entstanden: Online-Live-Übertragungen von Beerdigungen. Man sitzt alleine irgendwo, weint und nimmt Abschied. Es ist so absurd, so bitter.
In Ihren Büchern hat es makabre Passagen, die schwer zu ertragen sind.
Unglücklicherweise. Dafür bitte ich um Entschuldigung. Aber es ist wirklich wichtig. Diese Sachen passieren gerade jetzt in Russland, in Belarus, gleich neben uns. Menschen werden gezwungen, sich vor eine graue Wand zu stellen, in eine Kamera zu schauen und für ihre politischen Ansichten um Vergebung zu bitten. Meinen Vater zwangen sie, sich so von mir loszusagen. Er wurde mit Elektroschocks gefoltert, an seinen Fusssohlen, damit man nichts sieht. Er leistete Widerstand. Aber nach drei Tagen bringt man jeden dazu, alles zu sagen, was sie verlangen.
Ihr neustes Buch «Die Elefanten» hat einen originellen Einstieg: Online-User kommentieren das Buch, das man als Leser grad in Händen hält. Wie sind Sie auf diese schräge Idee gekommen?
In den sozialen Medien findet ein Wettbewerb statt, ein grosser Krieg. Er wird ausgefochten über Kommentare. Sie sind enorm wichtig. Über sie diskutieren wir und bilden uns eine Meinung. Mir ist wichtig, den Zustand der Gesellschaft zu zeigen – und welche unterschiedlichen Schlüsse man aus einem einzigen Satz ziehen kann.
Was ist das Kernthema des Buches – Ignoranz, Liebe, Feigheit, Mut, Zivilcourage?
All das – und dass wir immer eine Wahl haben: Entscheiden wir uns für Liebe oder Bequemlichkeit? Hinsehen oder Wegschauen? Ignorieren wir riesige Probleme, oder sprechen wir sie an?
Warum tragen Sie eigentlich verschiedenfarbige Socken?
Eine verschwindet immer in der Waschmaschine. Im Ernst, ich trug sie an der Universität als Protest gegen die Uniformität. Ich wollte nicht so mausgrau sein. In der Schweiz habe ich übrigens die Gewohnheit übernommen, etwas zu tun, was in Belarus nie, nie, nie jemand tun würde: in der Öffentlichkeit vor sich hin singen. Weil es ein schöner Tag ist oder einfach so. Das hat wohl mit einem Sicherheitsgefühl zu tun, das man hier hat.
Freiheit ist ein schönes Gefühl.
Ein Supergefühl!