Darum gehts
- Lukaschenko ruft Kreml zur Kompromissbereitschaft im Ukraine-Konflikt auf.
- Er entschuldigt sich bei Selenski und lehnt militärische Aktionen ab.
- Ukraine greift Moskau erneut mit Drohnen an, Experten vermuten Strategieänderung.
Alexander Lukaschenko (71) fordert plötzlich Kompromissbereitschaft des Kreml gegenüber der Ukraine. Es ist eine Nachricht, die weltweit für Überraschung gesorgt hat.
Konkret: In einem Interview mit dem Fernsehsender Al-Arabiya entschuldigte sich der belarussiche Machthaber für seine Wortwahl gegenüber Selenski. Lukaschenko erklärte, dass er sich zuvor von ukrainischen Äusserungen bedroht gefühlt habe, und räumte ein, sich zu scharf geäussert zu haben.
«Falls sich Wolodimir Alexandrowitsch gekränkt gefühlt hat, entschuldige ich mich bei ihm für diese Worte», so Lukaschenko. Und weiter: «Was die Kritik an Selenski angeht, nun, vielleicht habe ich es irgendwo etwas übertrieben, aber das war eine Reaktion auf seine unangebrachten Äusserungen.»
«Vielleicht hat er was geraucht»
Ende Mai kommentierte Lukaschenko Aussagen von Robert Brovdi, dem Kommandant der ukrainischen Streitkräfte für unbemannte Systeme, wonach das ukrainische Militär etwa 500 Ziele auf belarussischem Territorium identifiziert habe.
Unter anderem sagte er: «Wissen Sie, die Äusserungen des Präsidenten – möge Wladimir Alexandrowitsch mir dies verzeihen, aber es ist reines Gerede – und die Position des Militärs unterscheiden sich. Das ukrainische Militär will keinen Krieg mit Belarus.» Und weiter: «Nun ja, vielleicht ist da etwas vorgefallen: Selenski hat etwas geraucht, oder sich was gespritzt und so weiter. Es ist passiert – und dann fängt er an, solche Aussagen zu machen. Er tut mir einfach leid. Deshalb schweige ich. Gott bewahre, dass ich jemals in so eine Situation gerate.»
Warum macht Lukaschenko das?
In dem Interview wiederholt Lukaschenko zwar zahlreiche Positionen der Russen, die der Kreml selbst immer wieder verwendet, um den Angriff auf die Ukraine zu rechtfertigen. Dennoch bekräftigt er: Ein militärischer Sieg sei für beide Seiten im Ukraine-Krieg unrealistisch. Das Gleiche gelte allerdings auch für andere Konflikte – etwa im Nahen Osten.
Weiter erklärte Lukaschenko, «keinerlei die Absicht zu haben, in einen Krieg zu verwickelt zu werden», da sein Land «äusserst verwundbar» sei. «Ich betone es noch einmal, dass vonseiten Belarus und insbesondere von meiner Seite keine militärischen Aktionen zu erwarten sind.»
Experten rätseln, welches Manöver hinter den Aussagen Lukaschenkos stecken könnte. Die Vermutung liegt nahe, dass die Äusserungen den Fortschritten der ukrainischen Armee auf dem Schlachtfeld geschuldet sind und Lukaschenko deswegen zurückrudert.
Erst am Dienstag führte die Ukraine erneut einen heftigen Drohnenangriff auf Moskau durch. Dennoch dürfte der belarussische Machthaber weiter fest an der Seite Russlands stehen.