Darum gehts
- Studie: Polizei und Medien berichten verklausuliert über Verkehrsunfälle
- Forscher kritisieren fehlende Nennung von Verursachern
- Ein Leitfaden gibt Empfehlungen für verantwortungsvollen Sprachgebrauch
Ein Kind wurde auf einem Fussgängerstreifen angefahren. Ein Fahrradfahrer wurde von einem Auto erfasst.
Wenn Polizei und Medien über Verkehrsunfälle informieren, verwenden sie häufig passive Formulierungen. Die Meldungen nennen selten den Verursacher.
Aktuelle Beispiele? Wie vom Schicksal bestimmt, «ereignete sich» am vergangenen Dienstagvormittag eine Auffahrkollision mit vier Fahrzeugen, wie «Tages-Anzeiger», «Blick» und «20 Minuten» schrieben. Darunter folgte die Info, dass ein Lastwagenlenker in eine stehende Kolonne gefahren war.
Passive und unbestimmte Formulierungen sind in Polizeimeldungen und Medienberichten über Verkehrsunfälle typisch, wie Forscherinnen und Forscher aus Linguistik und Sozialwissenschaften der Universitäten in Bern und Wien sowie des Geoforschungszentrums in Potsdam nachweisen. Gemeinsam haben sie Unfallberichte aus der Schweiz, Österreich und Deutschland analysiert.
Ihr Fazit: Polizei und Medien stellen Unfälle oft nicht als menschengemacht, sondern als Schicksal dar, und sie nennen Verursacher und deren Handlungen selten. Projektleiter Hugo Caviola von der Uni Bern sieht den Grund für die passiven Formulierungen darin, «dass die Behörden und Medien in ihren Berichten niemanden vorverurteilen wollen». Deshalb hielten sie sich in der Nennung der «Täter» zurück, sagt der Sprachwissenschaftler.
Fehlender Zusammenhang
Passive Formulierungen seien vom Verursacher abgewandt, dies rücke den Vorgang vom Handelnden weg, erklärt Caviola. Der Unfall erscheine damit sozusagen «naturhaft». Dabei sei es problematisch, wenn der Titel einer Meldung laute: «Velofahrer auf Kreuzung schwer verletzt», denn es fehle die Information, ob ein Lenker das Opfer angefahren habe oder ob es selbst verschuldet gestürzt sei. Polizei und Medien wollten möglichst sachlich berichten, und diese Art – mit passiv eingesetzten Verben – erwecke den Eindruck von Objektivität, führt Caviola aus.
Auch in anderen Bereichen, in denen Verantwortliche nicht eindeutig bekannt seien, griffen Medien häufig zu Passivierungen. Als Beispiele nennt Caviola Verwaltung und Wissenschaft.
Problematische Folge
Aus ihrer Analyse haben die Forscher einen Leitfaden erarbeitet, denn sie folgerten: «Die Art, wie wir über Unfälle sprechen, prägt unser Verständnis von Verantwortung und Prävention.» Die Medien berichteten aber selbst über die Zahl der Verkehrstoten distanziert. So heisse es in der Jahresstatistik dazu, Menschen hätten «ihr Leben verloren». Oder wenn jemand im Verkehr sterbe, laute die Beschreibung etwa «er erlag seinen Verletzungen» oder «sie zog sich tödliche Verletzungen zu».
Der Leitfaden solle dazu beitragen, die Zuständigkeit aller für die Verkehrssicherheit sprachlich sichtbar zu machen, führen die Wissenschaftler an. Die Empfehlungen appellieren an Polizei und Medien, Unfälle nicht als Schicksal, sondern als menschengemacht darzustellen, involvierte Personen und deren Handlungen zu benennen sowie die Perspektiven der Beteiligten klar darzulegen.
Für die Forscher ist klar: «Bei so vielen Verkehrstoten müssen wir Klartext reden.»