Meine spanische Nachbarin ist ratlos: Ihre Tochter geht neu in Zürich in den Kindergarten. Auf einem Zettel steht etwas von «Fötzeltag» und «Finken». Also fragt sie bei mir nach: Was genau wird da veranstaltet? Und was muss die Tochter mitbringen, bestimmt keine «Pinzón», also Vögel?
Die Antwort ist schnell gegeben: Fötzel. Gemeint sind Papierschnipsel (Abfall), die gemeinsam (am Fötzeltag) in der Nachbarschaft gesammelt werden. Und Pantoffeln, die im Klassenraum in Kindergärten und Primarschulen getragen werden. Und wenn die Kinder am Schulausflug auch mal Zältli mitnehmen dürfen, steht kein Campingausflug an, sondern Süsses ist ausnahmsweise erlaubt.
Für mich und alle Deutsch-Schweizerinnen und -Schweizer völlig klar. Wer aber die deutsche Sprache zwar gut gelernt hat, aber neu in der Schweiz ist, dürfte dagegen erst einmal ziemlich ratlos sein.
Denn selbst wer Deutsch gut beherrscht, versteht Schweizerdeutsch nicht automatisch. Und dann gibt es noch die vielen Wörter, die zwar deutsch klingen, aber in der Schweiz etwas anderes oder ganz anders heissen.
Wenn der Schulranzen plötzlich «Thek» heisst
Schon beim ersten Schultag kann es losgehen. Das Kind nimmt seinen Thek mit. Gemeint ist der Schulranzen. Wenn es danach mit dem Velo auf dem Trottoir nach Hause fährt, braucht es vielleicht erst einmal eine Übersetzung: Fahrrad und Gehweg. Was später bei den Ufzgi falsch ist, wird einfach gümmeled. Fürs Turnen brauchts Turntäppeli. Und der Bostitch braucht neue Klammern.
Auch die «Thek-Modeshow» und der «Znüni-Plan» im Kindergarten haben wohl schon so manche Mutter oder Lehrerin verwirrt.
Auch auf der Strasse wird es schweizerisch. Das Trottinett ist ein Roller, der Töff ein Motorrad. Das Fahrrad ein Velo und der Kinderwagen der Böggi.
Wer ein Gstältli trägt, hat je nach Situation ein Geschirr oder einen Gurt an, etwa beim Klettern oder Wandern.
Und wer jemanden auf dem Natel anruft, telefoniert ganz einfach mit dem Handy. Gerade «Natel» ist ein besonders typisches Schweizer Wort. Es geht auf die frühere Bezeichnung für das Schweizer Mobilfunknetz zurück und wird bis heute im Alltag verwendet.
Rüebli statt Karotten, Härdöpfel statt Kartoffeln
Auch beim «Poschten», also beim Einkaufen lauern sprachliche Stolperfallen. Schon das Wort an sich ist verwirrend, denn der Gang geht nicht zur Post. Sondern in einen Lebensmittelladen. Wer in der Schweiz Rüebli kauft, nimmt Karotten mit nach Hause. Hördöpfel sind Kartoffeln und Rande ist Rote Bete. Wer nach Nüsslisalat fragt, sucht Feldsalat. Wenn man dann übrigens Kleider oder andere Luxusgüter kauft, geht man eher «go Shoppe». Das ist zwar nicht original Schweizerisch, hört sich aber irgendwie extravaganter an und hat sich in den letzten Jahren etabliert.
Zum Dessert gibt es Guetzli
Auch beim Essen zeigt sich, wie unterschiedlich dieselbe Sprache klingen kann. Zum Frühstück gibt es ein Gipfeli, dazu vielleicht ein Weggli. Zum Kaffee stehen Guetzli auf dem Tisch. Wer am Vormittag Hunger bekommt, macht eine Znünipause, am Nachmittag gibt es das Zvieri. Für Menschen, die mit Schweizerdeutsch aufgewachsen sind, sind diese Begriffe selbstverständlich. Wer Deutsch als Fremdsprache gelernt hat, muss dagegen teilweise erst lernen, welche Mahlzeit damit gemeint ist.
Das berühmte Chuchichäschtli
Dann gibt es noch Wörter, die fast schon als Schweizer Sprachtest gelten. Allen voran: Chuchichäschtli. Gemeint ist ein Küchenschrank. Das Wort ist gleichzeitig ein kleiner Aussprachetest für Menschen, die nicht mit Schweizerdeutsch aufgewachsen sind. Wer es problemlos aussprechen kann, hat schon einiges erreicht.
Warum Schweizerdeutsch eine eigene Herausforderung ist
Wer Deutsch gelernt hat, lernt normalerweise Standarddeutsch. In der Schweiz begegnet einem im Alltag aber vor allem Schweizerdeutsch – und davon gibt es wiederum zahlreiche regionale Varianten.
Dazu kommen Wörter, die sich vom Standarddeutschen unterscheiden. Manche stammen aus älteren Sprachformen, andere haben sich in der Schweiz eigenständig entwickelt. Deshalb kann selbst jemand, der sehr gut Deutsch spricht, im Schweizer Alltag immer wieder auf Wörter stossen, die völlig neu sind.
Und manchmal entstehen daraus die schönsten Missverständnisse.
Der kleine Schweizer-Wörtertest
Thek → Schulranzen (bei der Thek-Modeshow zeigen die Kinder im Kindergarten vor dem Schuleintritt ihren neuen Thek)
Velo → Fahrrad
Trottoir → Gehweg
Trottinett → Roller
Töff → Motorrad
Natel → Handy
poschte → einkaufen (meistens Essen)
Rüebli → Karotten
Härdöpfel → Kartoffeln
Fötzel → Papierstückchen oder Schnipsel
Rande → Rote Bete
Nüsslisalat → Feldsalat
Gipfeli → Croissant
Weggli → kleines Brötchen (Weggen)
Guetzli → Keks
Znüni → Vormittagsimbiss
Zvieri → Nachmittagsimbiss
grillieren → grillen
Finken → Hausschuhe / Pantoffeln
Chuchichäschtli → Küchenschrank
pfuuse → schlafen
Campieren → Campen
Zältli → Bonbon
parkieren →
schmöcke → riechen
schmecke → schmecken
fein → lecker
Wenn beim nächsten Mal die Frage auftaucht, was für die Fötzelwoche gebraucht wird, gilt deshalb eine einfache Schweizer Regel: Erscht fröge, denn poschte. Und wer dabei gleich noch ein paar Schweizer Geheimwörter lernt, darf sich schon ein kleines bisschen heimisch fühlen. Willkomme im Chuchichäschtli
Fallen dir noch mehr solche einmaligen Schweizer Wörter ein? Schreib sie uns unbedingt in die Kommentare!