Darum gehts
- Neuer Trend «Lifemaxxing» setzt auf erfülltes Leben statt Selbstzerstörung
- Jessica Cenic (25) inspiriert mit Outdoor-Abenteuern und Hobby-Vielfalt in der Schweiz
- Psychologin: Natur, Bewegung und Balance im Alltag fördern psychisches Wohlbefinden
Männer zertrümmern sich fürs «Looksmaxxing» das Gesicht und junge Frauen verbrennen sich beim «Tanmaxxing» die Haut für einen sonnengebräunten Teint. Doch der neuste Internet-Trend heisst «Lifemaxxing» – und setzt auf ein erfülltes Leben statt Selbstzerstörung.
Wer nach dem Trend sucht, stösst auf filmtrailerwürdige Videos. Viele der Postenden sind am Wandern, Campen oder springen in einen Bergsee – Hauptsache draussen.
Selbstoptimierung auf dem Maximum und die Rolle der Natur
Eine, die den Trend verkörpert, ist Jessica Cenic (25). Auf ihrem Instagram-Kanal «fraumitbizeps» zeigt sie, wie vielfältig das Leben sein kann und wie die Schweizer Bergwelt aussieht.
«Es geht nicht darum, alles zu machen. Ich möchte aus dem, was ich gerne mache, das Maximum herausziehen», erklärt sie im Gespräch mit Blick.
Junge Menschen und die Hobby-Vielfalt
Rennvelofahren, Bodybuilding und Wandern: Der Tatendrang der 25-Jährigen ist ansteckend. Erst kürzlich hat sie sich für einen Hyrox, eine Art Ausdauer- und Kraftwettkampf, angemeldet.
Für sie ist «Lifemaxxing», «so viele unterschiedliche Erfahrungen wie nur möglich zu machen und in diesem Rahmen herauszufinden, was mir gefällt».
Dass junge Personen wie Cenic den Drang nach mehr verspüren, hat Gründe: «Junge Menschen sind mit einer hohen Dichte an Krisen konfrontiert. Gleichzeitig erleben sie über soziale Medien permanent, welche Möglichkeiten das Leben vermeintlich bereithält», erklärt Individualpsychologin Lisa Werthmüller (57).
Ist der Trend ein kurzfristiger?
Beim Trend wird nicht ein perfektes Leben angestrebt. «Ich möchte auf dem Sterbebett nicht denken, etwas verpasst zu haben», erklärt Cenic.
Die Individualpsychologin ergänzt: «Es geht häufig gar nicht darum, nichts mehr leisten oder keine Verantwortung übernehmen zu wollen. Vielmehr höre ich den Wunsch, dass neben all den Anforderungen auch noch ein eigenes Leben stattfinden darf.»
Handelt es sich um einen weiteren Social-Media-Trend oder um etwas Langfristiges? «Das menschliche Bedürfnis dahinter ist überhaupt nicht neu», sagt Werthmüller.
Cenic sieht das ähnlich: «Der Grundsatz, dass Menschen gerne draussen sind, war schon immer da. In unserer Gen-Z-Zeit sagt man dem Lifemaxxing.»
Die Gen Z und die Reizflut
Doch warum spielt die Natur eine grosse Rolle? «In den Bergen kann ich abschalten und die Ruhe geniessen», erklärt Cenic. Vor allem als Gen-Zlerin sei dies ihre Möglichkeit, um Reizen wie Werbung und Autos aus dem Weg zu gehen. Deshalb schnürt sie des Öfteren ihre Wanderschuhe.
Besonders die perfekt inszenierten Videos von Ausflügen in den Bergen dominieren den Trend. «Ich würde das nicht vorschnell als Social-Media-Inszenierung abwerten. Natur, Bewegung und Abenteuer enthalten tatsächlich Qualitäten, die psychologisch wertvoll sein können», erklärt die Psychologin.
Das Leben im Abenteuer-Dauerzustand
Wenn Abenteuer zum Dauerzustand werden, was bleibt dann noch für den Alltag? «Es ist ein schmaler Grat zwischen dem Gedanken, ich muss etwas erleben und ich will etwas erleben», sagt Cenic.
Für sie gilt die Reihenfolge: zuerst das Erlebnis, dann Social Media. «Mein erster Gedanke ist nicht, dass ich etwas plane, um Content zu generieren.»
«Ein erfülltes Leben muss kein spektakuläres sein»
Auch wenn Cenic das Maximale aus ihrem Leben holt, verbringt sie gerne Sonntage auf dem Sofa und widmet sich einer Anime-Staffel. «Online sieht man die Momente, die es wert sind, gefilmt zu werden. Ich filme aber nicht, wie ich Mails beantworte oder putze.»
Werthmüller ergänzt: «Ein erfülltes Leben muss kein spektakuläres Leben sein. Ein Berggipfel kann ein intensiver Moment von Lebendigkeit sein. Ein tiefes Gespräch am Küchentisch ebenso.» Denn wer wirklich das Maximum aus dem Leben holen will, muss womöglich auch aushalten können, wenn einmal gar nichts passiert.