Darum gehts
- Diego Santoro teilt Naturvideo auf Instagram, erntet Kritik und sperrt Kommentare
- Post erreicht 600'000 Personen, Standort bleibt aus Naturschutzgründen geheim
- 300 Nachrichten, GPS-Koordinaten veröffentlicht, Experten warnen vor Umweltbelastung
Türkisblaues Wasser, steile Felswände: Das Video von Diego Santoro (28) wirkt wie ein Tourismus-Werbespot. Auf seinem Instagram-Profil diegoo.santoroo teilt er seinen Fund mit rund 2000 Followern. Der Niederurner springt vor einer Traumkulisse in ein Naturbecken und teilt das Video auf Instagram.
Doch statt Begeisterung erntet er wütende Kritik – und muss am Ende sogar die Kommentare sperren.
«Ich bin erschrocken»
Grund für den Aufstand: Der 28-Jährige hatte einen Geheimtipp auf Instagram geteilt. «Die meisten Menschen reagierten positiv, einige haben sich geärgert», sagt Santoro zu Blick. Laut dem Niederurner handelt es sich um einen Ort, den oft nur lokale Bewohnerinnen und Bewohner kennen.
«Viele Menschen fragten mich, wo dieser Ort ist. Ich habe bewusst niemandem den Standort verraten, damit die Natur erhalten bleibt.» Der Beitrag ging über Nacht viral und wurde von über 600'000 Personen gesehen. «Ich bin erschrocken, wie viele Personen der Post erreicht hat. Ich überlegte kurz, ihn zu löschen, entschied mich aber dagegen, weil ich nichts Verbotenes gemacht habe.» Die rund 300 Menschen, die ihn daraufhin auf Instagram kontaktierten, erhielten zwar eine Antwort – den Standort verriet Santoro aber niemandem.
«Es fühlt sich wie ein Verlust an»
Doch weshalb verbirgt der junge Naturfan die Kommentare? Der Grund: Jemand lüftete den geheimen Standort des Ortes und teilte die Koordinaten des Ortes in den Kommentaren. «Ich habe die Person konfrontiert», so Santoro. Auf Verständnis sei er beim Betroffenen jedoch nicht gestossen.
Das Teilen von Natursehenswürdigkeiten spaltet die Gemüter. «Wer einen Ort kennt und liebt, entwickelt ein Gefühl der Zugehörigkeit. Wird er plötzlich öffentlich gemacht, fühlt sich das wie ein Verlust an: Der stille Bergsee oder das versteckte Tal gehört ab sofort allen», sagt Christian Baumgartner (59), Professor für nachhaltigen Tourismus an der Fachhochschule Graubünden, zu Blick.
Zwischen Inspiration und Geheimnis
Wenn der Niederurner einen Ort postet, dann mit einem spezifischen Hintergedanken: «Meine Intention dahinter ist, Menschen in die Natur zu bringen.» Die Inspiration findet er direkt vor der Haustür: «Alle meine Spots habe ich ohne Auto erreicht. Ich möchte zeigen, dass man nicht weit reisen muss, um Schönes zu entdecken.»
Zwischen Neugier und Naturschutz bewegt er sich auf einem schmalen Grat: «Ich möchte diese Orte schützen. Wenn Interessierte den Spot trotzdem finden, habe ich damit kein Problem. Die Welt steht allen offen, und jeder hat das Recht, sie zu erkunden.»
Ein Foto für unterwegs und viel Abfall
Dass der Ort lediglich als Kulisse für ein schnelles Instagram-Foto dient, missfällt dem Niederurner. «Wir tragen grosse Verantwortung. Es ist riskant, wenn Menschen nur für ein Bild hierherkommen und ihren Abfall liegen lassen.»
Auch der Tourismusexperte Baumgartner hebt den Naturschutz hervor: «Outdoor-Influencer handeln oft aus persönlicher Begeisterung heraus – ohne Wissen über Schutzgebiete, ökologische Empfindlichkeiten oder die Tragfähigkeit eines Ortes.» «Wer Hunderttausende Follower hat, ist kein Privatmensch mehr, der einen Fund mit Freunden teilt – er ist ein Medienakteur mit entsprechender Wirkung und Verantwortung.»
Er gibt nur einen Tipp
Es macht einen Unterschied, wer einen Ausflugstipp in der Natur anpreist. «Tourismusorganisationen arbeiten mit Fachleuten, kennen die rechtlichen Rahmenbedingungen und berücksichtigen Schutzzonen sowie Kapazitätsgrenzen. Sie betreiben Imagewerbung, veröffentlichen aber keine GPS-Koordinaten ökologisch sensibler Orte.» Influencer dagegen würden primär der Logik von Likes und Reichweite folgen. Eine Verantwortung für die Konsequenzen ihrer Inhalte ist gemäss Experten weder vorgeschrieben noch mehrheitlich gelebte Praxis.
Nach diesem Prinzip handelt auch Santoro. Er zeigt besondere Orte, hält deren genaue Lage jedoch geheim. Wo das virale Naturbecken liegt? Das will Santoro nicht einmal Blick verraten. Sein einziger Tipp: Das Paradies versteckt sich irgendwo im Glarnerland.