Darum gehts
- Ein Drittel der Bergwandernden leidet an Höhenangst, besonders Frauen betroffen
- Nur 18 Prozent der Befragten halten Schwindelfreiheit für entscheidend beim Wandern
- 32 Prozent der Frauen und 23 Prozent der Männer haben Höhenangst
Frische Bergluft, ein endloses Panorama und der Blick hinunter ins Tal: Für viele Bergbegeisterte gibt es kaum ein schöneres Gefühl. Für Jona Gisi (30) gehören Gipfel und Höhenmeter als Wander-Influencer und Wanderleiter sogar zum Alltag.
Unter dem Namen «tschouna_» posiert er auf schmalen Graten, steht auf ausgesetzten Gipfeln und lächelt in die Kamera. Seine rund 206'000 Follower sehen einen Wanderbegeisterten, der sich in der Höhe zu Hause fühlt. Was man auf den Bildern nicht sieht: Ausgerechnet er hat Höhenangst.
Selbst der Wanderleiter zittert in der Höhe
Damit ist Gisi nicht alleine. Knapp ein Drittel der Bergwanderinnen und Bergwanderer leiden laut einer Studie der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) unter Höhenangst. «Ich würde meine Angst vor Höhe nicht als klassische, extrem ausgeprägte Höhenangst beschreiben, aber sie ist definitiv stärker als bei vielen anderen», erklärt er. Die grösste Herausforderung sind für den Wander-Influencer exponierte Stellen, an denen man die Tiefe direkt spürt: «Teilweise bin ich regelrecht erstarrt oder habe angefangen zu zittern.»
Die Angst kam beim Wanderleiter nicht plötzlich. «Gemerkt habe ich das schon als Kind. Ich hatte grosse Mühe damit, auf den Schultern meines Vaters zu sitzen oder später in der Badi vom Sprungbrett zu springen», sagt er. Selbst kleine Leitern wurden für ihn im Kindesalter zur Hürde.
Nicht immer läuft alles nach Plan
Die Ausflüge des Luzerners verlaufen deshalb nicht immer nur gut. «Wirklich brenzlige Situationen hatte ich zum Glück noch nie – unangenehme dafür schon einige», sagt er. Trotz seines Respekts vor der Höhe lässt er sich nicht davon abhalten, seiner Leidenschaft nachzugehen. Um ihr weiterhin folgen zu können, stellt er sich seiner Angst ganz bewusst. Der Preis: «Während andere vielleicht einfach eine schöne Tour geniessen, kostet mich das teilweise enorm viel Konzentration, Energie und Willenskraft. Nach solchen Tagen bin ich manchmal richtig erschöpft.»
Sich der Angst zu stellen, lohne sich aber: «Dinge wie Klettersteige wären für mich früher komplett undenkbar gewesen. Heute bin ich dazu in der Lage.»
Das ist die tatsächliche Gefahr beim Bergwandern
Gisi spricht eine Gefahr an, die viele Bergsteigende offenbar unterschätzen: Obwohl Schwindelfreiheit laut BFU zu den wichtigsten Voraussetzungen für sicheres Bergwandern gehört, messen ihr nur 18 Prozent der Befragten grosse Bedeutung bei. Fitness (56 Prozent) und Trittsicherheit (32 Prozent) werden deutlich häufiger als entscheidend genannt. Dabei gibt rund ein Drittel der Befragten an, Angst vor der Höhe zu haben.
Weshalb viele unter Höhenangst leiden, sie aber nicht als Gefahr sehen, erklärt sich Gisi so: «Ich glaube, viele Menschen unterschätzen Höhenangst oder fehlende Schwindelfreiheit, weil generell viele dazu neigen, Gefahren zu unterschätzen und sich selbst eher zu überschätzen.»
Dazu kommt: «Gerade auf Social Media wirken Bergtouren oft viel einfacher und harmloser, als sie tatsächlich sind. Videos vermitteln die Exponiertheit, die Tiefe oder auch den mentalen Druck fast nie realistisch.»
Besonders Frauen leiden unter Höhenangst
Schwindel und Höhenangst können alle treffen. Auch der Wanderleiter bestätigt: «Ich glaube, niemand ist komplett frei davon – die Frage ist eher, wie stark einen bestimmte Situationen beeinflussen.»
Laut BFU-Studie leiden Frauen mit 32 Prozent deutlich häufiger unter Höhenangst als Männer (23 Prozent). Und: Mit dem Alter steigt die Angst.
Das Geheimrezept des Bergexperten
Gisi hat über die Jahre viel Bergerfahrung gesammelt und einige Tipps parat. Er rät dazu, die eigene Komfortzone schrittweise zu verlassen: «Mit jeder positiven Erfahrung verschiebt sich diese Grenze meistens ein wenig weiter.» Der Angst, nicht zu viel Raum zu geben, mit erfahrenen Personen unterwegs zu sein und eine gute Tourenplanung gehören zu seinem Erfolgsrezept.
Obwohl er für sich passende Methoden gefunden hat, blickt er der Realität ins Auge: «Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass ich das jemals komplett überwinden werde – und das ist auch völlig okay so.»