Pflege am Limit
Lektionen aus der Notaufnahme

Meine Rückkehr nach San Francisco verlief nicht ganz so, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Aber sie war lehrreich.
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Als Milena Moser mit ihrem Partner stundenlang in der Notaufnahme wartete, wurde ihr einmal mehr klar: Die Hand, die jemanden hält, ist oft das Einzige, das man geben kann – und das Wichtigste.
Foto: Getty Images

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Der Partner der Autorin Milena Moser musste nach einem Unfall in die Notaufnahme
  • Die Krankenkassenprämien sind 2026 um ein Vielfaches gestiegen
  • Das Pflegepersonal ist überlastet und unterbezahlt – trotz steigender Gesundheitskosten
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Milena MoserSchriftstellerin

«Du kennst einfach die besten Orte für ein Date», sage ich zu Victor, und er lacht kurz auf, bevor sich sein Gesicht wieder zu einer Grimasse verzerrt. Wir sitzen einmal mehr in der Notaufnahme in der Uniklinik, die wir das Parnassus Inn nennen, weil es einfach so viel besser klingt.

Ich gebe ehrlich zu, ich habe mir meine Rückkehr nach den langen Wochen des Getrenntseins etwas romantischer vorgestellt. «Ich weiss», sagt Victor. «Normalerweise warte ich ja die Feiertage ab, bevor ich dich ins Parnassus Inn entführe.»

Humor ist eine Überlebensmassnahme.

Keine Angst, er lebt

Doch bevor ich weitererzähle: Victor ist bereits wieder zu Hause und auf dem Weg der Besserung. Es war auch nichts Lebensbedrohliches diesmal, nur ein dummer Haushaltsunfall, durch die vielen Medikamente und seine bereits vorhandenen «Baustellen» etwas kompliziert.

Der Warteraum ist überfüllt an diesem späten Vormittag mitten unter der Woche. Im Vergleich zu unserem letzten Besuch fallen mir mehr gut gekleidete Menschen auf, denen man nicht unbedingt anmerkt, was sie herbringt, das heisst, sie bluten nicht sichtbar, sie telefonieren, bearbeiten ihre Laptops, lesen. In diesem Jahr sind die Krankenkassenprämien hier «dank» einer Gesetzesänderung um das Doppelte bis Dreifache angestiegen, was dazu führte, dass viele Angehörige der Mittelschicht ihre Versicherung aufgeben mussten, wenn diese nicht durch den Arbeitgeber gedeckt wurde. Auch ich war Anfang Jahr vorübergehend unversichert, bis ich dank gut informierten Freundinnen eine halbwegs erträgliche Lösung finden konnte. Doch es war unheimlich, verunsichernd. Und die Vorstellung, dass mir nur die Notaufnahme als einzige Möglichkeit der medizinischen Versorgung bleiben würde, mehr als beängstigend.

Werden Politiker eigentlich nie krank?

Wo immer diese horrenden Geldbeträge hinfliessen – das Pflegepersonal hat jedenfalls nichts davon. Das merken wir bei jedem Besuch im Parnassus Inn verschärfter. Die Menschen, die uns in unserer grössten Not beistehen, sind ausnahmslos überarbeitet, unterbezahlt, werden zunehmend weggespart. Und manchmal, wenn es zu kurzen, persönlichen Gesprächen kommt, spüre ich ihre wachsende Verzweiflung ganz deutlich. Denn ausnahmslos alle, denen wir über die Jahre begegneten, haben die besten Absichten. Wollen ihre Arbeit richtig machen, wollen sie gut machen. Aber sie können nicht, dürfen nicht. Und darunter leiden sie ebenso wie wir.

Ich frage nur.

Wir warten und wir warten und wir warten. Irgendwann kommt ein Sicherheitsbeamter herein und baut sich vor einer Familie auf, die in einer Ecke zusammensteht, zum Teil sitzen sie auf dem Fussboden, sie essen mitgebrachte Tamales und sprechen Spanisch.

«Ihr seht ja, dass wir heute Hochbetrieb haben», sagt er laut. «Es gilt hier die Eins-zu-eins-Regel, also eine Begleitperson pro Patient. Alle anderen müssen raus.»

Er tut, als richte er sich an uns alle, aber es ist klar, wen er meint. Die Spanisch sprechende Familie merkt das auch, packt ihre Sachen zusammen und geht raus. Ich zittere vor Zorn über diese Ungerechtigkeit, über den latenten Rassismus, der sich hier einmal mehr zeigt.

«Das sind meine Leute»

Doch Victor grinst nur: «Ja, das sind meine Leute», sagt er mit einem gewissen Stolz. «Wir lassen niemanden allein!»

Als ich vor zwölf Jahren zum ersten Mal mit Victor im Krankenhaus war, begriff ich schnell, dass ich ihn dort nicht allein lassen konnte, dass ich ihm Essen und warme Decken bringen, seine Medikamente einfordern und überprüfen musste. Ich war schockiert. Doch ich lernte schnell.

Durch die grossen Fensterscheiben können wir sehen, wie sich die Grossfamilie zwischen zwei Ambulanzen auf dem Parkplatz einrichtet. Sie lassen sich nicht vertreiben. Sie sind da.

Wir sind da.

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