Darum gehts
- Seit 2021 erlaubt die Schweiz medizinische Therapien mit Psychedelika wie Psilocybin
- Studie: Ein Drittel der Patienten zeigte deutliche Besserung, 20 Prozent waren vorübergehend depressionsfrei
- Der Preis für eine Sitzung beträgt 400 Franken, die Kosten tragen die Patienten selbst
Mit den ersten herbstlichen Regengüssen beginnt hierzulande die Pilzsaison. Zwischen Steinpilzen, Maronenröhrlingen und Eierschwämmen wächst auf Schweizer Wiesen auch ein unscheinbarer Pilz, der es in sich hat: der Spitzkegelige Kahlkopf. Er enthält Psilocybin, eine psychoaktive Substanz, die das Bewusstsein tiefgreifend verändern kann. Umgangssprachlich werden solche Pilze als «Magic Mushrooms» bezeichnet.
Besonders im Jura suchen immer wieder Menschen nach dem Pilz, um seine bewusstseinsverändernde Wirkung auf eigene Faust zu erfahren. Fachleute warnen jedoch vor einem solchen Konsum. Psilocybin kann bei Menschen mit einer bisher unentdeckten psychischen Erkrankung psychische Krisen auslösen oder bestehende Symptome verstärken. Hinzu kommt die Gefahr, beim Sammeln essbare und giftige Pilze zu verwechseln. Psilocybinhaltige Pilze fallen in der Schweiz unter das Betäubungsmittelrecht; Besitz und Konsum können entsprechend rechtliche Folgen haben.
Doch was für die einen eine illegale Rauscherfahrung ist, wird für die anderen zum Gegenstand medizinischer Forschung. Psilocybin ist längst in der Medizin angekommen. An der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK) wird Psilocybin beispielsweise inzwischen gezielt als Bestandteil einer Therapie eingesetzt.
Sechs Patientinnen und Patienten liegen auf Matratzen in einem Raum. In Decken eingekuschelt, tragen sie Augenmasken und hören Musik. Sechs bis sieben Stunden lang tut sich wenig. Therapeuten sind ebenfalls im Raum, es gibt vereinzelt kurze Gespräche. Die Patientinnen und Patienten erleben durch den medizinischen Gebrauch von psychoaktiven Substanzen ihr eigenes Bewusstsein auf neue Weise.
So sieht ein sogenannter Substanztag an der PUK aus. Johannes Jungwirth (36) ist hier Oberarzt am Zentrum für Depression, Angst und Psychotherapie. Er wendet die innovative Therapiemethode mit «Magic Mushrooms» bei ausgewählten Patientinnen und Patienten an.
Psilocybin ist der halluzinogene Wirkstoff in sogenannten «Magic Mushrooms», zu deutsch, Zauberpilzen. Er sorgt unter anderem dafür, dass Hirnareale miteinander kommunizieren, die sonst getrennt arbeiten. Die Folge: Die Wahrnehmung verschmilzt. So können Geräusche plötzlich als Muster sichtbar werden oder Gerüche als Farben erscheinen. Das sogenannte Default Mode Network (DMN) ist die Schaltzentrale für unser Ego, das Zeitgefühl und Grübeleien über die Vergangenheit oder Zukunft. Psilocybin dämpft dieses Netzwerk stark ab.
Psilocybin ist der halluzinogene Wirkstoff in sogenannten «Magic Mushrooms», zu deutsch, Zauberpilzen. Er sorgt unter anderem dafür, dass Hirnareale miteinander kommunizieren, die sonst getrennt arbeiten. Die Folge: Die Wahrnehmung verschmilzt. So können Geräusche plötzlich als Muster sichtbar werden oder Gerüche als Farben erscheinen. Das sogenannte Default Mode Network (DMN) ist die Schaltzentrale für unser Ego, das Zeitgefühl und Grübeleien über die Vergangenheit oder Zukunft. Psilocybin dämpft dieses Netzwerk stark ab.
Gespräch statt Notfallpille
«Die Therapie mit Psilocybin ist typischerweise in drei Phasen unterteilt: Vorbereitung, Substanztag und Nachbereitung», erklärt Jungwirth. Nach der Substanzerfahrung kommt die Gruppe zusammen. In den Tagen danach folgen Einzel- und Gruppengespräche, um das Erlebte in den Alltag zu integrieren.
Doch für die begleitete Therapie gibt es strikte Ausschlusskriterien: Personen mit Schizophrenie oder Psychose in der Vergangenheit oder Personen, bei denen Schizophrenie bei erstgradigen Verwandten (Eltern, Geschwister, Kinder) vorkommt, dürfen an der Behandlung nicht teilnehmen.
Körperlich gilt Psilocybin als eine sichere Substanz. Die Risiken sind psychologischer Natur. Jungwirth sagt: «Es kommt vor, wenn auch selten, dass Patienten nach der Einnahme vorübergehend destabilisiert sind und über mehrere Wochen hinweg eine gesteigerte innere Unruhe, Nervosität oder Ängstlichkeit verspüren.» Aus diesem Grund rät er strikt von einem privaten Konsum ausserhalb eines kontrollierten, therapeutisch eingebetteten Rahmens ab.
Was, wenn eine Person einen «Bad Trip» bekommt? Beruhigungsmedikamente liegen für den absoluten Notfall bereit. «Wir mussten sie aber noch nie einsetzen», sagt Jungwirth. Ein gutes Setting und sanftes Zureden («Talkdown») oder eine gemeinsame Atemübung reichen üblicherweise aus, um schwierige Momente abzufangen.
Neuschnee fürs Gehirn
Die Dosis ist hoch, die Erfahrung intensiv. Aber was passiert dabei im Kopf? Psychedelika helfen dabei, die Neuroplastizität, also die Veränderungsfähigkeit des Gehirns, zu erhöhen. Jungwirth nutzt das Bild von frischem Neuschnee: «Bei einer Depression fährt das Denken immer wieder durch dieselben, oft negativen Spuren. Das Psilocybin kann metaphorisch eine frische Schneedecke darüberlegen. Die starren Denkmuster können überdacht werden, das Gehirn wird wieder veränderungsfähiger.»
Und weiter: «In Studien ist gut bewiesen, dass die Neuroplastizität und damit möglicherweise die Anpassungsfähigkeit bei Menschen mit Depression im Vergleich zu gesunden Menschen reduziert ist», sagt Jungwirth. Die Entstehung einer Depression ist somit wesentlich komplexer als der früher oft vermutete reine Serotoninmangel.
In einer kürzlich publizierten Studie der Klinik sprach etwa ein Drittel der 19 Behandelten gut auf die Therapie an, und rund 20 Prozent waren direkt danach temporär komplett depressionsfrei. «Da es sich bei den Teilnehmenden meist um schwer chronifizierte Fälle handelt, die im Schnitt bereits fünf erfolglose Antidepressivatherapien hinter sich haben, ist diese Erfolgsquote als sehr gut zu bewerten.»
Es zeigt sich ausserdem, dass die erste Behandlung die stärkste antidepressive Wirkung erzielte, während die darauffolgenden Sitzungen bei der Stichprobe eher keinen zusätzlichen Effekt mehr hatten.
Trotz der hohen Erfolgsquote wird die Therapie mit psychoaktiven Substanzen vorerst die Ausnahme bleiben. Der Aufwand sei schlicht zu hoch, sagt Jungwirth. Das synthetisch hergestellte Psilocybin kostet pro Sitzung rund 400 Franken, die die Patienten selbst zahlen müssen.
Vom Velo-Trip zur Therapie
Psychotherapie mithilfe psychoaktiver Substanzen durchzuführen, war jahrzehntelang undenkbar. Möglich wurde die Behandlung an der PUK erst durch Gesetzeslockerungen im medizinischen Umgang mit Psilocybin, die das BAG 2021 durchbrachte. Seither darf die Substanz unter strengen regulatorischen Auflagen medizinisch verabreicht werden. Voraussetzung für eine Bewilligung ist der Nachweis einer Therapieresistenz.
Dass Psilocybin heute überhaupt wieder eingesetzt werden darf, wird teilweise als «Renaissance» bezeichnet. Die Substanz galt lange Zeit nicht als Medikament, sondern als Droge.
Die Geschichte der modernen Psychedelika begann am 19. April 1943 in Basel. Der Schweizer Chemiker Albert Hofmann schwang sich nach einem Selbstversuch auf sein Velo und wurde auf dem Heimweg zum ersten Menschen, der die bewusstseinsverändernde Wirkung von LSD erlebte. Hofmann war überzeugt, dass Psychedelika, richtig eingesetzt, der Medizin und der Menschheit dienen könnten. Zeit seines Lebens setzte er sich für ihre Erforschung ein.
Doch stattdessen gerieten die Substanzen in Verruf. Zunächst wurden sie zum Symbol der Flower-Power-Bewegung, später missbrauchte die CIA sie für Foltern oder Hypnoseversuche. 1971 erklärte US-Präsident Richard Nixon den «War on Drugs». LSD, Psilocybin und MDMA wurden weltweit verboten, die Forschung kam über Jahrzehnte nahezu zum Erliegen. Ausgerechnet der Missbrauch zerstörte jene wissenschaftliche Zukunft, die Hofmann sich für die Psychedelika erhofft hatte.
Dass heute wieder Patienten mit Psilocybin behandelt werden dürfen, ist eine Rückkehr zu den Wurzeln der Schweizer Forschung. Die Schweiz, einst Geburtsort der modernen Psychedelikaforschung, gehört heute erneut zu den Ländern, die deren medizinisches Potenzial ausloten – ganz im Sinne Albert Hofmanns.