Darum gehts
Irgendwann zieht Anja Schmid ein Fazit: «Wir als Eltern müssen funktionieren, dürfen nicht ausfallen. Und müssen alles einfach ertragen.»
Sie bricht ab, hält kurz inne, wischt sich eine Strähne ihrer dunklen Haare aus dem Gesicht. Die zwei Sätze fallen gegen Ende eines langen Gesprächs mit dem Beobachter. Es ist der einzige Moment, in dem sie emotional wird, ihre Erschöpfung sichtbar wird. Zuvor erzählte die 48-Jährige aus der Zürcher Agglomeration nüchtern, schnell, präzis. Doch stets ist förmlich greifbar: «Diese Geschichte», so nennt sie es, vereinnahmt Schmid gänzlich.
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
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Schwere psychische Erkrankung
«Diese Geschichte», sie handelt von ihrem Sohn. Max, heute 16 Jahre alt, hat eine schwere psychische Erkrankung. Angefangen hat es vor zwei Jahren, im letzten Jahr der Sekundarschule. Max, zuvor ein fröhlicher Bub, zieht sich plötzlich zurück, verschwindet nächtelang, stürzt ab und besucht kaum noch den Unterricht.
Von der Schule hätten sich Anja Schmid und ihr Mann Jan – sie Werberin, er Ingenieur – Unterstützung erhofft. Hinweise darauf, was Max’ Leben derart aus der Bahn geworfen hat. Oder zumindest etwas Anteilnahme an der Sorge um ihr jüngstes von vier Kindern. «Doch die Schulpsychologin meinte nur, das sei doch ganz normales pubertäres Verhalten.»
Damals erleben die Schmids erstmals das Muster, dem sie fortan immer wieder begegnen sollten: auf sich allein gestellt zu sein.
Er hört Stimmen
Die saloppe Einschätzung der Schulpsychologin erweist sich in dramatischer Weise als Fehleinschätzung. Denn wenig später versucht Max, sich das Leben zu nehmen. Seine Mutter findet ihn gerade noch rechtzeitig. Er wimmert und zittert. Sein Körper ist nass vor Schweiss. Stimmen hätten ihm gesagt, er solle sich umbringen.
Max wird auf dem Notfall für Kinder und Jugendliche der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK) untersucht. «Das eigene Kind so verletzt und so verwundbar zu sehen, war unglaublich schmerzhaft», erzählt Schmid. Die Fachleute halten fest: Max, damals gerade mal 14 Jahre alt, durchlebt eine schwere psychotische Phase, kann Wahn und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden. Der Teenager wird in die geschlossene Jugendpsychiatrie-Station der PUK eingewiesen.
«Mein Kind ist in der Psychi. Diese Erkenntnis hat mich zerrissen», erinnert sich Anja Schmid. Gleichzeitig wusste sie, dass es das Beste ist. Max’ Hirn hatte durch die psychotischen Schübe gelitten. Er brauchte Hilfe.
Spätestens seit diesen Tagen im September 2024 ist Schmid in einem Modus, den sie so beschreibt: «Nichts ist mehr so, wie es einmal war. Alle Gedanken, alles Tun kreisen ständig um das kranke Kind. Die Geschwister kommen zu kurz, der Partner, ich selbst, Freundinnen und Freunde, die Arbeit. Die Erkrankung nimmt den ganzen Raum ein, es gibt keinen Ausweg.»
Max’ Verhalten stellt auch das Familienleben auf eine harte Probe. Es kommt häufig zu Streit. Die Geschwister haben Mühe mit seinem destruktiven Verhalten. Erst die Diagnose habe etwas Ruhe gebracht, erzählt die Mutter. Weil den Kindern klar geworden sei: Unser Bruder ist so, weil er krank ist. Und er braucht uns jetzt.
Vorwürfe aus der Klinik
Aus der Klinik heraus bombardiert Max seine Mutter mit vorwurfsvollen Nachrichten; es sei wie im Gefängnis, und sie sei schuld, dass er hier sein müsse. Fragt man sie, wie «diese Geschichte» das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn verändert habe, sagt die rationale Anja Schmid: «Wenn wir aneinandergeraten, mache ich einen Schritt zurück und sage mir: Sein verletzendes Verhalten liegt an seiner Krankheit.»
Die emotionale Anja Schmid sagt: «Er tut mir immer wieder weh. Und ja, manchmal bin ich auch wütend auf ihn.» Im Austausch mit engen Freundinnen kann sie den persönlichen Zwiespalt auffangen, auch Gespräche mit anderen betroffenen Angehörigen helfen. «So banal es klingt: Es tut nur schon gut, zu merken, dass es anderen ähnlich geht.»
Max verbringt zwei Monate in der geschlossenen Abteilung der PUK. Die Anschlusslösung ist ein Wechsel in eine teilstationäre Tagesklinik. Zu wissen, dass ihr Sohn eng betreut wird, ist für Anja Schmid einerseits beruhigend. Andererseits empfindet sie diese Zeit rückblickend als «extrem intensiv».
In einem Ringheft hat sie die Termine und Vorgänge in jener Phase festgehalten – sie blättert durch unzählige Seiten. Dutzende Gespräche wurden geführt, zahlreiche Fragebögen zu möglichen Krankheitsbildern wie Autismus oder ADHS ausgefüllt sowie medizinische Tests durchgeführt. «Als Laie ist man komplett überfordert», so Schmid. Der Fachmann zur Linken sage dies, die Expertin rechts jenes, «und wir als Eltern sitzen dazwischen und wissen nur: Von uns wird erwartet, dass wir alles unterstützen».
Misstrauen gegen das eigene Bauchgefühl
Bis heute hat Anja Schmid immer mal wieder Zweifel, ob wirklich alles richtig läuft. Die ganzen Therapien, die vielen Medikamente. «Alle sagen dir, was du tun sollst. Aber als Mutter kenne ich mein Kind und spüre, dass vielleicht etwas anderes besser für ihn wäre.» Doch unterdessen misstraue sie auch ihrem eigenen Bauchgefühl.
Bei einem der vielen Gespräche kommt der Vorschlag, Max bei der Invalidenversicherung anzumelden. Schmid fühlt sich überrumpelt. Heute weiss sie, dass die IV auch für Unterstützungsleistungen zur Arbeitsintegration zuständig ist. Aber damals meldet sich bei ihr ein Abwehrreflex: «IV – das hiess für mich: Rente, zweiter Arbeitsmarkt.» Aber «weil man als Eltern in dieser Situation ja fast nicht Nein sagen kann», kommt mit der IV ein neuer Player ins Spiel.
Eltern als Case Manager?
Bei Max’ Klinikaustritt wird für die Schmids besonders augenfällig, wie schlecht vieles aufeinander abgestimmt ist. Aus dem voll versorgten Kliniksetting in die ambulante Versorgung zu wechseln, ist eine Überforderung. Wieder liegt es an den Eltern, sich an allen Fronten zu kümmern, die verschiedenen Akteure miteinander zu vernetzen und mit Informationen zu versorgen. Hier die medizinischen Aufgaben, dort der IV-Jobcoach, dazu die verschiedenen Therapien. Gesund ist Max noch lange nicht. Soziale Ängste und eine Depression als Folge der Psychose belasten ihn.
Dass Angehörige von psychisch Erkrankten in eine Rolle als Case Manager gedrängt werden, ist für Christian Pfister von der Betroffenenorganisation «Stand by You» typisch: «Es gibt niemanden, der die Verantwortung fürs Ganze trägt. Deshalb bleibt es an den Angehörigen hängen, die Bruchstellen im System zu überwinden.» Pfister findet es fatal, ihnen auch noch diese Belastung aufzubürden.
Sozialer Rückzug und Stigmatisierung
Das kann auf Dauer zu viel werden. Anja Schmid erzählt, dass sie sich zeitweise aus dem sozialen Leben zurückziehe. Aus Erschöpfung, aber auch, weil sie manchmal allem überdrüssig ist.
Immer wieder erlebt sie, welches Stigma dem Thema anhängt. Es trifft sie, wie unbedacht in Gesprächen jemand als «Psycho» abgetan wird. Und sie ärgert sich über plumpe Verallgemeinerungen in Medienberichten über angeblich «schizophrene Messerstecher».
Anja Schmid fragt sich: «Wie kann es sein, dass unsere aufgeklärte Gesellschaft einen derart unsensiblen Umgang mit psychischen Erkrankungen hat?» Das ist auch der Grund, weshalb ihr Name und alle anderen Namen in diesem Bericht geändert sind.
Berufseinstieg mit Praktikum
Zurzeit ist Max in einer stabilen Phase. Kürzlich konnte der Teenager in einem Elektronikgeschäft mit einem Aufbautraining beginnen, ein von der IV finanziertes Berufspraktikum. Im Sommer, das ist der Plan, will er eine Lehre als Multimedia-Elektroniker im regulären Arbeitsmarkt starten. Max will Tontechniker werden. Rappen ist sein Hobby, in den Texten verarbeitet er seine Gefühle.
Gesundheitlich ist die grösste Sorge, dass die Psychose zurückkommen könnte. Das würde Max’ Gehirn weiter schädigen. Bisher ist es gut gegangen.
Immer wieder Rückschläge
Was bringt die Zukunft für Max? In einem Jahr? In fünf, in zehn? «So weit voraus denken wir noch nicht», sagt seine Mutter. «Im Moment ist es eher so: Hoffentlich geht die nächste Woche gut.» Sie sei eine optimistische Person, meint Schmid. Aber das Auf und Ab der letzten Jahre habe ihr zugesetzt. Immer wenn sie das Gefühl habe, nun sei das Schlimmste überstanden, komme ein neuer Rückschlag. «Das tut jedes Mal mehr weh.»
Und doch, eine Konstante im Gefühlschaos zwischen Ohnmacht und Sorge gibt es: Hoffnung. «Wir geben nicht auf, daran zu glauben, dass es irgendwann wieder besser wird. Würden wir das tun, hätten wir verloren.»