Darum gehts
- In Zofingen AG bietet Sandra Fehr Brustwarzen-Silikonprothesen für Brustkrebspatientinnen und -patienten an
- Prothesen kosten 300 Franken, Krankenkassen übernehmen bislang keine Kosten
- Bisher drei Kundinnen, Prothesen halten bis vier Tage auf der Haut
Mitten in der Zofinger Altstadt im Kanton Aargau befindet sich eine unscheinbare Kosmetiklounge. Auf den ersten Blick wirkt Beauty-Dream wie eine Beautyklinik unter vielen. Doch wer genauer hinsieht, erkennt, dass hinter diesen Türen weit mehr als nur Haarentfernung und Nagelpflege angeboten wird.
Jedes Jahr werden in der Schweiz rund 12'000 Frauen wegen Brustkrebs operiert – und auch Männer sind betroffen. Im Mittelpunkt der Medizin steht, den Tumor zu entfernen. Wie die Brust danach aussieht, ist oft zweitrangig. Zwar wird versucht, sie nicht vollständig zu zerstören, doch häufig muss die Brustwarze entfernt werden. «Der Krebs ist dann weg. Aber wenn die Betroffenen in den Spiegel schauen, erinnert sie ihr eigener Körper jeden Tag an die Krankheit. Viele fühlen sich nicht mehr wie eine richtige Frau oder ein richtiger Mann», sagt Sandra Fehr (53). Genau das will sie in ihrer Zofinger Beautylounge ändern.
Als Erste in der Schweiz bietet die gelernte Kauffrau seit rund einem Jahr Silikonprothesen von Brustwarzen an. Diese werden mit einem Abdruck in Silikon gegossen und nach dem Vorbild des, falls noch vorhandenen, zweiten Nippels oder der Haut eingefärbt. Danach wird die Prothese mit einem speziellen Hautkleber fixiert und bleibt – anders als das dauerhafte Permanent-Make-up – jeweils nur einige Tage haften. Danach lässt sie sich beliebig oft wieder anbringen. «Wer nicht zu stark schwitzt, kann die Prothese bis vier Tage tragen, selbst leichter Sport ist möglich», so Fehr.
Krebskranke Schwiegermutter inspirierte sie
Eigentlich führt die gelernte Kauffrau ein Beautystudio, in dem sie typische kosmetische Behandlungen wie Maniküre und permanente Haarentfernung anbietet. 2012 erkrankte ihre Schwiegermutter an Brustkrebs. Ihre beiden Brustwarzen mussten bei dem Eingriff entfernt werden. Fehr wollte ihr helfen und lernte das Areola-Permanent-Make-up. Dieses ähnelt dem Tätowieren, um die Brustwarzen optisch nachzubilden.
«Aber ich war nicht zufrieden mit den Resultaten», sagt sie. Denn: Bei einer Chemotherapie ist die Haut starker Strahlung ausgesetzt. An der Brust kann sie so dünn und empfindlich sein, dass ein Areola-Permanent-Make-up gar nicht mehr möglich ist. «Weil mit Nadeln gearbeitet wird, wird die Haut stark geschädigt, sie kann aufreissen und bluten», so Fehr. Das verursache nicht nur starke Schmerzen, es führe auch dazu, dass die Farbe schlecht oder gar nicht halte.
Dazu kommt, dass ein Areola-Permanent-Make-up mit 600 bis 900 Franken pro Brust teuer ist und die Brustwarzen dabei nur zweidimensional dargestellt werden können. «Ich bin Perfektionistin, deshalb wollte ich eine Alternative finden und mich gezielt weiterbilden», erklärt Fehr. Sie entdeckte eine Dermapigmentologin aus Italien, die in der Schweiz einen Kurs für Brustwarzenrekonstruktion anbot, und absolvierte dort diverse Schulungen.
Langjährige Erfahrungen oder Vergleiche fehlen noch
Diese neue Methode zu etablieren, sei jedoch nicht ganz einfach: «Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht», bemerkt Fehr bei ihren Kundinnen und Kunden. Viele Betroffene seien zuerst skeptisch gegenüber den Brustwarzen-Prothesen. Sie fragen sich: «Hält das überhaupt?» und «Was, wenn ich damit nicht klarkomme?».
Ganz unbegründet ist diese Unsicherheit nicht. Die Brustwarzen-Prothese gibt es in dieser Form erst seit rund einem Jahr. Bislang hat Fehr drei Kundinnen mit der neuen Methode behandelt. Langjährige Erfahrungen oder Vergleiche fehlen also noch. Für die Kosmetikerin macht genau das ihre Arbeit schwieriger.
Und auch bei der Werbung stösst Fehr auf Schwierigkeiten: Will sie Bilder ihrer Arbeit auf Google oder Instagram zeigen, werden diese als sexuelle oder anstössige Inhalte eingestuft. Auf Instagram hat sie deswegen sogar schon Verwarnungen bekommen. «Dabei geht es bei meiner Arbeit ganz klar nicht um etwas Sexuelles. Ich möchte Betroffenen zeigen, welche Möglichkeiten sie nach einer Brustoperation haben», so Fehr.
Pink Ribbon steht weltweit für Bewusstsein, Aufklärung und Solidarität im Kampf gegen Brustkrebs. Unter dem pinken Zeichen sammeln Organisationen Spenden für Forschung, Früherkennung und die Unterstützung Betroffener. Weltweit erkranken jährlich über 2,3 Millionen Menschen neu, Brustkrebs ist damit die häufigste Krebsart bei Frauen. In der Schweiz sind jedes Jahr rund 6800 Frauen betroffen, etwa 1400 sterben daran. Auch 40 bis 50 Männer erkranken jährlich. Pink-Ribbon-Schweiz-Gründerin Nicole Zindel engagiert sich seit 2007 für Sensibilisierung und Aufklärung. Über die Jahre kamen dank der Pink-Ribbon-Events mehr als 3,35 Millionen Franken für Brustkrebsprojekte und Forschung zusammen.
Pink Ribbon steht weltweit für Bewusstsein, Aufklärung und Solidarität im Kampf gegen Brustkrebs. Unter dem pinken Zeichen sammeln Organisationen Spenden für Forschung, Früherkennung und die Unterstützung Betroffener. Weltweit erkranken jährlich über 2,3 Millionen Menschen neu, Brustkrebs ist damit die häufigste Krebsart bei Frauen. In der Schweiz sind jedes Jahr rund 6800 Frauen betroffen, etwa 1400 sterben daran. Auch 40 bis 50 Männer erkranken jährlich. Pink-Ribbon-Schweiz-Gründerin Nicole Zindel engagiert sich seit 2007 für Sensibilisierung und Aufklärung. Über die Jahre kamen dank der Pink-Ribbon-Events mehr als 3,35 Millionen Franken für Brustkrebsprojekte und Forschung zusammen.
Eine weitere Hürde sind die Krankenkassen. Die Prothese kostet 300 Franken und wird bisher nicht vollständig übernommen. «Das liegt auch daran, dass die Methode so neu und bei den Krankenkassen noch nicht entsprechend geregelt ist», sagt Fehr.
Wie Helsana auf Anfrage erklärt, ist die individuell angefertigte 3D-Silikonprothese derzeit nicht in der Mittel- und Gegenständeliste aufgeführt und deshalb keine eigene Pflichtleistung. Eine Aufnahme in den Leistungskatalog müsste beim Bundesamt für Gesundheit beantragt werden. Laut Sanitas ist eine Kostenbeteiligung jedoch im Rahmen der bestehenden MiGeL-Position für Brust-Exoprothesen möglich – und auf den dort festgelegten Höchstbetrag begrenzt. Übersteigen die Kosten diesen Betrag, kann je nach Versicherung eine Beteiligung aus der Zusatzversicherung möglich sein. Kulanzleistungen sind in der Grundversicherung nicht vorgesehen.
«Beine, Finger, Augen – für all das gibt es schon lange Prothesen. An die Brustwarze hat lange niemand gedacht, das sollte sich ändern», schliesst Sandra Fehr.