Darum gehts
- Antikörper-Verhütung als hormonfreie Alternative in der Forschung weiterentwickelt
- Sie blockiert Spermienbeweglichkeit oder verhindert die Befruchtung der Eizelle
- Marktreife frühestens 2036 erwartet, Kosten und Studien als Hürden
Die Pille war jahrzehntelang das Symbol moderner Verhütung. Doch ihr Image hat Risse bekommen.
Viele Frauen hinterfragen mittlerweile hormonelle Verhütungsmittel, etwa wegen möglicher Nebenwirkungen oder gesundheitlicher Risiken. Auch in der Schweiz zeigt sich dieser Trend deutlich. Anfang der 1990er-Jahre verhüteten noch rund 52 Prozent der Frauen mit der Pille.
Heute sind es laut Erhebungen des Bundesamts für Statistik nur noch etwa ein Drittel der Frauen im gebärfähigen Alter. Weltweit arbeiten mehrere Forschungsteams an neuen Verhütungsmethoden ohne Hormone. So wie die Gruppe um den Reproduktionsbiologen Eric Reiter vom französischen Forschungsinstitut Inrae, wie die französische Zeitung «Le Monde» berichtet.
Antikörper statt Hormone
Sie verfolgen dabei eine neue Idee. Forscher in Europa und den USA untersuchen, ob Antikörper als Verhütungsmittel eingesetzt werden können. Antikörper sind Eiweissstoffe unseres Immunsystems. Sie erkennen normalerweise Krankheitserreger und helfen dem Körper, diese zu bekämpfen.
Im Labor nehmen die Forscher gezielt Veränderungen vor. Die Antikörper sollen so programmiert werden, dass sie einen bestimmten Schritt der Fortpflanzung blockieren.
Der Unterschied zu einer Impfung ist entscheidend. Während Impfstoffe das Immunsystem aktivieren, würden diese Antikörper direkt eingesetzt, um nur eine bestimmte Funktion zu erfüllen.
Spermien werden ausgebremst
Ein besonders fortgeschrittener Ansatz zielt direkt auf die Samenzellen. Ein Team um die Immunologin Deborah Anderson an der Boston University School of Medicine arbeitet gemeinsam mit Forschern der University of North Carolina an Antikörpern, die sich an Spermien heften und sie praktisch unbeweglich machen.
Die Antikörper lassen die Samenzellen verklumpen. Sie bleiben im Schleim der Scheide stecken und erreichen die Eizelle gar nicht erst. In Labortests wurden Spermien dadurch innerhalb weniger Sekunden immobilisiert.
In präklinischen Studien, die 2021 im Fachjournal Science Translational Medicine veröffentlicht wurden, konnte das Team um Kathleen Vincent zeigen, dass diese Antikörper Spermien innerhalb kurzer Zeit ausschalten können.
Getestet werden verschiedene Anwendungen:
- Vaginalringe, die einen Monat lang Antikörper freisetzen
- Kleine Kapseln, die sich kurz vor dem Geschlechtsverkehr auflösen
- Spezielle Gele
Der Vorteil: Die Wirkung bleibt lokal im Körper und beeinflusst andere Organe kaum.
Auch der Eisprung könnte blockiert werden
Ein weiteres Projekt verfolgt ein Team am Karolinska-Institut in Stockholm. Dort wird ein veränderter Antikörper untersucht, der den entscheidenden Kontakt zwischen Ei- und Samenzelle blockieren soll. Normalerweise muss sich ein Spermium an ein bestimmtes Protein auf der Oberfläche der Eizelle anheften, um eindringen zu können. Wird diese Verbindung verhindert, kommt es gar nicht erst zur Befruchtung.
Die Arbeitsgruppe um Eric Reiter am französischen Forschungsinstitut Inrae untersucht Antikörper, die Rezeptoren an den Eierstöcken blockieren und so den Eisprung verhindern könnten.
Marktreife noch weit entfernt
So vielversprechend die Idee klingt, Geduld ist gefragt. Eric Reiter von Inrae geht davon aus, dass solche Verhütungsmittel frühestens in zehn bis fünfzehn Jahren auf den Markt kommen könnten. Zuerst müssen umfangreiche klinische Studien zeigen, dass die Methode wirklich sicher ist.
Zudem ist die Herstellung von Antikörpern teuer und aufwendig. Trotzdem sehen Wissenschaftler grosses Potenzial. Sollte die Technologie funktionieren, könnte sie eine neue Generation der Verhütung einläuten, hormonfrei, präzise und individuell steuerbar.
Viele Männer wären zur Pille bereit
Die Verantwortung liegt meist bei den Frauen. Dabei wäre ein Teil der Männer durchaus bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen. Das zeigt etwa eine internationale Untersuchung, die 2023 im Fachjournal «BMJ Sexual & Reproductive Health» veröffentlicht wurde.
Die Studie zeigt: Jeder zweite Mann könnte sich vorstellen, eine Pille zur Verhütung einzunehmen, wenn sie sicher und gut verträglich wäre.
Doch die Forschung kommt nur langsam voran. Mehrere klinische Studien zur männlichen Pille wurden in der Vergangenheit gestoppt – unter anderem wegen Nebenwirkungen wie Stimmungsschwankungen oder Akne.