Darum gehts
- Das «Syndrom des guten Mädchens» beschreibt schädliche Verhaltensmuster bei Frauen
- Frauen unterdrücken eigene Wünsche, um anderen zu gefallen, fühlen oft Schuld
- Psychologen warnen: Sechs typische Eigenschaften, z.B. Perfektionismus, beeinflussen die Psyche
Der Begriff Good Girl beschreibt ein Verhalten, bei dem Mädchen und Frauen darauf getrimmt werden, angepasst, freundlich und fehlerlos zu sein. Er stammt aus der Popkultur und ist besonders in sozialen Medien verbreitet. Problematisch wird es, wenn diese Eigenschaften ins Extrem gehen und das Leben bestimmen.
Was steckt hinter dem Good-Girl-Syndrom?
Die Psychologin Suzan Albers erklärt gegenüber «Blic.rs»: «Das Syndrom des guten Mädchens ist der Ausdruck von Eigenschaften, die bei Mädchen geschätzt und gelobt werden. Es hängt stark damit zusammen, wie Betreuer, einschliesslich Lehrer oder andere Erwachsene, mit Mädchen umgehen und wie diese Interaktionen ihr Verhalten prägen.»
Oft ruft der Ausdruck das Bild eines stillen, gehorsamen, hübschen Mädchens hervor, das sich um andere kümmert und keine Probleme macht. «Dieses Muster ist tief in gesellschaftlichen Erwartungen verwurzelt, wie Frauen sein sollen und welche Rolle sie übernehmen. Wenn Menschen mit dem Syndrom von diesem Ideal abweichen, können Schuldgefühle oder Angst vor Verurteilung auftreten», so Albers.
Das Syndrom macht es Frauen schwer, ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen. Nach aussen wirken sie perfekt und angepasst, innerlich aber unterdrücken sie Gefühle, spüren ständigen Druck und Schuld. Perfektionismus, es allen recht machen zu wollen und das Unterdrücken der eigenen Wünsche werden zur Routine, während das eigene Glück und die Authentizität auf der Strecke bleiben.
Die sechs typischen Merkmale der «Good Girls»
Das Syndrom ist keine offizielle psychische Störung, beschreibt aber Eigenschaften, die schädlich werden können. Viele Frauen erkennen sich in mehreren dieser Merkmale wieder.
Entscheidend ist, wie stark diese ausgeprägt sind und ob sie dazu führen, dass man sich nicht authentisch verhält. Wenn der Druck, ein «Good Girl» zu sein, das tägliche Glück, die psychische Gesundheit oder Beziehungen beeinträchtigt, kann ein Gespräch mit einem Therapeuten helfen.
Der Zwang, perfekt zu sein
Hohe Ansprüche an sich selbst können motivieren, aber problematisch wird es, wenn Frauen ihren Wert an Leistungen messen oder daran, wie andere sie sehen. Perfektion kann ein Schutz vor Kritik sein.
«Frauen mit dem Syndrom des guten Mädchens sind extrem empfindlich gegenüber Rückmeldungen. Das kann zu einem Teufelskreis werden, denn Probleme der psychischen Gesundheit verstärken das Syndrom, und das Syndrom verstärkt die Probleme», erklärt Albers.
Es allen recht machen
«Good Girls» messen ihren Wert daran, wie sehr sie anderen helfen. Sie wollen perfekte Partnerin, Mutter oder Freundin sein, oft auf Kosten der eigenen Bedürfnisse.
Andere zuerst
Selbstaufopferung ist ein Kernmerkmal: Jobs aufgeben, um Kinder zu erziehen, dem Lieblings-, aber durchschnittlichen Restaurant eines Kollegen zustimmen oder weite Wege fahren, um die Eltern zu besuchen, all das ist typisch. Menschen mit diesem Syndrom setzen oft die Bedürfnisse anderer über ihre eigenen und tun sich schwer, in Konflikten für sich einzustehen.
Der Druck, perfekt auszusehen
Der starke Druck, perfekt auszusehen, ist oft verbunden mit Essstörungen. Manche greifen zu radikalen Massnahmen: Schönheits-OPs, teure Kleidung, Substanzmissbrauch, alles, um den eigenen Körper zu verändern und Erwartungen zu erfüllen.
Sexuelle Schwierigkeiten
Sexualität kann schwierig werden, weil «Good Girls» oft als unschuldig und rein wahrgenommen werden. Das führt zu Konflikten, wenn sie sexuell aktiv werden.
Frauen mit dem Syndrom erleben oft Angst oder Schuldgefühle bei sexuellen Wünschen, besonders wenn diese nicht dem üblichen Bild von Weiblichkeit entsprechen. Sie konzentrieren sich stark auf die Zufriedenheit des Partners, fühlen Schüchternheit oder Unsicherheit in Bezug auf ihren Körper, verspüren inneren Druck, Ja zu sagen, obwohl sie es nicht wollen, und haben Probleme, Warnsignale in Beziehungen zu erkennen, auch bei Missbrauch oder Gewalt.
Traumatische Vergangenheit
Viele «Good Girls» mit extremen Mustern haben traumatische Kindheitserfahrungen. Perfektionismus, und es allen recht machen zu wollen, können Zeichen von Hypervigilanz sein, ein Zustand ständiger Aufmerksamkeit, verbunden mit Angst oder posttraumatischer Belastung.
Das Nervensystem bleibt hyperwachsam, um vor erneuten Verletzungen zu schützen. Diese Anpassung ist verständlich, belastet aber Körper und Geist stark.
So können Frauen das Syndrom überwinden
Albers empfiehlt Beratung oder Therapie. «Wir setzen uns schrittweise Situationen aus, die Unbehagen auslösen. Erst kleine Schritte: Gefühle ausdrücken, anderen begegnen. Kein Sprung ins tiefe Wasser», erklärt sie.
Wichtig ist, die eigenen Gefühle anzuerkennen: «Viele wirken glücklich, fühlen aber tief Wut, Ärger oder Groll. Zu erkennen, dass diese Gefühle real sind und es okay ist, sie zu haben, ist entscheidend», sagt Albers.
Dann lernen Frauen, Grenzen zu setzen und Nein zu sagen, ohne Schuldgefühle. «Man braucht Mut, sich nicht zurückziehen zu lassen. Ein Therapeut kann den Prozess erleichtern», erklärt sie.
Eigene Muster nicht weitergeben
Eltern sollten Begriffe wie «gutes Mädchen» oder «guter Junge» vermeiden. Stattdessen konkrete Handlungen loben: «Du hast dir viel Mühe gegeben». Kinder sollten lernen, auf ihren Instinkt zu hören, für sich selbst einzustehen und Hilfe zu holen, wenn nötig. So schützen sie sich vor Ausnutzung und Gewalt.
Dieser Artikel erschien zuerst auf blic.rs. Das serbische Newsportal gehört wie Blick zu Ringier.