Darum gehts
«Diese Entscheidung setzt die Frauenmedizin mindestens 20 Jahre zurück», sagt Radiologin Nadja Mamisch (51) im Gespräch mit Blick. Es geht um die neuen Tarife in der Brustkrebsvorsorge, die seit Jahresbeginn gelten. Laut Mamisch wird die schonende Biopsie zur Brustkrebserkennung mit lokaler Betäubung nicht mehr ausreichend vergütet. Das führe dazu, dass Frauen mit Brustkrebsverdacht wieder an der offenen Brust operiert werden müssen – unter Vollnarkose.
Man muss wissen: In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat die Forschung die sogenannte minimalinvasive Vakuumbiopsie entwickelt und stetig verbessert. Heute ersetzt sie in vielen Fällen die diagnostische Operation. Die Methode steht allen Frauen offen, unabhängig von ihrer finanziellen Lage. Doch damit soll nun Schluss sein.
Petition mit 19’000 Unterschriften
«Nun gehen wir wieder zurück in graue Urzeiten, in denen Frauen zur Brustkrebserkennung operiert werden müssen. Das ist ein riesiger Rückschritt», sagt Mamisch, die bei der privaten Hirslanden-Gruppe arbeitet. Es nehme den Frauen die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, welche Behandlung sie an ihrem eigenen Körper durchführen lassen wollen. Für Mamisch ist klar: «Die Schweiz muss zurück in die Zukunft!»
Die Radiologin hat im Rahmen einer Arbeitsgruppe die Kampagne «Breast Forward» gegründet. Die Gruppe lancierte eine Petition, die in zwei Monaten bereits 19’000 Unterschriften einbrachte. «Wir hoffen, dass wir damit eine zeitnahe Rekalkulation der Pauschalen erwirken können», so Mamisch.
Operation unter Vollnarkose
Wird beim Vorsorgeuntersuch der Brust beim Frauenarzt ein verdächtiger Befund entdeckt, ist oft unklar, ob es sich um Krebs handelt. Zur Abklärung bleiben zwei Optionen: eine Biopsie oder eine Operation.
Bei einer Vakuumbiopsie erhält die Patientin eine lokale Betäubung. Über eine Nadel entnimmt die Ärztin oder der Arzt mehrere Gewebeproben. Der Eingriff dauert 30 bis 60 Minuten, danach kann die Patientin nach Hause gehen.
Die Operation erfolgt unter Vollnarkose oder im Dämmerschlaf. Sie erfordert einen grösseren Schnitt, hinterlässt eine sichtbare Narbe – teils im Decolleté – und bringt eine längere Erholungszeit mit sich. Schon die Ungewissheit belastet viele Frauen stark; eine Operation verstärkt den Druck zusätzlich.
Seit Januar 2026 gilt nun eine neue Pauschale für die Biopsie. Laut Mamisch wurde diese so stark gekürzt, dass die Beteiligten nicht mehr kostendeckend arbeiten können.
Minimalinvasive Abklärung langfristig nicht mehr tragbar
«Es ist nicht so, dass nur wenig Geld übrig bleibt. Es bleibt gar nichts übrig», sagt Mamisch. «Wir versuchen, das mit anderen Untersuchungen zu kompensieren, aber wirtschaftlich ist das auf Dauer nicht durchzuhalten. Schliesslich müssen wir unsere Mitarbeiter bezahlen können.»
Viele private Institute müssten ihre Kapazitäten deshalb reduzieren oder gar ganz einstellen. In öffentlichen Spitälern, die Gelder vom Staat erhalten, dürften sich darum die Wartezeiten für die Brustkrebsabklärung verlängern. Diese sollte jedoch zeitnah erfolgen. «Das ist eine extreme psychologische Belastung für die Patientinnen. Ich halte das für ganz, ganz schlimm», so die Radiologin. Zudem könnte sich eine notwendige Brustkrebsoperation verzögern, weil die Abklärung länger dauert.
Können Spitäler weniger oder keine Termine für Vakuumbiopsien anbieten, bleibt Patientinnen nur die offene Operation, um Gewissheit zu erlangen.
Krankenkassenverband sieht kein Problem
Anders argumentiert der Krankenkassenverband Prio Swiss gegenüber Blick: «Die neue Tarifstruktur basiert auf einer aktualisierten Methodik sowie auf realen Kostendaten.» Anders als bei der vorherigen Struktur lasse sich der neue Tarif laufend anpassen.
Fachgesellschaften hätten die Möglichkeit, über ihren Dachverband entsprechende Anträge für eine Rekalkulation zu stellen. «Nach unserem Kenntnisstand wurde von jenen Fachvertretern, die sich aktuell öffentlich kritisch äussern, von diesen formellen Möglichkeiten bislang kein Gebrauch gemacht», so der Verband. Gemäss Mamisch ist ein solcher Antrag bei der Kampagne in Planung.
Prio Swiss betont, dass Ärztinnen und Ärzte nach anerkannten ethischen Grundsätzen handeln müssen: «Wir erachten die Argumentation, dass minimalinvasive Biopsien aus Ertragsgründen künftig operativ vorgenommen werden sollen, als abenteuerlich und den ärztlichen Pflichten widersprechend.»
Mamisch sieht das anders: «Jede Frau in der Schweiz sollte die bestmögliche Abklärung erhalten können. Dafür machen wir uns stark.» Bis Ende April sammelt die Radiologin noch Unterschriften für die Petition.