Herzinfarkt, Psyche, Gewicht
Was die Bakterien-Armee auf deiner Zunge alles kann

Die unzähligen Mikroben in unserer Mundhöhle steuern mehr als nur die Zahngesundheit: Sie beeinflussen unsere Psyche und schützen vor Krankheiten. Wie du die nützlichen Bakterien gezielt fütterst – und warum zu viel Mundspülung nach hinten losgehen kann.
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In einer gesunden Mundflora tummeln sich viele Bakterien – nicht alle von ihnen sind schlecht.
Foto: Shutterstock

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • In unserer Mundhöhle tummeln sind über 700 verschiedene Arten von Mikroorganismen
  • Schädliche Mikroben können langfristig Herzinfarkt und Alzheimer begünstigen
  • Grüner Tee, Randen, rote Früchte und Gemüse fördern eine gesunde Mundflora
Anna Gielas
Anna Gielas
Beobachter

Unter dem Mikroskop sieht es auf unserer Zunge aus, als ob jemand seinen Vorratsschrank ausgeleert hätte: wilde Spaghettiknäuel, Erdnussflips, Zuckerkügelchen, lange Bohnen oder Zitronenscheiben. Es sind Millionen von Bakterien, die auf unserer Zunge sitzen, Zahnzwischenräume besiedeln und die Mundschleimhaut überziehen.

Ohne sie könnten wir nicht leben: Die Mikroben halten das Immunsystem wach und helfen beim Verdauen. Und zusammen mit ihren Geschwistern, die den Darm besiedeln, machen sie uns buchstäblich gute Laune, indem sie den Hormonhaushalt und Botenstoffe im Gehirn beeinflussen.

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Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.

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Mikrobiom: Gesundheitspolizei im Mund

Mindestens 700 verschiedene Arten von Mikroorganismen tummeln sich in einer gesunden Mundhöhle. Dazu gehören zwar auch die Kariesbakterien. Aber die meisten Mikroben erfüllen entweder hilfreiche Aufgaben oder leben dort, ohne uns zu schaden.

Die wertvollen Kleinstlebewesen helfen, Nährstoffe besser aufzunehmen. Und neutralisieren Krankheitserreger, die während der Mahlzeit oder beim Sprechen und Atmen im Mund landen. Und sie können schmerzhaften Entzündungen vorbeugen.

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Mundflora: Herzinfarkt bis Depression

Falsche Ernährung, Rauchen oder Vapen können die gesunde Mundflora aus dem Gleichgewicht bringen. Und wenn schädliche Mikroorganismen die Oberhand gewinnen, leiden nicht nur Zahnfleisch und Zähne.

Einige der problematischen Mikroben können in die Blutbahn geraten und langfristig Herzinfarkt und Alzheimer begünstigen. Über Nervenbahnen und das Geruchssystem können schädliche Bakterien ins Gehirn gelangen und dort zu psychischen Erkrankungen beitragen.

Es braucht weitere Studien

So spielen Bakterien wie Centipeda periodontii, Granulicatella und Eggerthia eine Rolle bei Depressionen und Angststörungen, sagen Forschende. Sie konnten etwa nachweisen, dass depressive und gesunde Jugendliche zwar dieselben Bakterienstämme in ihrer Mundflora haben. Aber bei den depressiven Jugendlichen überwiegen die problematischen Mikroben.

Anders ist es bei Menschen, die an Schizophrenie erkrankt sind. Sie haben andere Bakterienstämme im oralen Mikrobiom als gesunde Personen.

Aber ist dieser Unterschied eine der Ursachen oder eine Folge der Erkrankung? Oder vielleicht beides? Momentan können Forschende nur wenig über die genauen Wechselwirkungen zwischen der Mundflora und der psychischen Gesundheit sagen. Es braucht weitere Studien.

Vorhersage, ob jemand zunehmen wird

Anhand der Mundhöhle lässt sich bereits heute ein Stück weit voraussagen, ob jemand in den nächsten zwei Jahren stark zunehmen wird. Und gemäss finnischen Wissenschaftlerinnen könnte das orale Mikrobiom sogar unsere Ernährungsvorlieben prägen.

Einige Bakterien – etwa bestimmte Clostridien- und Prevotella-Arten – beeinflussen die Geschmackswahrnehmung von süss, sauer, fettig, salzig und bitter. So können sie zum Beispiel süsse Speisen verlockender erscheinen lassen.

Das Mikrobiom «gesund essen»

Wie gesund die Mundflora ist, lässt sich auch vor dem Spiegel mit einem Blick in den Schlund erkennen. Keine guten Zeichen sind ein weisser Zungenbelag, der nicht weggeht, kleine Bläschen, Mundgeschwüre. Und anhaltender Schmerz im Mundraum. Auch Behandlungsbedarf bei jeder zahnärztlichen Kontrolle gilt als ein weiterer sicherer Hinweis.

Mit der richtigen Ernährung lassen sich die schädlichen Mikroben langfristig unter Kontrolle bringen. Bestimmte Nahrungsmittel helfen besonders gut, etwa grüner Tee, Randen, rote Früchte und Gemüse. Sie enthalten sogenannte Polyphenole – Pflanzenstoffe, die gute Bakterien nähren und unter anderem entzündungshemmend wirken.

Auch fermentierte Nahrungsmittel wie Kimchi unterstützen die guten Bakterien. Ebenfalls gut für die Mundflora ist, nicht zu viel Alkohol zu trinken und keine sehr süssen oder sauren Lebensmittel zu essen.

Nicht zu viel putzen und spülen

Dagegen sollten wir es mit der alltäglichen Mundhygiene nicht übertreiben. Zähneputzen und Mundspülen beeinflussen die Mundflora jedes Mal – und können sie dadurch langfristig stören. Besonders von Mundspülungen mit Alkohol raten Fachleute ab: Das Ethanol tötet auch wertvolle Mikroorganismen. Diese abgestorbenen Bakterien könnten durch schädliche Mikroorganismen ersetzt werden.

Auch Mundhygieneprodukte mit dem Inhaltsstoff Sodium Lauryl Sulfate (Natriumlaurylsulfat) und hohen Konzentrationen von Fluorid sollte man besser meiden. Ebenfalls wichtig: Zahnhygieneprodukte regelmässig ersetzen, auch nach Infektionserkrankungen wie einer Grippe.

Kaugummis können problematisch sein

Und was taugen sogenannte probiotische Kaugummis? Manche von ihnen richten möglicherweise mehr Schaden an, weil sie umstrittene Inhaltsstoffe enthalten. Etwa Süssstoffe wie Aspartam, die der Gesundheit schaden können.

Unsere Mundhöhle gibt der Forschung noch immer viele Rätsel auf. Zum Glück müssen Wissenschaftler heute auf der Expedition in diese unbekannten Tiefen weniger Opfer bringen als noch vor rund 350 Jahren. Damals hat der Mikroskop-Entwickler Antoni van Leeuwenhoek tagelang die Zähne nicht geputzt, um seinen Zahnbelag buchstäblich unter die Lupe zu nehmen.

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