Darum gehts
- Exploding-Head-Syndrom: Plötzliche Knallgeräusche beim Einschlafen oder Aufwachen, aber harmlos
- Ursache: Kurzschluss im Gehirn, oft durch Stress oder Schlafstörungen ausgelöst
- Betroffen: Mindestens 10 Prozent der Bevölkerung, häufiger nach dem 50. Lebensjahr
Das sogenannte Exploding-Head-Syndrom (zu Deutsch: Explodierender-Kopf-Syndrom) ist ein seltenes Phänomen, das beim Einschlafen auftreten kann. Betroffene hören plötzlich ein Geräusch im Kopf, das wie eine laute Explosion oder ein Schuss klingt. So dramatisch der Name auch wirkt: Es handelt sich um einen harmlosen Effekt des Gehirns, der beim Übergang vom Wachzustand in den Schlaf entsteht. Das Gehirn wird dabei nicht geschädigt – lediglich der normalerweise sanfte Übergang in den Schlaf wird kurz unterbrochen.
Man kann sich das Phänomen wie einen kleinen Kurzschluss im körpereigenen «Computer» vorstellen. Während die für das Hören zuständigen Hirnareale allmählich herunterfahren, kann es zu einer plötzlichen Entladung neuronaler Aktivität kommen. Diese wird als ohrenbetäubender Knall wahrgenommen. Obwohl der Schreck Herzklopfen und abruptes Aufwachen auslösen kann, passiert in der Umgebung tatsächlich nichts.
Die beste «Behandlung» besteht häufig nicht in einer medizinischen Therapie, sondern schlicht darin zu wissen, dass keine Gefahr besteht – und dass der Kopf trotz des dramatischen Namens völlig unversehrt bleibt.
Was ist das Exploding-Head-Syndrom?
Das Exploding-Head-Syndrom gehört zu den sogenannten Parasomnien. Darunter versteht man ungewöhnliche Erlebnisse, die während des Schlafs oder beim Übergang zwischen Schlaf und Wachzustand auftreten. Beim Exploding-Head-Syndrom nehmen Betroffene plötzlich ein Geräusch wahr, das scheinbar aus dem Inneren ihres Kopfes stammt. Dabei handelt es sich jedoch nicht um ein reales Geräusch, sondern um eine vom Gehirn erzeugte Sinneswahrnehmung.
Das Phänomen tritt meist beim Einschlafen oder beim Aufwachen auf – insbesondere in dem Moment, in dem eine Person bereits schläfrig ist. Betroffene beschreiben das Geräusch häufig als plötzlichen Knall oder als lautes metallisches Geräusch. Andere berichten von Schüssen, Explosionen, brechenden Wellen, einem Summen, einer zuschlagenden Tür oder Feuerwerkskörpern.
«Gefühl von Elektrizität, die durch den Körper fliesst»
«Das Exploding-Head-Syndrom kann extrem beängstigend sein. Der laute Knall kann von weiteren Empfindungen begleitet werden, darunter ein kurzer stechender Schmerz im Kopf – meist jedoch ohne tatsächliche Schmerzen –, Lichtblitze, ausserkörperliche Erfahrungen oder das Gefühl von Elektrizität, die durch den Körper fliesst», schreibt Flavi Waters, Psychologin und Psychiaterin sowie Forschungsprofessorin an der Fakultät für Psychologische Wissenschaften der University of Western Australia, im Wissenschaftsportal «The Conversation».
Eine Episode dauert meist nur einen Sekundenbruchteil oder wenige Sekunden und verschwindet in der Regel sofort, sobald die Person vollständig aufwacht. Manche Menschen erleben nur eine einzige Episode im Leben, während andere mehrere kurze Episoden oder Schübe haben, die später wieder von selbst abklingen.
Da das Erlebnis so plötzlich und ungewöhnlich auftritt, befürchten viele Betroffene zunächst einen Schlaganfall, einen Krampfanfall oder eine andere ernsthafte Erkrankung. Manche interpretieren das Ereignis sogar als etwas Übernatürliches oder Unheilvolles. Die Angst entsteht jedoch nicht durch Schmerzen, sondern durch die überraschende Wahrnehmung und die Alarmreaktion des Körpers. Das Gehirn ist teilweise wach, desorientiert und aktiviert kurzzeitig den Kampf-oder-Flucht-Reflex.
Was verursacht das Exploding-Head-Syndrom?
Die genaue Ursache ist bislang nicht eindeutig geklärt. Forschende haben jedoch mehrere mögliche Erklärungen: Da die Episoden beim Einschlafen oder Aufwachen auftreten, könnten sie mit denselben Prozessen zusammenhängen, die sogenannte hypnagoge Halluzinationen verursachen – lebhafte Sinneseindrücke, die während des Einschlafens auftreten können.
«Beim Einschlafen schalten sich verschiedene Hirnregionen schrittweise und in koordinierter Abfolge ab. Beim Exploding-Head-Syndrom könnte dieser Prozess mit der Abschaltung neuronaler Systeme zusammenhängen, die normalerweise die Verarbeitung auditiver Reize dämpfen. Das Gehirn interpretiert dies möglicherweise als plötzliches lautes Geräusch», erklärt Flavi Waters.
Eine weitere Theorie vermutet eine kurzfristige Veränderung der Aktivität im Hirnstamm, insbesondere im sogenannten retikulären Aktivierungssystem, das den Übergang zwischen Wachzustand und Schlaf reguliert. Typischerweise verursacht das Exploding-Head-Syndrom keine Schmerzen und unterscheidet sich daher deutlich von Kopfschmerzen oder Migräne. Auch Epilepsie gilt aufgrund der charakteristischen Merkmale bei den meisten Betroffenen als unwahrscheinlich.
Wie häufig tritt das Exploding-Head-Syndrom auf?
Häufiger als viele annehmen. Schätzungen zufolge sind mindestens 10 Prozent der Bevölkerung betroffen, und rund 30 Prozent der Menschen erleben das Phänomen mindestens einmal im Leben. «Es kann in jedem Alter auftreten, kommt jedoch häufiger nach dem 50. Lebensjahr vor. Bei Frauen tritt es möglicherweise etwas häufiger auf, der genaue Grund dafür ist jedoch unbekannt», sagt Flavi Waters.
Das Syndrom tritt zudem häufiger bei Menschen auf, die bereits unter anderen Schlafstörungen leiden, etwa Schlaflosigkeit oder Schlafparalyse. Auch folgende Faktoren stehen mit dem Auftreten in Zusammenhang:
- erhöhter Stress oder emotionale Belastung
- Angstzustände
- gestörte Schlafmuster oder schlechter Schlaf mit Tagesmüdigkeit
Wie wird das Exploding-Head-Syndrom behandelt?
Das Exploding-Head-Syndrom gilt als harmlos und ist kein Hinweis auf eine ernsthafte Erkrankung des Gehirns. Die Episoden sind in der Regel kurz und treten entweder sporadisch oder in zeitlich begrenzten Phasen auf, bevor sie wieder von selbst verschwinden. Sobald Betroffene verstehen, dass der Zustand ungefährlich ist, werden die Episoden häufig weniger beängstigend – und können sogar seltener auftreten.
Medikamente werden meist nur dann in Betracht gezogen, wenn die Episoden sehr häufig auftreten oder einen starken Leidensdruck verursachen. Bisher fehlen jedoch grosse klinische Studien, die eine bestimmte Behandlung eindeutig bestätigen. Einzelne Patientinnen und Patienten berichten zwar von Verbesserungen durch Medikamente wie Clomipramin, doch die wissenschaftliche Evidenz ist bislang begrenzt.
«Oft besteht die Behandlung einfach darin, zur Ruhe zu kommen und die eigenen Schlafgewohnheiten zu verbessern. Manche Menschen berichten, dass es hilft, Schlafprobleme wie Schlaflosigkeit gezielt zu behandeln, Müdigkeit zu reduzieren sowie Achtsamkeits- und Atemtechniken zu praktizieren», sagt Flavi Waters.
Eine mögliche historische Beschreibung
Bereits im Jahr 1619 beschrieb der französische Philosoph René Descartes drei Träume, die er als göttliche Offenbarung deutete. In einem dieser Träume hörte er beim Aufwachen einen lauten Knall und sah einen hellen Lichtblitz. Einige Forschende vermuten heute, dass es sich dabei um eine frühe Beschreibung des Exploding-Head-Syndroms handeln könnte.
Trotz seines dramatischen Namens ist das Exploding-Head-Syndrom harmlos. Für viele Betroffene besteht die wirksamste «Therapie» darin, zu verstehen, was hinter dem Phänomen steckt – und zu wissen, dass keine Gefahr besteht.
Ärztlicher Rat kann dennoch sinnvoll sein, wenn die Episoden häufig auftreten, die Lebensqualität beeinträchtigen oder starken Leidensdruck verursachen. Unbedingt ärztlich abgeklärt werden sollte das Symptom jedoch, wenn zusätzlich Schmerzen, Krampfanfälle, anhaltende Verwirrtheit, Bewusstseinsverlust oder starke Kopfschmerzen auftreten.
Dieser Text erschien zuerst bei blic.rs. Das serbische Newsportal gehört wie Blick zu Ringier.