Darum gehts
- Viele Frauen verwechseln Wechseljahresbeschwerden mit Burn-out, Diagnose oft fehlerhaft
- Nur 8 Prozent der Frauen in den USA erhalten korrekte Diagnose trotz Beschwerden
- Hormontherapie lindert Symptome, kann aber leicht Brustkrebsrisiko erhöhen
Jede Nacht um 2 Uhr wach im Bett, schweissgebadet, das Gedankenkarussell dreht endlos. Tagsüber dann diese Aussetzer: Was wollte ich in der Küche? Die Kinder nerven, der Job überfordert und die kleinste Kritik löst Tränen aus.
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Wenn Frauen solche Zustände erleben, denken die meisten an ein Burn-out: Beruf, Familie, Alltag – es ist einfach alles zu viel. Doch die Erschöpfung hat oft eine andere Ursache: die Hormone. Obwohl sie noch regelmässig ihre Periode bekommen, stecken Betroffene bereits in den Wechseljahren. Die sogenannte Perimenopause beginnt nicht erst nach dem Ausbleiben der Menstruation, sondern bezeichnet die Zeit der Umstellung davor. Im Schnitt startet sie mit etwa 47 Jahren, bei manchen geht es aber schon Mitte 30 los.
Wechseljahre statt Burn-out
Vielen Frauen kommt es gar nicht in den Sinn, dass ihre Beschwerden mit der hormonellen Umstellung zu tun haben. Und vielen Ärzten offenbar auch nicht. Eine Analyse von 1,5 Millionen Amerikanerinnen zwischen 40 und 64 Jahren zeigt: Jede Zweite hat Wechseljahresbeschwerden, aber nur 8 Prozent bekommen die richtige Diagnose. Einer anderen Untersuchung zufolge erhalten fast 40 Prozent der Frauen in der Perimenopause eine unzureichende Diagnose – zum Beispiel Burn-out.
Die Folgen: Betroffene hetzen von Praxis zu Praxis – teuer, zermürbend, unnötig. Sie schlucken Antidepressiva, werden auf Demenz abgeklärt, landen im Schlaflabor oder bei Kardiologen und Rheumatologen, denn auch Gelenkschmerzen oder Herzrasen gehören zu den Wechseljahresbeschwerden.
Doch warum haben selbst Fachpersonen die Wechseljahre nicht auf dem Schirm? «Viele Ärzte wissen nicht, dass die hormonellen Schwankungen schon Jahre vor der letzten Blutung beginnen können. Sie denken bei Wechseljahren an Frauen Ende 40, Anfang 50, die keine Periode mehr haben», sagt Susanna Weidlinger, Frauenärztin am Menopausezentrum des Berner Inselspitals. In der medizinischen Ausbildung werde die Perimenopause oft nur am Rande behandelt. «Ausserdem sind viele Wechseljahresbeschwerden unspezifisch und treten in allen Lebensphasen auf. Das macht es schwierig, sie eindeutig den Wechseljahren zuzuordnen.»
Tagebuch führen: Das beste Werkzeug zur Diagnose
Weidlinger rät Betroffenen, ein Zyklustagebuch zu führen. Mindestens drei Monate lang sollten Frauen die Zykluslänge, die Dauer und Stärke der Blutung sowie alle Symptome notieren: Wann war die Antriebslosigkeit am grössten? Wann trat Herzrasen auf? Wann wälzte man sich im Bett? «Ein Tagebuch ist aussagekräftiger als etwa ein Bluttest», sagt die Expertin. In der Perimenopause schwanken die Hormone stark, von Tag zu Tag und von Zyklus zu Zyklus. «Ein Bluttest ist nur eine Momentaufnahme und wenig aufschlussreich.»
Mit dem Tagebuch in der Hand sollten Frauen das Gespräch in der Arztpraxis suchen und gezielt nachfragen, ob die Beschwerden hormoneller Natur sein könnten. Burn-out-Symptome beispielsweise hängen meist mit konkreten Belastungen zusammen und bessern sich oft bei Entlastung oder in den Ferien. Hormonbedingte Beschwerden bleiben dagegen auch in ruhigeren Phasen bestehen. Ein Tagebuch kann dies sichtbar machen.
Wenig Zweifel lassen zusätzliche Symptome wie Hitzewallungen und nächtliche Schweissausbrüche. «Sie kommen bei Stress allein nicht vor und sind ein deutliches Zeichen für hormonelle Umstellungen», sagt Weidlinger.
Was wirklich hilft
Etwa zwei Drittel aller Frauen leiden an mittelstarken bis starken Wechseljahresbeschwerden. Die gute Nachricht: Sie müssen diese Laune der Natur nicht hilflos ertragen. «Die Symptome können und sollten behandelt werden, wenn sie die Lebensqualität und Leistungsfähigkeit einschränken», sagt Weidlinger. Letztendlich dient das auch der Allgemeinheit: Unbehandelte Wechseljahresbeschwerden senken die Arbeitsproduktivität und erhöhen die Gesundheitskosten.
Die wirksamste Waffe ist eine Hormonersatztherapie (HRT) mit Östrogen und Gestagen. Sie lindert viele Symptome oft innert Wochen. Doch das Thema macht Angst. Das Risiko für Brustkrebs steigt leicht. Ohne Therapie erkranken 6 von 100 Frauen im Alter zwischen 50 und 70 Jahren, mit Therapie sind es acht. Für die Expertin ist aber klar: «Bei hohem Leidensdruck überwiegt der Nutzen das Risiko.» Am meisten profitieren Frauen unter 60 oder innerhalb von zehn Jahren nach der Menopause – in diesem Zeitfenster schützt die Therapie unter anderem zusätzlich das Herz-Kreislauf-System und vor Osteoporose.
Wer schon einmal Brustkrebs oder eine andere hormonabhängige Krebsart hatte, darf jedoch keine HRT machen. Die Gefahr, dass der Krebs zurückkommt, wäre zu gross. Auch bei ungeklärten vaginalen Blutungen, akuter Thrombose, Lungenembolie, Schlaganfall oder Herzinfarkt sowie schweren Lebererkrankungen kommt eine HRT nicht infrage.
Es gibt jedoch Alternativen. «Zum Beispiel wirken Neurokinin-Rezeptorblocker gut gegen Hitzewallungen», sagt Weidlinger. Auch kognitive Verhaltenstherapie oder Hypnose können Beschwerden erträglicher machen. Auf pflanzlicher Basis hilft Traubensilberkerze. «All dies ist allerdings weniger effektiv als eine HRT, kann in der Kombination aber eine gute Alternative sein», sagt Weidlinger.