Darum gehts
- Naturwein und Orangewein beleben die Weinwelt
- Durch den Verzicht auf Schwefel werden die Weissweine rasch gelb oder orange
- Die beiden neuen, alten Weintypen blühen in Nischen
Ein Begriff sorgt für Verwirrung: Naturwein. Ist Wein denn nicht per se Natur? Und hiesse das Pendant folglich Kunstwein?
Treffender wäre wohl «Urwein» – ein Wein ohne önologische Kunstgriffe. Das kann gut gehen, oft aber auch schief.
Ein Begriff mit vielen Gesichtern
Die Herkunft des Wortes ist alles andere als einheitlich. Die schweizerische Zollverwaltung etwa verwendet «Naturwein» rein administrativ: Sie unterscheidet bei Einfuhren zwischen Natur- und Trinkwein – Ersteres meint Flaschenimporte, Letzteres Offenweineinfuhren.
Andere Länder – andere Sitten
In Deutschland wiederum führte man den Begriff bereits Anfang des 20. Jahrhunderts ein, um Weine zu kennzeichnen, die nicht mit Zucker angereichert wurden.
In Österreich hat «natural wine» eine ganz eigene Bedeutung: Gemeint sind Weine aus biologischer Landwirtschaft, die trüb sein und oxidative Noten zeigen dürfen. Erlaubt sind dabei weder eine Anreicherung zur Erhöhung des natürlichen Alkoholgehalts noch eine Süssung oder der Zusatz von Weinbehandlungsmitteln – mit Ausnahme von Bentonit und schwefliger Säure.
Auf der Etikette selbst darf der Begriff «Naturwein» jedoch nicht erscheinen. Die Konsequenz: Man weicht gerne auf «vin naturel» oder «natural wine» aus – was zeigt, dass sich hinter der scheinbaren Natürlichkeit ein durchaus komplexes Regelwerk verbirgt.
Wie Naturwein entsteht – und wie er schmeckt
Was als weisser Naturwein angeboten wird, ist oft maischevergoren – also mit Schalen, Trub und manchmal sogar mit Rappen gekeltert, wie man es sonst von Rotwein kennt. Das verändert den gewohnten Geschmack grundlegend: Tannin macht sich bemerkbar – bei einem Weisswein in Form ungewohnter Herbe, ebenso Aromen aus der Traubenhaut, und die Farbstoffe aus den Schalen reichern den Weisswein mit Farbpigmenten an. Wenn diese oxidieren, werden sie goldgelb, später orange.
Fehlender Schwefel
Da kein oder nur sehr wenig Schwefel zum Einsatz kommt, wirken diese Weine bereits im jugendlichen Stadium reifer und mitunter oxidativer als ihre geschwefelten Pendants. Goldgelbe bis orange Farbtöne sind die Regel – daher auch die Bezeichnung «Orangewein», ein weiterer Begriff, der im Umfeld des Naturweins häufig auftaucht.
Dass viele dieser Weine im Glas nicht funkeln, sondern verschleiert oder gar trüb wirken, liegt daran, dass sie nicht filtriert werden.
Weniger Differenzen beim Rotwein
Bei Rotweinen unterscheidet sich die Praxis deutlich weniger von einer konventionellen Kelterung. Typisch für sogenannte Naturweine ist hier vor allem, dass die Trauben aus biologischem Anbau stammen, der Most mit safteigenen Hefen vergoren wird und Schwefel – wenn überhaupt – nur in geringsten Mengen zum Einsatz kommt.
Im Keller wird nur minimal interveniert – und das ist keineswegs immer zum Vorteil des Weins.