Darum gehts
- In Zürich geht ein erfundenes Trendgetränk viral: der «Purple Plum Latte»
- Die Schweizer Obstbauern kämpfen mit sinkender Nachfrage nach Zwetschgen
- Ein Glas «Purple Plum Latte» könnte für 12.50 Franken verkauft werden
Der Stoff soll der absolute Wahnsinn sein. Vollgepackt mit Antioxidantien, Ballaststoffen und wertvollen sekundären Pflanzenstoffen. Ein mega Longevity-Booster. Gut für den Darm, gut für die Haut – und diese Farbe erst! Ein sattes Violett. Sieht fantastisch aus im Glas. Vor allem mit Hafermilch. Voll instagrammable. In Zürich stehen sie stundenlang Schlange dafür. 12.50 Franken das Glas. Auf Tiktok geht das hippe Getränk gerade viral.
Ich mache Spass. Alles erfunden! «Purple Plum Latte» gibt es nicht. Oder noch nicht. Ich habe mir das gerade ausgedacht. Man müsste dafür lediglich Zwetschgen trocknen, pulverisieren, das Pulver hübsch verpacken und einen englischen Namen draufschreiben.
Die vergessene heimische Frucht
Vielleicht wäre damit das Problem unserer Obstbauern gelöst. Denn auf Schweizer Zwetschgen scheint kaum noch jemand Lust zu haben. Der Schweizer Obstverband spricht von einer regelrechten Abkehr. Vor allem jüngere Menschen greifen lieber zu Früchten, die man sofort essen kann. Früher wurden Zwetschgen eingekocht, zu Konfitüre verarbeitet oder zu Kuchen verbacken. Heute bleiben die Produzenten auf ihrer Ernte sitzen.
Dabei wächst da direkt vor unserer Haustür eine wunderbare Frucht. Süss, säuerlich, saftig, aromatisch. Man kann sie roh essen, einmachen, dörren, zu Kompott, Konfitüre oder einer Tarte verarbeiten. Und die Leute so: Na ja.
Kürzlich eröffnete in Köln ein Hähnchenladen, der durch Social Media bekannt geworden war. Hunderte Menschen standen Schlange. Einige waren über 100 Kilometer angereist und warteten stundenlang. Die Situation wurde so chaotisch, dass die Eröffnung schliesslich abgebrochen werden musste. Das Hähnchen hat Tiktok. Die Zwetschge hat einen Obstverband. Rate mal, wer gewinnt.
Hype schlägt Tradition
Man kennt das Spiel. Bubble-Tea. Dubai-Schokolade. Matcha. Plötzlich wollen alle dasselbe essen, trinken und fotografieren. Beim Matcha wurde der Hype inzwischen so gross, dass die Nachfrage nach japanischem Grünteepulver explodiert ist. Gleichzeitig müssen wir uns überlegen, wie wir Schweizerinnen und Schweizer dazu bringen, eine Zwetschge zu essen.
Als ich zur Schule ging, gab es den Pausenapfel. Gratis. Man griff in die Kiste und ass einen Apfel. Uns Kindern wurde ziemlich unmissverständlich vermittelt: Das wächst hier, das ist gut, iss das. Heute müsste man ihn wahrscheinlich in Spalten schneiden, in Plastik verpacken und «Apple-Snack» draufschreiben.
Oder wir erfinden die Zwetschge eben neu. Trocknen, mahlen, hübsche Dose, minimalistisches Logo, ein paar Influencer. Und es bloss nicht Zwetschgenpulver nennen, sondern «Purple Plum Superfood. Limited Swiss Harvest. Naturally purple. Plant based. Vegan».
Manchmal liegt das Gute tatsächlich so nah, dass wir es nicht mehr sehen. Wir müssen es offenbar erst pulverisieren und zum Tiktok-Trend machen.