Einfach Claudio fragen
Haben wir verlernt, dankbar zu sein?

Kochbuchautor Claudio Del Principe ist genervt. Eine Petition für einen Discounter im Dorf bringt ihn dazu, über Sinn und Unsinn von Einkaufsmöglichkeiten nachzudenken.
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In Biel-Benken stehen der Bevölkerung sechs Hofläden mit regionalen Lebensmitteln wie Gemüse und Brot zur Verfügung (Symbolbild).
Foto: PIUS KOLLER

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Petition in Biel-Benken fordert Discounter im Dorf trotz vielfältigem Angebot
  • Sechs Hofläden und ein Dorfladen bieten hochwertige lokale Lebensmittel an
  • Biel-Benken hat 3600 Einwohner, Einkaufszone in 8 Minuten erreichbar
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Claudio Del PrincipeKolumnist

In Biel-Benken BL machte eine Petition Schlagzeilen. Sie forderte vom Gemeinderat, einen günstigen Supermarkt ins Dorf zu holen. Inzwischen wurde sie zwar zurückgezogen. Trotzdem beschäftigt mich die Diskussion weiter.

Sonnenuntergang auf Bestellung

Sind wir mittlerweile wirklich so wohlstandsverwahrlost? Immer mehr Leute scheinen das Gefühl zu haben, die ganze Welt soll sich gefälligst ihren Bedürfnissen anpassen. Was wollen sie als Nächstes? Dass die SBB den Fahrplan ihren Tageszeiten anpasst? Schönes Wetter auf Bestellung? Hat denen die Grossmutter nicht beigebracht, dass «de Will und de Wotti» schon lange gestorben sind?

Zum Verständnis: Den rund 3600 Einwohnern von Biel-Benken stehen sechs Hofläden mit frischem Gemüse, Eiern, Fleisch und Brot zur Verfügung. Dazu kommt ein Dorfladen, der getrost als Paradies für Käseliebhaber bezeichnet werden darf. Ich fahre selber regelmässig 20 Minuten mit dem Velo dorthin. Seit über 30 Jahren führen Sibylle und Christoph Studinger diesen Laden mit Herzblut und nehmen sich für jeden Kunden mehr als genug Zeit.

Anreise aus Zürich für ein Bijou

Sie bieten unter anderem Produkte einiger der besten Käser der Schweiz an – etwa von Willi Schmid, der Sennerei Andeer oder Jumi – dazu die einzigartigen Wurstspezialitäten von Tanya Giovanoli. Menschen, die solche Trouvaillen schätzen, reisen dafür extra aus Zürich oder noch weiter an. In der Petition wurde dieser Laden als «altmodisch» und «zu klein» bezeichnet. Ernsthaft?

Andere wären froh, hätten sie an ihrem Wohnort ein so grossartiges Angebot an hochwertigen, regional erzeugten Lebensmitteln – und Menschen, die diese mit Haltung, Transparenz und ehrlicher Freundlichkeit verkaufen. Und es ist ja nicht so, dass Biel-Benken am Arsch der Welt wäre. In acht Velominuten oder per Bus jede Viertelstunde erreicht man die Einkaufszone im Nachbardorf Oberwil mit jeder Menge Discountern oder das Zentrum von Therwil mit mehr als genug weiteren Läden.

Kein Versorgungs-, sondern ein Wahrnehmungsproblem

Aber nein, ein Bilderbuchdorf gilt plötzlich als mangelhaft, weil kein Discounter mit Billigware, Selbstscanner und anonymem Betrieb im Dorf steht. Kannst du dir nicht ausdenken.

In meinen Büchern, Kolumnen und Vorträgen erzähle ich immer wieder vom Wert des Handwerks, von Produzenten mit Haltung und von Menschen, die Lebensmittel nicht einfach verkaufen, sondern kennen und verstehen. Genau das findet man in Biel-Benken – und zwar direkt vor der Haustür.

Vielleicht hat die inzwischen zurückgezogene Petition am Ende sogar etwas Gutes. Sie erinnert uns daran, wie schnell wir übersehen, was längst da ist. Wer an sechs Hofläden und einem Bijou von Dorfladen vorbeigeht und nur den fehlenden Discounter sieht, hat kein Versorgungsproblem. Er hat ein Wahrnehmungsproblem.

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