Darum gehts
- Ein Drittel der Schweizer Erstgebärenden ist über 35, Fruchtbarkeit sinkt
- Reproduktionsmedizinerin: Social Freezing ist kein Allheilmittel
- 20 Prozent der Paare in der Schweiz ungewollt kinderlos, oft liegt Ursache bei Männern
SonntagsBlick: Laut Umfragen verspürt nur etwa die Hälfte der 18- bis 45-jährigen kinderlosen Männer und Frauen aktiv einen Kinderwunsch. Gibt es keinen biologischen Fortpflanzungstrieb, der in uns allen drin ist?
Maddalena Masciocchi: Als Reproduktionsmedizinerin erlebe ich, dass Familienplanung heute eine individuelle und bewusste Entscheidung ist. Zwar gibt es ein biologisches Fundament, doch wir Menschen zeichnen uns gerade dadurch aus, dass wir unsere Lebensentwürfe frei gestalten. Der Rückgang eines aktiven Kinderwunschs ist weniger ein Fehlen von Instinkt, sondern ein Ausdruck einer modernen, reflektierten Lebensführung.
Gewollte Kinderlosigkeit hat oft mit finanziellen Entscheidungen zu tun, schwieriger Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Welchen Einfluss haben Politik und Wirtschaft auf fehlenden Kinderwunsch?
Das ist eine Frage, die weit über meine medizinische Expertise hinausgeht, aber meine tägliche Arbeit direkt betrifft. Die Rahmenbedingungen durch Politik und Wirtschaft spielen eine wesentliche Rolle. Wenn finanzielle Sorgen oder die Angst vor einem Karriereknick dazu führen, dass der Kinderwunsch aufgeschoben oder verworfen wird, ist das ein Signal, das wir als Gesellschaft ernst nehmen müssen.
Maddalena Masciocchi (39) ist Expertin auf dem Gebiet der Reproduktionsmedizin und gynäkologischen Endokrinologie bei der Cada Kinderwunschklinik in Zürich. Zuvor war sie als Kaderärztin am Universitätsspital Basel tätig. Ihre Expertise beinhaltet die umfassende Diagnostik und Beratung bei unerfülltem Kinderwunsch, IVF/ICSI-Behandlungen, andrologische Sprechstunde, Fertilitätsberatung, Hormonsprechstunde sowie die Ausbildung von Assistenzärzten. Sie verfolgt einen ganzheitlichen Behandlungsansatz, der sowohl die physischen als auch die emotionalen Aspekte von ungewollter Kinderlosigkeit berücksichtigt.
Maddalena Masciocchi (39) ist Expertin auf dem Gebiet der Reproduktionsmedizin und gynäkologischen Endokrinologie bei der Cada Kinderwunschklinik in Zürich. Zuvor war sie als Kaderärztin am Universitätsspital Basel tätig. Ihre Expertise beinhaltet die umfassende Diagnostik und Beratung bei unerfülltem Kinderwunsch, IVF/ICSI-Behandlungen, andrologische Sprechstunde, Fertilitätsberatung, Hormonsprechstunde sowie die Ausbildung von Assistenzärzten. Sie verfolgt einen ganzheitlichen Behandlungsansatz, der sowohl die physischen als auch die emotionalen Aspekte von ungewollter Kinderlosigkeit berücksichtigt.
Familienplanung wird immer weiter nach hinten geschoben. In der Schweiz ist bereits ein Drittel der erstgebärenden Frauen über 35 Jahre alt. Warum ist das problematisch?
Aus medizinischer Sicht ist das Alter der wichtigste Faktor für die Fruchtbarkeit. Das Problem liegt in der Schere zwischen Wunsch und biologischer Realität. Anzahl und Qualität der Eizellen nehmen mit zunehmendem Alter ab, ab 35 Jahren sogar rapide.
Welche Rolle spielen die Männer dabei? Jeder fünfte Mann ist bei der Geburt eines Kindes über 40.
Männern wird oft eine Art biologische Unendlichkeit zugeschrieben, aber auch die männliche Fruchtbarkeit und die Spermienqualität unterliegen einem natürlichen Alterungsprozess. Statistisch gesehen erhöht dies das Risiko für Fehlgeburten, bestimmte Entwicklungsstörungen oder genetische Erkrankungen beim Kind. Und es kann auch sein, dass es länger dauert, bis die Frau schwanger wird, weil der Mann schon älter ist.
Sollten Männer allgemein stärker in den Diskurs um den Geburtenrückgang miteinbezogen werden?
Absolut, es ist an der Zeit, den Kinderwunsch nicht mehr nur als Frauensache zu betrachten. Wenn Männer nicht nur als Begleitpersonen, sondern als gleichwertige Partner wahrgenommen werden, entlastet das die Frauen. Je besser beide Partner über ihre jeweilige Fruchtbarkeit und ihre gemeinsamen Ziele Bescheid wissen, desto entspannter können sie ihre Lebensplanung gestalten.
Laut Umfragen glauben immer noch viele Leute, dass Frauen bis 40 problemlos schwanger werden können. Warum sind wir so schlecht informiert?
Wir leben in einer Zeit beeindruckender medizinischer Fortschritte, die suggerieren, dass die Biologie nahezu unbegrenzt überlistbar sei. Das vermittelt vielen ein falsches Gefühl von Sicherheit. Zudem ist unsere schulische Aufklärung bis heute fast ausschliesslich auf die Verhinderung einer Schwangerschaft fokussiert und nicht auf den Erhalt der Fruchtbarkeit. Wir müssen die Biologie entmystifizieren, damit jede Generation ihre Lebensplanung auf einer realistischen Basis treffen kann.
In Frankreich werden Aufklärungsbriefe an alle 29-Jährigen verschickt.
Das kann helfen, Wissenslücken zu schliessen, bevor medizinische Probleme entstehen. Aufklärung darf aber niemals den Charakter eines staatlichen Druckmittels annehmen. Und sie darf nicht der Ersatz für strukturelle Verbesserungen sein.
Ist Social Freezing die Lösung für die demografische Seite des Problems?
Es ist kein demografisches Allheilmittel. Die Medizin kann Zeit gewinnen, aber die Biologie nicht unendlich verdrängen. Dennoch ist die Option wertvoll für Frauen mit einem aktiven Kinderwunsch, denen aktuell die passenden persönlichen Bedingungen oder der richtige Partner fehlen.
Wie sieht diese gewonnene Zeit aus? Wenn ich mir als 30-Jährige Eizellen einfriere und mir diese mit 40 einsetzen lasse, habe ich dann die gleiche Chance, schwanger zu werden wie mit 30?
Es ist ein bisschen komplexer. Mit dem Einfrieren können wir das genetische Risiko, das mit dem Altern der Eizelle steigt, quasi anhalten. Aber die Schwangerschaft selbst findet in dem Körper der Frau statt, und dieser unterliegt seinem natürlichen Alterungsprozess. Eine Schwangerschaft ist eine enorme physiologische Anstrengung, und mit zunehmendem Alter steigen die medizinischen Risiken für die Mutter.
Gibt es eine Altersgrenze für Frauen, um sich Eizellen einsetzen zu lassen?
Keine gesetzliche, aber die ärztliche Leitlinie liegt momentan in den meisten Schweizer Kinderwunschzentren bei 45 Jahren.
Und in welchem Alter sollte man Eizellen einfrieren lassen?
Die aktuelle medizinische Empfehlung liegt zwischen 30 und 35 Jahren. In diesem Zeitfenster ist das biologische Potenzial der Eizellen am besten erhalten. Ein Einfrieren mit 25 Jahren wird nicht empfohlen, da die gesetzliche Lagerfrist in der Schweiz maximal zehn Jahre beträgt, was den Nutzen einer so frühen Konservierung stark einschränkt. Bei Frauen ab 40 Jahren wird das Verfahren zwar nicht ausgeschlossen, jedoch ist es wichtig, eine realistische Erwartungshaltung zu wahren: Mit zunehmendem Alter sinkt die Anzahl der gewonnenen reifen Eizellen pro Stimulationszyklus sowie deren genetische Qualität. Eine individuelle Beratung ist essenziell, um die persönlichen Voraussetzungen und die Erfolgsaussichten realistisch einzuschätzen.
Ein Fünftel der Paare ist ungewollt kinderlos in der Schweiz. Was spielt neben dem Alter eine Rolle?
Oft liegt eine Kombination unterschiedlicher Faktoren vor, zum Beispiel eine Endometriose, Ovulationsstörungen oder Verschlüsse von Eileitern bei Frauen oder ein schlechtes Spermiogramm oder genetische Ursachen bei Männern. Ein unterschätztes Problem ist, dass der männliche Faktor in der Diagnostik oft spät erkannt wird. Man macht viele Abklärungen bei der Frau, aber keine beim Mann. Der grösste vermeidbare Faktor ist diese verstrichene Zeit.
In der Schweiz sind die Gesetze für Fortpflanzungsmedizin sehr strikt. Eizellenspende und Leihmutterschaft sind verboten, Samenspende gibt es nur für Verheiratete. Glauben Sie, eine Lockerung dieser Gesetze würde etwas bewirken?
Gewisse rechtliche Anpassungen hätten wesentliche Vorteile. Bei der Eizellenspende würde zum Beispiel eine Liberalisierung die Patientensicherheit erhöhen. Viele weichen auf unregulierte Angebote im Ausland aus. Eine Behandlung in der Schweiz würde strenge Qualitätsstandards und ärztliche Aufsicht sicherstellen. Bei der Leihmutterschaft ist die Ausgangslage ethisch weitaus komplexer. Unser Ziel als Gesellschaft muss sein, den Zugang zur Reproduktionsmedizin so zu gestalten, dass er individuellen Bedürfnissen entspricht, ohne dabei den Schutz aller beteiligten Personen zu vernachlässigen. Ich plädiere für eine differenzierte Debatte, bei der das Kindeswohl unser oberster Kompass bleibt.