Mach den Test!
Bist du gefühlsblind?

Würdest du dich als Kopfmenschen beschreiben? Wirkt die «Gefühlsduselei» anderer oft unnötig dramatisch für dich? Erschwert deine Rationalität dein Liebesleben? Dann gehörst du vielleicht zu den Menschen, die Alexithymie haben.
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Gefühlsblinden Menschen fällt nicht nur der Zugang zu den eigenen Gefühlen schwer, sondern auch derjenige zum Partner oder der Partnerin.
Foto: www.fotex.de

Darum gehts

  • Etwa zehn Prozent der Menschen sind gefühlsblind
  • Alexithyme Leute können Gefühle nicht erkennen und ausdrücken
  • Gefühlsblindheit führt oft zu Problemen mit Partnerschaft und Sexualität
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Sandra CasaliniRedaktorin Gesellschaft

Der Begriff klingt erstmal harmlos. Alexithymie stammt aus dem Griechischen und setzt sich zusammen aus den Worten «a» (fehlen), «lexis» (Wort) und «thymos» (Gefühl). Es bedeutet also soviel wie «Keine Worte für Gefühle».

Was ist Alexithymie?  

Im Volksmund wird Alexithymie auch Gefühlsblindheit genannt. Nicht zu verwechseln mit Gefühlskälte. Menschen mit Alexithymie haben durchaus Emotionen, sie können diese aber nicht richtig benennen und ausdrücken, sondern erleben sie als unspezifische körperliche Zustände. «Gefühlsblinde Menschen können ihre eigenen Gefühle und die anderer Menschen nicht lesen», erklärt die deutsche Emotionswissenschaftlerin Carlotta Welding im Fachmagazin «Psychologie Heute». Sie forscht zum Thema Gesichtsblindheit und hat ein Buch darüber geschrieben mit dem Titel «Fühlen lernen». 

«Alexithyme Menschen nehmen zum Beispiel die Erregung, Entspannung oder den Schmerz wahr, der mit einem bestimmten Gefühl verbunden ist», sagt Hans Jörgen Grabe, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin im deutschen Greifswald im Interview mit der Krankenkasse Barmer. «Sie haben aber nicht die Möglichkeit, an den emotionalen Inhalt dieser körperbezogenen Wahrnehmungen zu gelangen. Statt Ärger registrieren sie Spannung in den Schultern, statt Trauer Druck in der Brust.»

Wer ist betroffen?  

Noch gibt es kaum Studien, aber man geht davon aus, dass hierzulande etwa zehn Prozent der Menschen gefühlsblind sind. Männer neigen etwas häufiger zu Alexithymie als Frauen, allerdings ist dieser Unterschied sehr klein. Laut Carlotta Welding liegt Gefühlsblindheit auf einem Spektrum. Manche verspüren tatsächlich weniger als Nichtgefühlsblinde, andere fühlen sehr viel, können dies aber nicht ausdrücken. 

Welche Auswirkungen hat Alexithymie?  

In manchen Bereichen kann Gefühlsblindheit ein Vorteil sein, zum Beispiel bei gewissen Karrieren. Manche Alexithyme vermissen auch nichts, weil sie nichts anderes kennen. Viele stossen aber in Beziehungen mit anderen Menschen an ihre Grenzen. «Wenn es keine wechselseitige emotionale Kommunikation gibt und alle Gespräche auf der Sachebene bleiben, wird der oder die Betroffene als unnahbar oder oberflächlich erlebt», sagt Hans Jörgen Grabe. Soziale Beziehungen können leiden oder in die Brüche gehen. 

Auch Sexualität kann schwierig sein. Das Nichterkennen der eigenen Gefühle führt oft zur Beeinträchtigung des Lustempfindens und der Bindung mit der Sexualpartnerin, bzw. des Partners. Menschen mit ausgeprägter Alexithymie neigen häufiger zu sexuellen Funktionsstörungen, etwa Erektions- oder Orgasmusproblemen.

Wie erkennst du Gefühlsblindheit? 

Die Forschung nennt drei zentrale Punkte: 

- Gefühle identifizieren: Menschen mit Alexithymie können körperliche Empfindungen und echte Emotionen schwer auseinanderhalten.
- Gefühle zeigen: Betroffene können Emotionen weder in Worte fassen noch in Gesten oder Gesichtsausdrücken wiedergeben.
- Fakten, Fakten, Fakten: Gefühlsblinde konzentrieren sich in ihrem Denken auf äussere Details und Fakten. 

Häufig wird die Toronto Alexithymia Scale (TAS-20) eingesetzt, ein wissenschaftlich validierter Alexithymie-Test mit 20 Aussagen, die das eigene Gefühlserleben abfragen. Je nach Punktzahl lässt sich eine mögliche Alexithymie einschätzen. Hier kannst du den Test machen.

Achtung: Das Ergebnis ist ein Anhaltspunkt, der Test ersetzt keine professionelle Abklärung! 

Kann man Alexithymie therapieren?  

Tatsächlich kann man «fühlen lernen», wie Carlotta Wedings Buchtitel suggeriert. Mit verschiedene Ansätzen der Psychotherapie lernen Betroffene, sich selbst besser wahrzunehmen, Emotionen zu differenzieren und zu regulieren. Eine Therapie kann auch helfen, Schwierigkeiten in sozialen Situationen und in der persönlichen Kommunikation abzubauen. Als hilfreich gilt auch die Psychoedukation, welche bisher unzugängliche und unverarbeiteten Emotionen zugänglich macht. So können viele Menschen mit Alexithymie lernen, Gefühle wahrzunehmen und mit ihnen umzugehen.

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