Der Mythos vom bösen blauen Licht
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Schlafprobleme wegen Handy:Der Mythos vom bösen blauen Licht

Selbstversuch mit Apple Watch
Was ich in 730 Nächten über mich gelernt habe

Blick-Redaktor Tobias Bolzern trackt seinen Schlaf seit 2024 mit der Apple Watch Ultra. Die Daten zeigen: Alkohol, Wochenend-Rhythmus und falsche Erwartungen kosten ihn Erholung. Was er gelernt hat.
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Zwei Jahre, 730 Nächte: Blick-Redaktor Tobias Bolzern schläft seit 2024 mit der Apple Watch Ultra am Handgelenk.
Foto: Tobias Bolzern

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Blick-Redaktor testet seit 2024 eine Apple Watch zur Überwachung seiner Schlafqualität
  • Uhr zeigt: Alkohol und soziale Jetlags beeinflussen Schlaf, Daten motivieren Veränderungen
  • Fazit nach 730 Nächten: Durchschnittlich 6,5 Stunden Schlaf und weniger Erschöpfung
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Tobias BolzernRedaktor Digital

Warum schlafe ich eigentlich schlecht? Die Frage stellte ich mir im Frühling 2024. Nicht nach einer Krise, es war einfach ein dumpfes Gefühl, am Morgen nicht wirklich ausgeruht aufzuwachen. Eine Antwort hatte ich schon. Im April 2023 wurde eine leichte Schlafapnoe bei mir diagnostiziert. 

Der Befund erklärte die Erschöpfung, löste sie aber nicht. Das CPAP-Atemgerät, das Ärzte empfehlen, habe ich ausprobiert. Zu laut, zu fremd. Der Leidensdruck war hoch genug für die Diagnose. Nicht hoch genug für die Maske. Also tat ich, was Tech-Journalisten tun: Ich trackte meinen Schlaf mit einer Datenuhr.

Was die Daten zeigten

Die Apple Watch Ultra ist kein besonders elegantes Gerät. Sie ist klobig, schwer, unübersehbar: Es ist der SUV unter den Smartwatches. Mein Umfeld belächelte das Gerät. Ich auch, ein bisschen. Aber sie hat einen entscheidenden Vorteil: Die Batterie hält lange. Zwei Tage, manchmal mehr. Sie überlebt die Nacht und liefert Daten. Die ersten Nächte waren schwierig. Nach einem Monat schlief ich mit der Uhr wie ohne.

Erster Befund nach wenigen Wochen: Ich brauche weniger Schlaf als gedacht. Sieben, acht Stunden sind die Richtwerte, die kursieren. Meine Nächte liegen im Schnitt bei 6,5 Stunden. Die Uhr bestätigte, was mein Körper schon wusste: Es gibt keine universelle Formel. Den grössten Ausschlag gab der Alkohol. Ein Glas Wein am Abend? Kein messbarer Unterschied. Zwei oder drei Gläser und die Daten schlugen aus. Puls erhöht, Schlafdauer verkürzt. Ich musste das nicht aktiv testen. Der Rückblick der App genügte.

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Der soziale Jetlag

Was mich mehr überraschte, war mein Wochenmuster. Unter der Woche: regelmässige Zeiten, stabile Werte. Am Wochenende ging ich später ins Bett, stand später auf, hatte schwankende Werte. Die Grafik dazu ist eindeutig. Fachleute sprechen bei solchen Verschiebungen zwischen Arbeitswoche und freien Tagen oft von sozialem Jetlag: einer kleinen, selbst erzeugten Zeitverschiebung. Caroline Lustenberger, Schlafforscherin an der ETH Zürich, kennt das Muster. Wer am Wochenende später schläft und länger liegenbleibt, baut bis zum Sonntagabend oft weniger Schlafdruck auf. Gleichzeitig kann sich die innere Uhr etwas nach hinten verschieben. Beides zusammen kann dazu führen, dass man am Sonntagabend schlechter einschläft. Das rächt sich am Montag.

Die Daten zeigen mein Social-Jetlag am Sonntag.
Foto: Tobias Bolzern

Nicht immer war die Uhr genau. Zeitzonenwechsel verwirrten das System. Nach einer Reise zeigt sie Werte, die fernab der Realität lagen. Was die Sensoren messen, ist ein Ausschnitt. «Was einigermassen genau ist, sind Bettzeit und Aufstehzeit», so Lustenberger. Was im Kopf passiert, das kann die Uhr nicht analysieren.

Mit verschiedenen Zeitzonen hat die Apple Watch ihre Mühe.
Foto: Tobias Bolzern

Wann man zum Arzt muss

Seit Herbst 2024 erkennt Apples Uhr Anzeichen von Schlafapnoe. Sie analysiert dafür 30 Nächte lang Bewegungen am Handgelenk. Schlägt sie an, ist das kein Befund, sondern ein Hinweis. Die Funktion ist laut Apple konservativ: Nur moderate bis schwere Fälle lösen eine Meldung aus. Was sie nicht ersetzt: Ärztinnen und Ärzte. Wer tagsüber dauerhaft erschöpft ist, regelmässig innerhalb von Minuten einschläft oder das Gefühl hat, acht Stunden zu schlafen und nicht erholt aufzuwachen, sollte eine Fachperson aufsuchen. «Wenn man aus Schlafbeschwerden nicht selbst herauskommt oder sich tagsüber über längere Zeit deutlich beeinträchtigt und nicht erholt fühlt: unbedingt medizinisch abklären lassen», sagt Lustenberger. «Nicht die Uhr entscheiden lassen, ob man etwas hat oder nicht. Sie ersetzt weder die eigene Wahrnehmung noch eine fachliche Einschätzung.» Meine Uhr hat nie angeschlagen.

Das Ende der Panik

Seit Herbst 2025 gibt die Watch eine Note für den Schlaf. Der sogenannte Sleep Score wurde zusammen mit watchOS 26 lanciert. «Wir hatten anfangs eine Liste mit zehn Faktoren. Am Ende blieben drei. Was zählt, muss Evidenz haben und es muss einfach sein», sagt Asha Chestnutt, Ärztin bei Apple, die die Funktion mitentwickelt hat. Die Punkte verteilen sich auf drei Faktoren: Schlafdauer (50 Punkte), Regelmässigkeit der Bettzeiten (30 Punkte), Unterbrechungen (20 Punkte). Entwickelt wurde der Score auf Basis von fünf Millionen Nächten aus einer Harvard-Studie.

Was Chestnutt beschäftigt hat: die Sprache. Die Uhr sagt nicht, man habe «schlecht geschlafen» – sondern verweist auf veränderbare Faktoren. «Wir wollen keine negative Rückmeldung», erklärt die Expertin, «sondern positive Impulse.» Ein Score von 55 nach einer Nacht mit Jetlag? Kein Drama. Eine Nacht nach zwei Gläsern Wein mit erhöhter Herzrate? Ein Hinweis – aber keine Bewertung. Die Uhr sei kein Empfehlungssystem, stellt Chestnutt klar: «Sie ist ein Insight-Maker. Was man daraus macht, entscheidet man selbst.»

Der Sleep Score setzt sich aus drei Faktoren zusammen.
Foto: Tobias Bolzern

Ich habe etwas daraus gemacht. Zwei Jahre, ein paar Kilo weniger, ein aktiverer Alltag. Die Erschöpfung, die mich damals zum Arzt trieb, ist heute weg. Die Uhr hat das nicht bewirkt. Sie hat es aufgezeichnet und mich dennoch motiviert, weiterzumachen.

Was ich gelernt habe: Einzelne Nächte sagen wenig. Der Sleep Score nach einem Langstreckenflug, der Ausreisser nach einem Geburtstag: Rauschen. Was zählt, sind die Muster über Monate. Wann schlafe ich kürzer? Wann steigt der Puls? Wann verschieben sich meine Zeiten? Die Antworten stecken nicht in einer Nacht. Sie stecken in der Kurve. Die grösste Erkenntnis nach 730 Nächten: Der beste Schlaftracker ist der, den man irgendwann ignoriert. Nicht die erhobenen Daten haben meinen Schlaf verbessert – die Aufmerksamkeit hat es getan. Die Uhr zwang mich, hinzuschauen. Auf den Alkohol, auf die Rhythmen, auf den Unterschied zwischen gefühlter und gemessener Müdigkeit. Irgendwann brauchte ich die bunten Grafiken nicht mehr. Das Wissen war da. Den Klotz am Handgelenk, den behalte ich trotzdem.

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