Darum gehts
- Eine 70-jährige Rentnerin wird beschuldigt, einen Artikel und ein Plastiksäckli nicht gescannt zu haben
- Polizei machte Fotos, nahm Fingerabdrücke – Vorwürfe der Unverhältnismässigkeit
- Schaden gering – Debatte über Eigenverantwortung bei Self-Checkout entfacht
Die Geschichte der 70-jährigen Therese Stooss sorgt für Diskussionen. Die Rentnerin hatte zum ersten Mal überhaupt eine Self-Checkout-Kasse ausprobiert, weil die bedienten Kassen voll waren und sie einen Zahnarzttermin hatte. Beim Einkauf unterlief ihr ein Fehler: Ein Artikel wurde nicht korrekt erfasst, zudem bezahlte sie ein 5 Rappen teures Plastiksäckli nicht. Der von ihr bezahlte Gesamtbetrag der Einkäufe lag bei rund 24 Franken. Vier Monate später wurde sie von der Polizei wegen des Verdachts auf geringfügigen Ladendiebstahl einvernommen.
Besonders zu schaffen macht der Rentnerin dabei nicht eine mögliche Busse, sondern der Umfang des Verfahrens: Einvernahme bei der Polizei, Fotos, Finger- und Handballenabdrücke. Sie selbst spricht von einem Gefühl, wie eine Schwerverbrecherin behandelt worden zu sein. Der Fall sorgt nun für eine grundsätzliche Debatte über Self-Checkout: Wie viel Eigenverantwortung darf man von Kundinnen und Kunden verlangen – und wie verhältnismässig ist es, wenn aus einem möglichen Bedienungsfehler ein Strafverfahren wird?
Leser fordern mehr Augenmass
Die Reaktionen auf den Fall fallen deutlich aus: Viele Leserinnen und Leser halten das Vorgehen gegen die 70-Jährige für völlig unverhältnismässig. So schreibt Patrick Meier: «Das Verhalten der Migros ist sehr bedenklich. Ich nutze diese Selfscanner sehr oft. Es kann definitiv mal vorkommen, dass der Scanner ein Produkt nicht erkennt.» Mit etwas Menschenkenntnis hätte man erkennen können, dass es sich wohl nicht um Vorsatz gehandelt habe. «Die Migros hätte hier den fehlenden Betrag und eine Bearbeitungsgebühr nachverlangen können und der Fall wäre erledigt gewesen. Eine Anzeige bei der Polizei war hier definitiv fehl am Platz.»
Olivia Karli sieht ein Problem beim Risiko für die Kundinnen und Kunden. «Das ist der Grund, warum ich nicht selber scanne. Keine Ersparnis und volles Risiko bei mir.» Sie berichtet von einem Erlebnis beim Self-Checkout: «Man schickte mich mal zur Self-Checkout-Kasse, weil ich mit Karte zahlen wollte. Zum Glück hatte ich genügend Bargeld dabei und konnte dann an der Kasse zahlen.» Am Ausgang wurde sie angehalten, weil zwei Artikel von einem Mitarbeiter nicht gescannt worden seien. «Wäre der Fehler mir unterlaufen, wäre ich mit auf den Posten.»
Auch Roland Kobel sieht ein grundsätzliches Problem. «Das Ganze hat System», schreibt er. Gerade ältere Menschen würden bei den technischen Abläufen teilweise an ihre Grenzen stossen. «Mit etwas Verständnis und gutem Willen könnte manche Situation ohne Eskalation bereinigt werden. Aber heute wird mit Bussen und zusätzlichen Gebühren viel Geld generiert.»
Andere sehen die Verantwortung bei den Kunden
Doch nicht alle Leserinnen und Leser sehen den Fall gleich. Differenzierter äussert sich Michael Ronner. «Wer den Self-Checkout nutzt, übernimmt selbst die Verantwortung für die Korrektheit des Scans – Unwissenheit schützt auch bei 24 Franken nicht vor dem Gesetz», schreibt er. Gleichzeitig stellt auch er die Verhältnismässigkeit des Vorgehens infrage: «Wegen eines versehentlich nicht gescannten Artikels und eines 5-Rappen-Säcklis gleich Fingerabdrücke, Handballenabdrücke und Tattoofotos auf der Polizeiwache einzufordern, steht in keinem gesunden Verhältnis zum Warenwert.»
Auch Nicole Beyeler findet, die Reaktion und das Polizeiverhör mögen zwar übertrieben wirken. Gleichzeitig müsse aber auch gegen Diebstahl vorgegangen werden. «Endlich wird mal ein Riegel vorgeschoben. Denn ganz ehrlich: Wer hat schon Bock darauf, ständig mehr für Ware zu bezahlen, weil man mit seinen Einkäufen irgendwie die Klauerei anderer mitfinanzieren muss.»
Für Simon Vonarburg ist klar: «Ich kann den Frust für eine ältere Person verstehen. Aber so brutal es halt ist: Man kommt halt auch im Alter nicht daran vorbei und sollte versuchen mitzudenken.» Man müsse bereit sein, neue Systeme zu lernen, um sich den Alltag zu erleichtern. «Sonst kriegen ältere Personen einen Freifahrtschein für alles. Ladendiebstahl ist halt möglich und wird besonders auch bei Senioren beobachtet.» Wer sich an der normalen Kasse wohler fühle, könne diese schliesslich weiterhin nutzen.