Darum gehts
- Der Zürcher Kantonsrat beschloss am Montag ein Kopftuchverbot
- Muslimische Kreise planen Referendum, 1000 Unterstützer bereits mobilisiert
- Hinter dem Widerstand steht der fundamentalistische Islamische Zentralrat
Mit 87 zu 82 Stimmen hat der Zürcher Kantonsrat ein Kopftuchverbot an Schulen befürwortet. Der Regierungsrat soll nun innerhalb von zwei Jahren die gesetzliche Grundlage dafür ausarbeiten. Doch es zeichnet sich bereits Widerstand ab: Muslimische Kreise kündigen ein Referendum an und wollen die geplante Regelung vors Volk bringen.
Hinter den Referendumsplänen stehen unter anderem Personen mit Verbindungen zum Islamischen Zentralrat. Auch Ferah Ulucay gehört zu den Stimmen hinter dem geplanten Komitee. Die 34-Jährige war bis 2024 Generalsekretärin des IZR. Sie bestätigt, dass ein entsprechendes Komitee aufgebaut werden soll. Bereits jetzt hätten sich knapp 1000 Unterstützerinnen und Unterstützer gemeldet. Muslimische Lehrerinnen und Schülerinnen sollten selbst bestimmen können, was sie tragen, sagt Ulucay. «Ein Verbot schränkt die Freiheit der Betroffenen ein.»
Zwischen Religionsfreiheit, Integration und klaren Regeln
Die angekündigten Referendumspläne sorgen nicht nur auf politischer Ebene für Gesprächsstoff. Auch in unserer Kommentarspalte wird kontrovers darüber diskutiert, wo die Grenzen der Religionsfreiheit liegen, wie weit staatlicher Schutz gehen soll und was unter gelungener Integration zu verstehen ist.
So verweist Leser Peter Reuber auf das Spannungsfeld zwischen individueller Religionsfreiheit und möglichem familiärem oder gesellschaftlichem Druck. «Klar, ein Verbot schränkt die Freiheit der Betroffenen ein. Aber die Erlaubnis beschränkt die Freiheit jener, die unter familiärem, religiösem oder gesellschaftlichem Druck das Kopftuch tragen müssen.» Wer behaupte, das Kopftuch sei grundsätzlich Ausdruck freier Selbstbestimmung, ignoriere die Realität vieler islamischer Länder. «Genau hier zeigt sich das Dilemma der Religionsfreiheit: Sie soll Menschen vor staatlicher Bevormundung schützen, darf aber nicht zum Schutzschild für religiöse Bevormundung werden.»
In eine ähnliche Richtung argumentiert User Nisan Bartov. Für ihn steht insbesondere der Schutz minderjähriger Mädchen im Zentrum: «Bei Kindern kann nicht selbstverständlich von einer freien und selbstbestimmten Entscheidung für das Kopftuch ausgegangen werden. Der Staat hat die Pflicht, sie vor familiärem und religiösem Druck zu schützen.»
Rolf Stäheli sieht in religiösen Symbolen an Schulen eine Gefahr für die religiöse Neutralität: «An Schulen haben religiöse Symbole wie das Kopftuch nichts zu suchen – sie beeinflussen Kinder unterschwellig und gefährden die religiöse Neutralität im Bildungswesen», schreibt er. Zugleich warnt er vor mangelnder Integration und der Entstehung von Parallelgesellschaften. Wer in der Schweiz lebe, müsse sich an die hiesigen gesellschaftlichen Regeln und Werte halten. Sein Fazit: «Unsere Werte sind nicht verhandelbar!»
Stimmen gegen das Verbot
Auf der anderen Seite gibt es auch Stimmen, die sich gegen ein Verbot aussprechen und stattdessen für mehr Offenheit und einen pragmatischen Umgang mit religiösen Symbolen plädieren. Leser Pascal Homer setzt dabei auf einen Kompromiss und schreibt: «Warum nicht pragmatisch denken und die verschiedenen Symbole und Werte bunt wie ein Regenbogen einfach miteinander verbinden? Das wäre doch mal ein echter Kompromiss, der die Debatte zwischen den verschiedenen politischen Lagern entspannen könnte.»
Leserin Lea Hug stellt die Freiheit der betroffenen Mädchen in den Mittelpunkt. «Ein Verbot des Kopftuchs trifft am Ende genau jene Mädchen, deren Freiheit man damit eigentlich schützen möchte», schreibt sie. Wer Mädchen vorschreibe, was sie nicht tragen dürften, greife ebenfalls in deren Selbstbestimmung ein. «Freiheit bedeutet auch, eine Entscheidung treffen zu dürfen, die anderen nicht gefällt.»
Noch konkreter warnt Leserin Anja Knöpfli vor möglichen Folgen eines Verbots: «Ein Kopftuchverbot könnte ausgerechnet den Mädchen schaden, die man damit schützen möchte. Manche Familien könnten ihre Töchter deshalb aus der Schweizer Schule nehmen oder sie frühzeitig ausserhalb der Schweiz verheiraten.» Dadurch würden sie den Zugang zu Bildung und den Kontakt zu unterschiedlichen Lebensweisen verlieren, während ihre Brüder weiterhin in der Schweiz aufwachsen könnten. «Gerade Bildung und soziale Kontakte stärken die Selbstbestimmung von Mädchen. Sie sollten die Möglichkeit haben, in der Schweiz aufzuwachsen und als Erwachsene selbst zu entscheiden, ob sie ein Kopftuch tragen möchten.»