Darum gehts
- Der Hass auf Schweizer Strassen nimmt zu: Ein Autofahrer in Zürich rammte 2023 absichtlich einen Velofahrer
- Bürgerliche Politiker fordern ein strengeres Vorgehen gegen Velo-Rowdys und härtere Bussen
- Laut Verkehrspsychologe führen verschiedene Faktoren zu mehr Aggressionen auf unseren Strassen
Die Zürcher Rosengartenstrasse ist für Velofahrer ein hartes Pflaster. Besonders im Morgenverkehr. Lastwagen und gestresste Autofahrer donnern die 50er-Strecke hinab – dicht an dicht, Spur an Spur. So auch Endrit D. (35) an einem Morgen im April 2023. Kurz vor der Verzweigung Richtung Hardbrücke regt er sich über einen Velofahrer vor ihm auf, hupt, fährt dicht auf. Doch der Velofahrer lässt sich nicht beeindrucken. Also rammt D. ihn kurzerhand. Der Mann stürzt mitten auf der Strasse und wird «nur durch Zufall» nicht von den nachfolgenden Fahrzeugen überrollt. Endrit D. fährt weiter. Diesen April wird er deshalb wegen mehrfacher grober Verletzung der Verkehrsregeln sowie wegen versuchter schwerer Körperverletzung zu vier Jahren und zwei Monaten Gefängnis verurteilt.
Klar handelt es sich hier um ein Extrembeispiel. Doch Situationen wie diese sind in Schweizer Städten keine Einzelfälle und Konflikte zwischen Auto- und Velofahrern kein neues Phänomen. Schon 2012 gingen die Emotionen bei vielen Automobilisten hoch, als die Zürcher Gemeinderäte Matthias Probst (Grüne) und Marcel Schönbächler (CVP) vorgeschlagen hatten, Velos sollen künftig bei Rot rechts abbiegen dürfen – was inzwischen seit 2021 an Ampeln mit entsprechendem gelben Pfeil in Zürich erlaubt ist.
Aus Sicht vieler bürgerlicher Politiker fühlten sich Velofahrer von diesem Kurs «rot-grüner Stadtbehörden» sogar bestärkt, sich nicht an die Gesetze halten zu müssen. Unlängst forderten Vertreter wie der Zürcher SVP-Nationalrat Gregor Rutz (53) deshalb ein härteres Vorgehen und häufigere Kontrollen der Polizei gegen die Rowdys auf zwei Rädern: «Die Velofahrer in Zürich haben das Gefühl, dass die Verkehrsregeln für sie nicht gelten. Ihre zunehmende Aggressivität bereitet mir Sorgen», so Rutz gegenüber dem «St. Galler Tagblatt».
Fehlender Platz als Hauptproblem
Ob die Aggressionen im Strassenverkehr in den letzten Jahren tatsächlich zugenommen haben, lasse sich zwar empirisch nicht belegen, meint Gianclaudio Casutt. Es spreche aber vieles dafür. Der Zuger Verkehrspsychologe erstellt im Auftrag der Schweizer Behörden Gutachten und entscheidet darüber, ob seine (meist männlichen) Klienten, die einen schweren Verstoss gegen die Strassenverkehrsordnung begangen haben, grundsätzlich aus dem Verkehr gezogen werden sollten (mehr dazu im «Podcast Elektrogeflüster»). Dabei gibt es zunehmend Vorfälle mit purer Aggression, auch zwischen Auto- und Zweiradfahrern.
«Das ‹Gefühl› der zunehmenden Aggressivität ist real und durch Umfragen belegt – die Zunahme ist aber nicht mit harten Längsschnittzahlen messbar», sagt Casutt. Verkehrspsychologisch sei es ein Zusammenspiel aus Platzmangel, Dehumanisierung, politischer Polarisierung («Verkehrspolitik als Kulturkampf») und einer allgemeinen gesellschaftlichen Entsolidarisierung. «Hauptfaktor dieser Entwicklung stellt, und dies ist wiederum belegt, der mangelnde Platz dar. Immer mehr und immer unterschiedlichere Fahrzeugarten tummeln sich auf gleich gross bleibenden Strassenflächen.»
Die Lösung sei jedoch nicht der Bau von immer mehr und neuen Strassen, weil dies auf Dauer zu noch mehr Verkehr und den gleichen Problemen wie heute führen würde. «Gute Infrastruktur für Velofahrer reduziert zwar das Unfallrisiko, aber nicht zwingend soziale Spannungen. Letztere speisen sich aus Identität, Moral und Politik – und die lassen sich nicht wegasphaltieren», so Casutt.
Rüpel-Radler in Dresden und Lille
Das Gefühl, Velofahrer würden sich sowieso an keine Gesetze halten, ist bei vielen Autofahrern fest zementiert. Aber stimmt das tatsächlich? Halten sich Velofahrerinnen und Velofahrer tatsächlich weniger an die Regeln als Autolenker? Dazu gibts mehrere Studien.
Der «Spiegel» präsentierte kürzlich zwei wissenschaftliche Erhebungen der Hochschulen Dresden (D) und Lille (F). Diese stellten für die Untersuchung an Kreuzungen Kameras auf und prüften, ob Velos bei Rot anhalten. Die Resultate seien eindeutig: In Dresden überfuhren 80 Prozent der Velofahrer das Rotlicht, in Lille 75 Prozent. Der «Spiegel» kommt zum Schluss: «Der viel beklagte Rüpel-Radfahrer ist nicht nur ein Klischee.» Viele Velofahrer missachteten selbst einfachste Regeln.
Velofahrer deutlich sichtbarer
Ganz andere Ergebnisse präsentiert – schon branchenbedingt – der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC), genauer: ihr Landesverband Baden-Württemberg. Eine Studie im Auftrag der dänischen Regierung im Jahr 2021 habe ergeben, dass nur 5 Prozent der Radfahrenden bei der Beobachtung an einer Kreuzung die Verkehrsregeln verletzten. Eine gross angelegte Untersuchung in Kopenhagen und weiteren grossen bis mittelgrossen Städten in Dänemark kam bereits zwei Jahre zuvor zu gleichen Ergebnissen.
Auch in Deutschland seien Velofahrende nicht weniger gesetzestreu als Autofahrende, sagt der ADFC. Oft spiele die unzureichende Infrastruktur eine grosse Rolle: Das sei der häufigste Grund für einen Gesetzesbruch – auch das hält die dänische Studie fest. Zudem seien Vergehen auf zwei Rädern deutlich sichtbarer: Wenn ein Velofahrer über eine rote Ampel brettert, ist das für andere Verkehrsteilnehmende gut erkennbar.
Wenn jedoch ein Autofahrer zu schnell fährt oder noch rasch bei Dunkelgelb über die Kreuzung flitzt, bleiben die Verstösse oft unbemerkt. Gleiches gilt fürs Handy am Steuer oder das falsch parkierte Auto. So gaben bei einer Umfrage in Deutschland laut ADFC zwei von drei befragten Autofahrenden zu, regelmässig gegen die geltenden Regeln zu verstossen, zum Beispiel bei der Geschwindigkeit (63 Prozent) oder beim Blinken (46 Prozent).
Aggression als Ventil höchst gefährlich
In die gleiche Kerbe schlägt der Schweizer Dachverband Pro Velo: «Wir gehen davon aus, dass sich alle Verkehrsteilnehmenden ähnlich häufig nicht an Regeln halten. Bei Velos sind die Verstösse aber besser sichtbar», sagt dazu Christoph Merkli, Leiter Infrastruktur und Politik beim Verband. Aufgrund von Rückmeldungen der Regionalverbände hat Pro Velo (wie auch der ADFC) aber tatsächlich den Eindruck, dass Aggressionen gegenüber Velofahrenden zugenommen haben.
Neben der allgemein gestiegenen Zahl an Velos und schnellen E-Bikes sieht auch Merkli als Hauptgrund für die schwelenden Konflikte das zu knappe Platzangebot. «Dadurch entsteht Dichtestress, und Velos weichen öfter auf die Strasse oder das Trottoir aus, obwohl es einen Velostreifen oder Veloweg hätte.» Ausserdem müssten sich Velos an vielen Orten den Platz mit Fussgängern teilen, wodurch vermehrt Konflikte zwischen den beiden Gruppen entstehen würden.
Egal ob Auto- oder Velofahrer: Wenn es um aggressive Verhaltensweisen geht, spielen Gefühle immer eine grosse Rolle. «Aggression wird durch ein Spannungsfeld genährt: Die erwähnten Beispiele wirken darin rasch wie ein Katalysator. Stress, Ärger, Enttäuschung können zudem durch ganz andere Themen während der Fahrt mitschwingen», erklärt Gianclaudio Casutt abschliessend. In unserer immer schnelllebigeren Welt brauche es dann häufig nicht mehr viel, bis aus den negativen Gefühlen Aggression entsteht, die dann wie ein stressabbauendes Ventil funktioniere. «Leider ist diese destruktive Art von Stressabbau im Strassenverkehr höchst gefährlich.»