Autodesign wird immer brutaler
Weg da, jetzt komm ich!

Ein brutaler Look ist der neue Zeitgeist im Autodesign. Woher kommt dieser Trend? Müssen wir uns inzwischen dem chinesischen Geschmack unterordnen, selbst wenn wir ein europäisches Auto kaufen?
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Alles hat mit Elon Musk (55) begonnen.
Foto: AFP

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Elon Musk präsentierte 2019 den Tesla Cybertruck mit radikalem Design
  • Neue Autos wie der 7er-BMW setzen zunehmend auf aggressive Optik und Dominanz
  • Asiatische und US-Märkte prägen das globale Autodesign, Europa muss sich anpassen
Arthur Konrad

Alles hat mit Elon Musk (55) begonnen. Wieder einmal. 2019 zeigte Elon Musk den Prototyp des Tesla Cybertrucks und schockierte die Welt. Nie zuvor kam ein Auto so kalt, abweisend und brutal daher. Deshalb war es leicht, das Ding als extrem US-spezifisch, als Obsession eines durchgeknallten Milliardärs abzuhaken. Aber letztlich war es sogar den Amerikanern zu viel, der Monstertruck entwickelte sich zum Monsterflop.

Heute muss man allerdings sagen: Vielleicht hatte Elon Musk doch den richtigen Riecher – und war seiner Zeit nur etwas voraus. Denn gegenwärtig setzen Premiumfahrzeuge immer offensichtlicher auf eine Brutal-Optik à la Cybertruck. Egal, ob Mercedes C-Klasse, Audi Q4 E-Tron oder BMWs Neue Klasse: Die Gesichter werden aggressiver, die Kühlermasken wuchern wie Botox- oder eigenfettbehandelte Körperteile, die Scheinwerferaugen verengen sich zum bösen Blick. Das Signal im Rückspiegel wird unmissverständlich: Weg da, jetzt komm ich!

Wollen wir Europäer das wirklich?

Als höchste Eskalationsstufe gilt wohl der neue 7er-BMW, dessen Front wie eine comicartig überzeichnete Fratze eines Riesenhamsters wirkt. Auch sind Ähnlichkeiten mit Black Beauty, einer schwer bewaffneten Wagenburg aus der Graphic-Novel-Verfilmung «Green Hornet» (2011) unübersehbar. Es fehlen eigentlich nur die Maschinengewehre und Raketenwerfer des Filmautos, um die linke Spur freizuräumen.

Die Optik des Luxus-BMW ist zweifellos radikal. So radikal, dass es eigentlich ein No-Go sein müsste, wenn sich CEOs und Politiker unserer auf Harmonie gebürsteten Gesellschaft in so einer vierrädrigen Machtdemonstration sehen lassen. Luxuslimousinen mögen noch Ausnahmeerscheinungen sein. Aber jetzt zieht der Trend in die Mittelklasse ein. Das bringt einen Widerspruch mit sich: Aggressive Optik trifft auf eine Gesellschaft, die eigentlich auf Achtsamkeit und Zurückhaltung setzt. Bleibt die Frage: Werden hier wirklich die Wünsche der europäischen Kunden verwirklicht – oder ist da wieder etwas furchtbar schiefgelaufen? Wie damals, als zahlreiche Marketingstudien den ganz schnellen Durchbruch der Elektroautos vorhergesagt haben. Eine Fehleinschätzung, die die Autohersteller viele Milliarden gekostet hat.

Auffallen um jeden Preis

Dazu passt eine Aussage des legendären Industriedesigners Giorgetto Giugiaro (88), der unter anderem den VW Golf I, den Lotus Esprit, den Fiat Panda oder die Nikon-Fotokamera F4 schuf: «Der Zwist zwischen Marketing und Design ist ein uralter Machtkampf. Die Marketingleute sind selbst völlig unfähig, ein Auto zu entwerfen. Sie wollen uns Designern aber alles vorschreiben, weil sie glauben, alles analysiert zu haben, alles zu begreifen. Zu dominantes Marketing erstickt die Kreativität.» Dieses Zitat ist mehr als 25 Jahre alt. Doch seither hat sich die Situation der Designer sicher nicht verbessert. Heute sind hochbeinige SUVs quer durch alle Klassen die vorherrschende Bauform. Es sind von Natur aus grosse Kisten, denen ein Mindestmass an Aerodynamik aufgezwungen werden muss. Als technisch-logisches Ergebnis sehen alle SUVs irgendwie gleich aus – wie frisch geschlüpfte Babywale, nur nicht so niedlich. Es braucht also ein Mindestmass an Radikalität, wenn sich ein Hersteller vom Mainstream absetzen will. Auffallen um jeden Preis scheint zur Überlebensstrategie der Premiummarken zu werden.

Der zweite bestimmende Faktor für den neuen Brutalismus im Autodesign ist da schon bedenklicher. Beatrix Keim (59), Direktorin des Center Automotive Research: «Dominante Designs richten sich klar an asiatische und amerikanische Kunden, allerdings mit unterschiedlichen Zugängen. In den USA hat man kein Problem damit, zu zeigen, was man hat. China war dagegen über Jahrtausende arm. Heute will man zeigen, was man sich leisten kann. Ein Auto darf dort durchaus Grandezza zeigen, in den gehobenen Klassen sollte es sogar majestätisch wirken. Auf den grössten Automärkten der Welt ist noble Zurückhaltung einfach nicht angesagt.»

Autodesign spiegelt Zeitgeist wider

Es könnte also sein, dass inzwischen sogar Massenmodelle von den Herstellern für die übermächtigen asiatischen und amerikanischen Märkte konzipiert werden – und wir Europäer müssen nehmen, was wir kriegen. Aber auf Nachfrage werden das die verantwortlichen Manager natürlich niemals zugeben. Sicher ist: Frühere Designgrundsätze – zum Beispiel: Je weniger Linien, desto besser – und gestrige Schönheitsideale zählen nicht mehr. In den nächsten Jahren verdrängt Aggressivität die schlichte Eleganz. Kein Wunder: Wir leben in einer raueren Welt. Das Autodesign spiegelt nur diesen Zeitgeist wider.

Andererseits zeichnet sich bereits jetzt das traurige Schicksal vieler Modetrends ab. Bei aller Radikalität sehen sich ein 7er-BMW, ein Audi Nuvolari oder ein Jaguar Type 00 doch wieder zum Verwechseln ähnlich. Deshalb könnte vielleicht sogar der heute so viel geschmähte Ferrari Luce noch zur Ikone seiner Epoche aufsteigen – weil er gegen den Zeitgeist angetreten ist. Sein Design ist zwar aalglatt, aber doch wohlproportioniert und irgendwie hübsch. Oder wie sagt der Amerikaner Frank Stephenson (66), einst Designchef bei Mini, im Fiat-Konzern und bei McLaren: «Schönheit hält ewig, und hässlich bleibt einfach nur hässlich.» Und bei diesem Satz denkt wohl jeder Autofan sofort an den Fiat Multipla, den Pontiac Aztek oder den Nissan Juke, die uns von besonders wagemutigen Designern beschert wurden.

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